Familie aus Stuttgart Polyamore Mutter – „Ich dachte, ich wäre verdammt dazu, immer fremdzugehen“

Zwei Kinder, zwei Mamas und ein Papa – immer mehr Menschen leben in einer polyamoren Beziehung. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Svea lebt seit 14 Jahren in einer polyamoren Beziehung. Gemeinsam mit ihrem Mann und dessen anderer Frau zieht sie zwei Kinder groß. Wie funktioniert die Liebe zu mehreren auf Dauer?

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Polyamor war Svea (Name geändert) schon immer. Sie hatte nur keine Bezeichnung dafür. „Ich habe schon als Kind nicht verstanden, wie man bei einer Auswahl von Milliarden von Menschen auf der Welt nur eine Person lieben soll“, sagt die heute 32-Jährige. „Ich dachte, ich wäre verdammt dazu, immer fremdzugehen.“

 

Heute weiß sie, dass das nicht so ist. Mit dem ersten Internetzugang lernte sie, dass manche Menschen mehrere Partner lieben. So wie sie das heute auch tut.

Ihr Mann war schon verheiratet, als sie mit ihm zusammen kam

Denn Svea lebt in einer polyamoren Beziehung. Ihr Partner war, bevor sie mit ihm zusammengekommen ist, schon mit einer anderen Frau verheiratet. Beide kannte Svea schon lange vorher, war mit beiden befreundet. Über die Zeit hinweg entwickelten sich Gefühle zwischen ihrem späteren Mann und ihr. „Niemand hat je mit dem Gedanken gespielt, eine heimliche Affäre anzufangen“, sagt sie. Stattdessen gingen sie zur anderen Partnerin und erzählten ihr, dass sie sich ineinander verliebt hatten. Die Reaktion: „Ach, nee.“ Sie hatte das schon geahnt. Für sie war es „voll okay“, sagt Svea. „Weil wir eben offen damit umgegangen sind.“

Zu diesem Zeitpunkt studierte Svea noch in einer anderen Stadt, die anderen beiden lebten gemeinsam in Stuttgart. Als sich das erste Kind ankündigte, zogen die beiden in eine größere Wohnung – so viel größer, dass auch Svea dort einziehen konnte, als sie ein Jahr später das Studium beendete.

Polyamore Beziehung seit 14 Jahren

Seitdem leben Svea, ihr Partner und dessen andere Frau zusammen. Seit 14 Jahren besteht diese polyamore Beziehung. Wie funktioniert das schon so lange? „Wir alle sind der Meinung, dass man andere Menschen nicht besitzen kann“, sagt Svea.

Stattdessen geht es viel um Bedürfnisse. „Wenn meine Bedürfnisse erfüllt sind, dann verliere ich nichts dadurch, dass mein Partner noch mit anderen schöne Gefühle hat, die seine Bedürfnisse erfüllen“, sagt Svea. Ob es dabei um Intimität oder emotionale Nähe geht, macht für sie keinen so großen Unterschied. Wenn Menschen mit ihren besten Freunden intime Gespräche führten, sei das für viele ja auch in Ordnung. „Warum soll das okay sein, aber Sex nicht?“, fragt sie.

Ein banales Beispiel: „Ich mag Star Wars und seine andere Partnerin mag Star Trek“, sagt sie. „Mein Partner mag beides.“ Star Trek würde sie nie schauen – wenn er das mit der anderen Frau schaue, gehe ihr nichts verloren. Das geht aber auch anders herum: Mit der anderen Partnerin ihres Mannes schaut sie Grey’s Anatomy – das findet ihr Mann furchtbar.

Wenn sie hingegen die Kinder ins Bett bringen und ihr Mann sich währenddessen einen schönen Abend machen würde, dann wäre etwas im Ungleichgewicht. Und in solchen Fällen würde sie auch eifersüchtig werden. „Aber dann kann man einfach darüber reden.“

Auch Treue ist den Dreien wichtig. Ironisch? Nein: „Wir definieren Treue nicht als sexuelle Exklusivität“, sagt sie. „Sondern wir haben Absprachen, und die sind uns heilig.“ Das gilt zum einen für weitere Partner – hier würden sie klären, „ob noch Platz da ist im Herzen und im Terminkalender“. Vor allem aber brauchen sie die Absprachen für ihr Familienleben. Denn inzwischen gehören zu Sveas Familie zwei Kinder im Kindergartenalter. Wer von den Erwachsenen die biologischen Eltern sind, ist nicht so wichtig, sagt Svea. „Wir sind alle drei gleichberechtigte Elternteile.“

Polyamorie gibt es immer häufiger. Foto: IMAGO/Steinach

Entsprechend erziehen sie die Kinder auch. Sie findet nicht, dass es komplizierter ist, zu dritt zu erziehen als zu zweit. Nur bei der Namensfindung für die Kinder war es schwieriger, sich zu einigen. Sie lacht. Ansonsten müssten sie eben Kompromisse finden, was Care- und Lohnarbeit angeht – so wie jede andere Familie auch. Zwei in der Beziehung arbeiten Vollzeit, eine Person ist in Teilzeit tätig. Entsprechend muss geklärt werden, wer sich wann um die Kinder und den Haushalt kümmert, und wie das möglichst fair aufgeteilt werden kann.

Die andere Frau hat Svea sich nicht ausgesucht

Und – genau wie in jeder anderen Beziehung – spricht das Elterntrio sich eben auch in Erziehungsfragen ab. Da sind die drei sich wohl recht einig – auch wenn die beiden Frauen sich nicht gegenseitig ausgesucht haben. War das Glück? Dass sich in einem solchen Beziehungskonstrukt zwei Leute überhaupt nicht ausstehen können, habe sie noch nie mitbekommen. „In der Regel hat man ja einen Typ Mensch, den man gut findet“, sagt sie. Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Partnerinnen sich verstehen, sei also relativ groß gewesen.

Das Familienleben priorisieren, das ist Regel Nummer eins in ihrer Beziehung, sagt Svea. Eine weitere: Safer Sex. „Da wird auch nicht diskutiert“, sagt sie. Auch nicht mit ihrem zweiten Partner. Mit dem führt Svea seit etwa zehn Jahren irgendwas zwischen Liebesbeziehung und Freundschaft. Zusammenziehen oder dazukommen, diese Frage stelle sich mit diesem Partner gar nicht.

Freie Trauung für das Emotionale, Notar für das Rechtliche

Das ist ganz anders als die Beziehung zum Vater ihrer Kinder. Ihn hat sie auch geheiratet. Auf andere Art als die erste Frau, versteht sich – zweimal heiraten geht offiziell nicht. „Das Emotionale, was man bei einer Hochzeit feiert, haben wir in einer freien Trauung gemacht“, sagt sie. Die rechtliche Trauung, bei der man mit einer Unterschrift Vollmachten, Auskunftsrechte und vieles mehr bekommt, haben sie „sehr aufwendig und sehr teuer“ beim Notar nachgeholt. Auch in Bezug auf die Kinder war das notwendig, bis jeder alle Rechte hatte.

Für die Kinder sei es ganz normal, dass sie drei Elternteile haben. Sie hätten ja nur eine weitere Person, die für sie sorgt. Auch die anderen Kinder würden das gar nicht hinterfragen – wie Kinder eben so sind. „Sie fragen nur manchmal ihre Eltern: Warum habe ich eigentlich nur eine Mama?“, erzählt Svea. Sie lacht. Und fügt hinzu: „Mehr Liebe in der Welt ist ja eigentlich was Schönes.“

Das finden offenbar immer mehr Menschen, denn Polyamorie wird immer häufiger. Wie hat sich die Akzeptanz in der Gesellschaft über die Zeit hinweg verändert? „Ich glaube schon, dass es mehr akzeptiert wird“, sagt Svea. Trotzdem mache ihrer Familie der Rechtsruck in der Gesellschaft Sorgen.

Svea selbst ist überall geoutet, aber nicht für alle sei das möglich. Deshalb heißt sie in diesem Text auch anders als in ihrem richtigen Leben – um ihre Familie zu schützen.

„Du darfst jetzt nicht mehr mit meinem Freund alleine sein“

Denn manche Menschen erfahren durchaus Diskriminierung wegen der Polyamorie, sagt sie. Aufdringliche Blicke in der Stadt, neugierige Fragen, das kennt sie auch. Einmal habe jemand zu Svea gesagt: „Du darfst jetzt nicht mehr mit meinem Freund alleine sein.“ „Total absurd“, findet Svea. Genauso wie sie selbst niemals fremd gehen würde, würde sie niemals „Beihilfe zum Betrug“ leisten.

Einmal habe ein Mann sich in sie verliebt und sie zu einer Affäre überreden wollen. Seine Ehefrau wusste nichts davon. „Das würde ich niemals tun“, sagt sie. Aber wenn alle an Bord sind – und konsensfähig, das ist Svea ganz wichtig – dann tue das ja niemandem weh. „Und wer bin ich dann, das zu verurteilen?“

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