Familie aus dem Südwesten Wenn weiße Eltern Schwarze Kinder adoptieren
Familie Zeller hat ein Schwarzes Kind adoptiert. Manche finden das kritisch: Weiße Eltern werden nie ganz verstehen, wie Rassismus sich anfühlt. Wie geht die Familie damit um?
Familie Zeller hat ein Schwarzes Kind adoptiert. Manche finden das kritisch: Weiße Eltern werden nie ganz verstehen, wie Rassismus sich anfühlt. Wie geht die Familie damit um?
Der Weg zur Adoption fing für Tanja und Thomas Zeller (Namen der Familienmitglieder geändert) so an, wie er bei vielen anfängt. Das mit den leiblichen Kindern wollte einfach nicht klappen. Eine Weile hätten sie schon gebraucht, um damit klarzukommen, sagt Thomas Zeller heute. Doch die Entscheidung, zu adoptieren, sei ihnen dann leicht gefallen. „Es sollte einfach so sein für uns“, sagt Tanja Zeller (44). Also gingen sie zu Informationsveranstaltungen, gaben ärztliche Atteste ab, ließen sich in Gesprächen mit Fragen zu ihrem Kinderwunsch löchern.
Dann kam der Moment, in dem sie Wünsche zu ihrem Kind angeben sollten. Trauten sie sich zu, ein Kind mit Behinderung großzuziehen? Wollten sie ein bestimmtes Geschlecht? Zwillinge? Würden sie ein Frühchen nehmen? Oder ein Kind mit anderer Hautfarbe als ihre? Sie überlegten. Zwillinge, Frühchen, das trauten sie sich alles zu – und auch bei Hautfarbe und Herkunft waren sie völlig offen. „Dem fühlten wir uns gewachsen“, sagt Tanja Zeller.
Als ein paar Monate später das Telefon klingelte und ihnen gesagt wurde, dass sie ein Baby bekommen würden, waren die beiden völlig aus dem Häuschen, sagen sie. Einen Tag später hielten sie ihre Sophia in den Armen. Noch Jahre später strahlen sie, wenn sie von dem Tag erzählen. Wie sie stundenlang im Auto saßen und nur eine Pipi-Pause machten, um schnell in der norddeutschen Stadt anzukommen, in der Sophia geboren wurde. Wie sie in der Nacht kein Auge zu machten. Und wie sie auf Sophias kleinem Gesicht ein Lächeln ausmachen konnten, als sie sie zum ersten Mal sahen.
Auch heute – Sophia ist inzwischen neun Jahre alt – sind sie überglücklich mit ihrer Tochter. Dass sie Schwarz ist, das war für die beiden nie ein Thema. Sie wollten ein Kind. Sie wollten einem Baby in ihrem Haus in der baden-württembergischen Kleinstadt ein gutes Zuhause bieten, dessen leibliche Eltern es ihm nicht geben konnten. Sie bekamen Sophia, ihre heißgeliebte Tochter.
Immer mehr Menschen sehen es kritisch, wenn weiße Eltern Schwarze Kinder adoptieren. Zum Beispiel werfen viele Menschen – vor allem People of Colour – (ihren) weißen Adoptionseltern auf Social Media-Plattformen vor, sich nicht genügend mit der Schwarzen Identität ihrer Kinder auseinandergesetzt zu haben. Damit, wie man ihre Haare flechtet, ihre Haut pflegt, ihnen Zugang zu Vorbildern schafft, die aussehen wie sie. Ein Aspekt davon ist, dass weiße Eltern niemals verstehen werden, wie Rassismus sich anfühlt. Und ihre Kinder laut der Kritik bei solchen Erfahrungen auch nur bedingt begleiten können.
Florence Brokowski-Shekete ist Schulamtsdirektorin und Expertin für interkulturelle Kommunikation. In mehreren Büchern setzt sie sich mit Identität und Rassismus auseinander, und auch das Thema Adoption ist immer wieder Teil ihrer Arbeit. Sie findet es nicht pauschal schwierig, wenn weiße Eltern Schwarze Kinder adoptieren. Wichtig sei nur, dass die Eltern sich dessen bewusst sind, was auf sie zukommt. Sie bräuchten kulturelle Sensibilität. „Verkehrt ist es, so zu tun, als wäre das Kind gar nicht Schwarz“, sagt sie.
Dazu gehöre eben auch, dass sie wissen müssen, wie man mit den Haaren und der Haut ihrer Kinder umgeht. Außerdem sollten Eltern Kindern ihrer Meinung nach den Zugang zu ihrer Kultur eröffnen: divers gestaltete Puppen, Musik aus dem Heimatland – zumindest das Angebot müsse man den Kindern machen. Das gelte vor allem, wenn das Kind aus dem Ausland adoptiert wird.
Bei Auslandsadoptionen kommt es für Brokowski-Shekete auch darauf an, welche Motivation dahinter stecke und wie das Adoptionsverfahren im Herkunftsland des Kindes ist. Wenn Eltern schlicht deshalb ein Kind aus dem Ausland adoptieren, weil es einfacher ist, und sich nicht mit den Konsequenzen auseinandersetzen, sei das kritisch.
Doch so weit wie andere, die den weißen Adoptiveltern Kolonialismus und White Saviorism vorwerfen würden, würde sie nicht gehen. Mit Letzterem ist gemeint, dass weiße Menschen mit vermeintlich gutem Willen in den globalen Süden gehen, um dort zu „helfen“, dabei aber ihre Überlegenheit implizieren und Schwarzen Menschen die Expertise über die eigene Lebenssituation absprechen. Brokowski-Shekete will weißen Eltern das nicht unterstellen. In erster Linie findet sie es besser, wenn Kinder eine Familie finden, als wenn sie im Heim leben müssen. Aber eben bewusst.
Auf die Zellers trifft diese Kritik gar nicht zu. Schließlich haben sie Sophia innerhalb Deutschlands adoptiert. Und: Sie zogen nicht mit dem Gedanken los, explizit ein Schwarzes Kind zu adoptieren. Sie gaben lediglich auf dem Formular zu ihrem Adoptivkind an, dass sie bereit wären, ein Schwarzes Kind aufzunehmen. Man bedenke: Hätten sie das nicht gemacht, wäre das womöglich ein viel größerer Kritikpunkt.
Und letztendlich, betont Florence Brokowski-Shekete, ist die Hautfarbe des Kindes nur ein Aspekt von ihm. Sie habe schon oft erlebt, dass weiße Eltern von Schwarzen Kindern übervorsichtig sind. „Sie wissen, dass sie Rassismus aufgrund ihres Weißseins nicht nachvollziehen können“, sagt sie. Und schieben das Kind deshalb oft in die Opferrolle. „Es ist aber auch nicht einfach für weiße Eltern, diese Balance zu halten.“
Mit dieser Balance mussten sich Tanja und Thomas Zeller auch schon auseinandersetzen. Als Sophia eines Tages von der Schule nach Hause kam – sie war etwa sieben Jahre alt – sei sie ganz geknickt gewesen. Eine Freundin habe auf dem Heimweg etwas Unschönes über ihre Hautfarbe gesagt. „Das hat sie sehr verletzt“, sagt ihre Mama. „Das ist schon ihr wunder Punkt.“
Der Streit selbst sei aber nur das eine gewesen. Die Reaktion der anderen Eltern habe ihnen Kopfzerbrechen bereitet, sagt Thomas Zeller. „Sie wollten natürlich nicht als Rassisten dargestellt werden.“ Doch Kinder kämen nicht selbst auf die Idee, andere aufgrund ihrer Hautfarbe zu diskriminieren. „Das muss ja irgendwo herkommen“, sagt er. Wenn man Eltern auf solches Verhalten anspreche, fühlten sich manche aber gleich angegriffen.
Gleichzeitig war den Eltern wichtig, kein allzu großes Thema daraus zu machen. „Wir wollten nicht, dass Sophia davon mitnimmt: Wenn es um die Hautfarbe geht, macht das ganz viel Wallung“, sagt Tanja Zeller.
Bis auf wenige Ausnahmen habe Sophia aber zum Glück noch nicht viele Erfahrungen mit Rassismus sammeln müssen, sagt Thomas Zeller. Auch, weil die Gesellschaft insgesamt immer diverser werde. So richtig verstehe sie auch noch nicht, was Rassismus ist. Und doch macht der 44-Jährige sich keine Illusionen: „Ich denke, das wird kommen, wenn sie älter wird.“
Sie gehen diesen Weg Schritt für Schritt mit und begleiten ihre Tochter mit allem, was sie haben – so, wie Eltern das eben tun. Die Evangelische Beratungs- und Vermittlungsstelle in Württemberg, die auch Sophia und ihre Eltern zusammengebracht hat, bietet Unterstützung an: Wie stärke ich das Kind bei Rassismuserfahrungen? Wie pflege ich die Haare meines Kindes? Zu welchem Arzt gehe ich, wenn das Kind Hauterkrankungen hat?
Letztlich sind alle bemüht, den Kindern ein bestmögliches Zuhause zu bieten. Allen voran ihre Eltern. „Wir fallen kurz auf durch unser Aussehen“, sagt Tanja Zeller über ihre Familie. „Aber ich glaube, in unserem Verhalten tun wir das nicht. Wir sind eben eine ganz normale Familie.“