Anteilsmäßig arbeiten in Stuttgart deutlich weniger junge Menschen in der Hotellerie als vor einigen Jahren. Eine Gewerkschaft macht den Betrieben nun Vorwürfe.
Für Sara Hoffmann passt die Ausbildung zur Hotelfachfrau beziehungsweise zum Hotelfachmann gut in eine Zeit, in der Flexibilität im Arbeitsleben bei jungen Menschen eine große Rolle spielt. „Das ist ein Beruf, den ich überall auf der Welt ausüben kann“, sagt Hoffmann, die im Personalbüro des Stuttgarter Hotels Maritim arbeitet.
Dennoch hat die Anziehungskraft, die das Hotelgewerbe auf junge Menschen ausübt, offenbar nachgelassen – zumindest in der Landeshauptstadt. Berechnungen unserer Redaktion auf Grundlage von Arbeitsagentur-Daten zeigen den Anteil an Beschäftigten unter 35 Jahren in unterschiedlichen Berufsfeldern in Stuttgart. Im Bereich Hotellerie ist dieser Wert zwischen 2014 und 2024 um 13,3 Prozent gesunken – der zweithöchste Abfall unter den Berufsfeldern mit mindestens 400 Beschäftigten.
Fachkräftemangel in der Hotellerie
In absoluten Zahlen bedeutet das: 2024 arbeiteten 140 weniger Beschäftigte unter 35 Jahren in der Hotellerie als noch 2014, obwohl das Berufsfeld insgesamt gewachsen ist.
Daniel Ohl will der Branche dennoch kein Nachwuchsproblem attestieren. Der Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Baden-Württemberg sagt: „Wir haben im Gastgewerbe stark steigende Ausbildungszahlen im Land.“ In diese Kategorie fallen allerdings auch Berufe aus der Gastronomie; in der Hotellerie alleine hat sich die Zahl der Auszubildenden in Stuttgart zwischen 2014 und 2024 dagegen fast halbiert. Und auch für Ohl ist klar: In der Hotellerie herrscht Fachkräftemangel.
Ausbildung: Gewerkschafter sieht Gefahr psychischer Belastung
Einige der Erklärungsansätze – etwa der demografische Wandel und die zunehmende Akademisierung der Gesellschaft – betreffen auch andere Berufsfelder. Oliviero Ferretti sieht jedoch auch spezifische Faktoren, warum sich seiner Erfahrung nach immer weniger junge Menschen für die Hotellerie entscheiden.
„Die Ausbildung wurde jahrelang vernachlässigt“, sagt der Gewerkschaftssekretär von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Region Stuttgart. Ihm zufolge müssen Auszubildende in vielen Betrieben zu häufig Lückenfüller-Aufgaben wie Zimmerputzen oder Gemüseschälen übernehmen. Damit einhergehe, dass sie auf andere Tätigkeiten später nicht ausreichend vorbereitet seien. „Mangelnde Einarbeitung kann eine psychische Belastung nach sich ziehen“, sagt Ferretti.
Im Maritim-Hotel stellt sich die Situation laut Sara Hoffman aus dem Personalbüro anders dar. „Bei uns durchlaufen Azubis circa 13 Stationen, jeweils zwischen vier und 16 Wochen lang.“ Dazu gehören die Arbeit rund um das Frühstücksbüffet oder an der Bar, aber auch das Aufnehmen von Buchungen oder das Organisieren von Veranstaltungen. Je nach Bereich hat man dabei unterschiedliche Arbeitszeiten. „Das ist einfach eine Typsache, ob einem Frühschichten oder Spätschichten besser liegen“, sagt Hoffmann.
Migration spielt in der Hotellerie wichtige Rolle
Ferretti nennt die Arbeitszeiten im Hotelgewerbe dagegen als einen Punkt, der viele junge Menschen abschrecke. Er schildert Fälle, in denen Azubis nach der Frühschicht eine lange Mittagspause von rund vier Stunden eingelegt und danach noch einmal gearbeitet hätten. „Auch wenn die gesetzliche Maximalarbeitszeit so nicht überschritten wird, ist der Tag trotzdem komplett geblockt“, kritisiert Ferretti. Ihn stört, dass es vielen jungen Menschen an Wissen über ihre Rechte als Arbeitnehmer in Deutschland mangele – und „schwarze Schafe“ unter den Hotels dies ausnutzten.
Besonders ausgeprägt sei diese Konstellation, wenn es sich um frisch zugewanderte Auszubildende handele. Deren Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt steigt in Zeiten des demografischen Wandels. Die Hotellerie stellt dabei keine Ausnahme dar. „Wir haben viel Migration in die Ausbildung“, sagt Dehoga-Pressesprecher Daniel Ohl.
Laut Ferretti sehen sich Zugewanderte ob ihres prekären Status – teilweise ist die Aufenthaltserlaubnis an den Arbeitgeber gebunden – häufig nicht in der Lage, ihre Arbeitsbedingungen zu kritisieren: „Die Arbeitgeber beschaffen sich Personen aus dem Ausland und feiern sich dafür.“ Das sei jedoch kaum nachhaltig, weil man diese Menschen oft nicht ausreichend unterstütze, etwa beim Erlernen der deutschen Sprache.
Gewerkschaft hofft auf Lerneffekt
Diese Vorwürfe kann Natalie Butz, Leiterin Kommunikation beim Dehoga Baden-Württemberg, nicht nachvollziehen. „Unsere Branche ist gastorientiert, Sprache ist ein absolutes Muss im Miteinander.“ Entsprechend viel liege den Betrieben daran, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu unterstützen. „Es gibt da viele von Erfolg gekrönte Geschichten“, sagt Butz. Sie verweist auf einen jungen Indonesier, der für die Ausbildung in der Hotellerie in den Schwarzwald gekommen sei – und später als Kammerbester abgeschlossen habe.
Für Ferretti sind solche Positivbeispiele noch zu selten. Der Gewerkschafter hofft aber darauf, dass Betriebe gerade beim Umgang mit zugewanderten Azubis aus heutigen Erfahrungen für die Zukunft lernen. Zweifelnd fügt er allerdings hinzu: „In einer perfekten Welt würden sich die Arbeitgeber und die Gewerkschaften dabei ergänzen.“ Davon sei man momentan noch weit entfernt.
Daten zu jungen Beschäftigten in Stuttgart
Quelle
Die Berechnungen zum Anteil der jungen Beschäftigten in Stuttgart basieren auf Daten der Agentur für Arbeit. Diese zeigen, für wie viele Beschäftigte der Altersgruppen unter 25 Jahren, 25 bis unter 35 Jahre, 35 bis unter 55 Jahre sowie 55 Jahre und älter jeweils 2014 und 2024 in Stuttgart arbeiteten. Die Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Beschäftigte mit dem Arbeitsort Stuttgart. Das heißt: Es ist nicht der komplette Zuständigkeitsbereich der Agentur für Arbeit Stuttgart eingeschlossen. Dieser umfasst auch den Landkreis Böblingen.
Beschäftigung
In die Daten sind alle Formen von Beschäftigung eingeflossen. Während sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in den meisten Berufsfeldern den überwiegenden Anteil ausmachen, zählen auch geringfügig Beschäftigte in die Statistik.
Berufe
Die Zahlen zu Beschäftigten in Stuttgart beziehen sich nicht auf einzelne Berufe, sondern auf Berufsgruppen. Darin sind jeweils mehrere Berufe zusammengefasst. Eine Auflistung, welcher Beruf zu welcher Gruppe gehört, findet sich auf der Webseite der Agentur.