Familie Kage in Weißenstein Wie wohnt man in einem Schloss?
Fledermäuse, die durch das Schlafzimmer fliegen. Eine weiße Frau, die nachts über die Flure wandelt. Die Familie Kage bewohnt das Schloss Weißenstein über dem Lautertal.
Fledermäuse, die durch das Schlafzimmer fliegen. Eine weiße Frau, die nachts über die Flure wandelt. Die Familie Kage bewohnt das Schloss Weißenstein über dem Lautertal.
Weißenstein - Bevor der schmale Weg beginnt, steht ein Schild: „Anlieger frei. Keine Wendemöglichkeit.“ Es folgt eine Steigung wie im Gebirge. Oben sieht man vom Dorf nur noch rote Dächer. Die Kirchenglocke läutet 11 Uhr. Holztreppen führen auf einen efeubewachsenen Rapunzelturm. Ein Falke, der an diesem Morgen nur ein paar Meter entfernt auf dem Giebel gegenüber verweilt, fixiert den Gast hinter dem Fenster für eine Ewigkeit. „Wie heißt es – diese Augen haben die Sterne gesehen, lang bevor der Mensch ein Flüstern war“, sagt die Hausherrin Christina Kage.
Es war um das Jahr 1210, als die Ritter von Weißenstein hier über der Lauter, in einen schützenden Waldkranz gefasst, eine Burg in den Berg bauten. Ein guter Platz. Es gab die Forellenquelle, die heute noch seelenruhig plätschert. Und man hatte Kontrolle über die Verkehrswege durchs enge Tal bis auf die Albhochfläche.
Ende des 14. Jahrhunderts kamen die Grafen von Rechberg und machten daraus ein Schloss. Mit der Zeit wurden einzelne Flügel verbunden, ein paar Geschosse draufgesetzt, das Ganze ein bisschen verziert und historisiert mit Staffelgiebelchen, Erkern, Türmen, Galerien. Die Ritter setzten einst mit ihrer Burg ein Machtstatement: Wir sind hier. Den Grafen ging es um Selbstdarstellung: Schaut her, wer wir sind. Bis ins 19. Jahrhundert war Weißenstein der Stammsitz derer von Rechberg. Dann zogen sie langsam nach Donzdorf um, nutzten Weißenstein nur noch sporadisch als Sommerschlösschen.
Heute wohnen hier die Kages. Normalerweise dient ein Haus seinen Bewohnern. Hier ist es umgekehrt. Hier gibt das Gebäude alles vor und verlangt alles: die volle Aufmerksamkeit und die gesamten Einnahmen. Mehr als eine Lebensaufgabe. Wer hier leben will, muss über Generationen denken.
Der Mikrofotograf Manfred Kage übernahm das Schloss 1971 und rettete den „Rolls-Royce ohne Dach und Motor“, wie er gerne sagte, vor dem Verfall. Er setzte das gute Stück nach und nach aufwendig instand – bis es zu seinem „Raumschiff“ wurde.
Nach dem Tod des alten Meisters vor zwei Jahren leben hier noch seine Frau Christina, 76, ihre Tochter Ninja-Nadine, 42, und deren Mann Oliver, 48. Sie wollen das Erbe fortführen. Nach vielen Jahren ist die Schlossbrückenmauer jetzt endlich fertig saniert – denkmalgerecht und einigermaßen bezahlbar. Sie wollen das Schloss weiter öffnen – für Führungen, Tagungen, Trauungen, als Filmlocation oder Bühne für ihre „Optischen Konzerte“. Hier ist das Institut für wissenschaftliche Fotografie untergebracht, Manfred Kages künstlerische Sammlung sowie das Museum „Kages Mikroversum“.
Christina Kage, selbst Mikrofotografin, hatte ihren späteren Mann bei einem beruflichen Termin kennengelernt und war seiner Einladung ins Schwäbische gefolgt. Mit ihrer Yamaha fuhr sie von Hamburg nach Weißenstein. Dann war es aber weniger das Schloss als die Fotosammlung und die Gerätschaften, was sie große Augen bekommen ließ. „Wie man diese Räume beseelen kann, das war die Faszination.“ Was für eine Spielwiese. „Wir beschlossen, für immer und ewig, Tag und Nacht zusammenzubleiben. Und das haben wir auch getan.“
Manfred Kage galt als einer der kühnsten Bildgestalter des 20. Jahrhunderts. Ein Pionier der „Science Art“, der die Mauern zwischen Kunst und Wissenschaft schliff. Er machte das Unsichtbare sichtbar, nahm den Schleier von der Schönheit mikroskopischer Welten, tauchte mit seinen High-End-Geräten in die Elemente ein, zeigte Schwefelkristalle im Superzoom oder Skelette von Radiolarien, die als winzige Punkte in den Ozeanen schweben. Mondgestein der Apollo-Missionen war ihm so wertvoll wie die Zungenblüte einer Ringelblume, die in 450-facher Vergrößerung einen Mutationssprung zum Kunstwerk vollzog.
Für Salvador Dalí verwandelte er eine Kugelschreiberhülse in eine fantastische Filmlandschaft. Er gewann bei der Biennale, hatte Performances bei den Olympischen Spielen, im New Yorker Moma, bei der Weltausstellung. Als erster Privatmann in Deutschland besaß er ein Rasterelektronenmikroskop. Über Jahrzehnte wuchs so ein Archiv von 300 000 Bildwerken und Filmdokumenten heran. In Schloss Weißenstein herrschte stets Mangel an Wohnraum, denn eigentlich brauchte er allen Platz für seine Ausrüstung. Etwa 65 Räume auf vier Etagen umfasst das Gebäude. Alle stehen proppenvoll. Nur sechs davon bewohnt die Familie privat.
Oliver Kage wuchs in einem Einfamilienhaus in Reutlingen auf. An das Schloss musste er sich erst gewöhnen. Seit zehn Jahren lebt er jetzt hier, aber dass er das Haus richtig kennt, würde er nicht behaupten. Selbst seine Frau Ninja-Nadine, die in den alten Gemäuern aufwuchs, entdeckt immer noch Neues und Geheimnisvolles hinter Treppenvorsprüngen, auf Dachböden – „wie im Verschwindekabinett bei Harry Potter“.
Manchmal ist es gar nicht so einfach, den anderen zu finden. „Wir sagen deshalb immer vorher Bescheid, in welches Zimmer wir gehen: Apothekenmuseum, Mineralienkabinett, Multimediaraum, Forscherzimmer.“
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Auch historisch gibt es noch viel zu erforschen. Unter den Nazis diente das Schloss, die Hinweise sind eindeutig, als Sammellager für Juden, bevor sie in den Osten transportiert wurden. Oliver Kage ist gerade dabei, Genaueres über das dunkelste Kapitel des Gebäudes zu recherchieren. Nach dem Krieg waren hier Flüchtlinge untergebracht. In den 1960er Jahren sollen spätberufene Priester sowie ein Förster hier in natürlicher Abgeschiedenheit gewohnt haben.
„Die Ritter wussten damals, warum sie die Burg an dieser Stelle bauten“, sagt Christina Kage. Bei Unwettern hört man den Wind im Tal heulen, das furchtbare Brummen des Waldes auf der anderen Seite. Aber auf der Schlossseite fühlt man sich sicher. Wenn es stürmt und der Regen waagrecht gegen die Mauern peitscht, gehen die drei in der Nacht durch das Haus, um zu schauen, ob irgendwo Wasser eindringt. „Dann merkt man erst, wie das Gebäude atmet“, sagt Oliver Kage. Einer der alten Schränke knarzt immer, wenn sich das Wetter ändert.
Die Wände sind bis zu einem Meter dick. Im Hochsommer werden die Fenster aufgerissen, um die Hitze reinzulassen. Die Steine halten dann warm bis in den Herbst. Von den Kaminen ist keiner mehr zu gebrauchen. Manfred Kage baute eine zentrale Ölheizung ein. Doch so ein Schloss mit seinen viereinhalb Meter hohen Decken und den alten, teils mundgeblasenen Fenstergläsern ist schwer warm zu kriegen. „Man kann auch nicht alles isolieren, sonst erstickt das Haus“, sagt Christina Kage. „Wir heizen im Winter nur die Räume, in denen wir uns aufhalten, und ziehen eben eine Schicht mehr an.“
Zum Schloss gehört eine Kapelle, von der aus ein Gang ins Dorf führt. Sie wurde 1471 erstmals erwähnt und um 1700 neu gestaltet im Barockstil. 1877 legte der Rottenburger Kirchenmaler Carl Dehner Hand an und machte die Kapelle zu einer neogotischen. Und in den 1970er Jahren sanierte sie Manfred Kage. Als er das Schloss kaufte, stand hier das Wasser, das Dach hatte Löcher.
Der Altarbereich wurde vor ein paar Jahren gereinigt und strahlt jetzt wieder. Die Madonna mit Jesuskind: Sie hat die Züge einer Rechberger Gräfin. „Und sie ändert ihren Blick und ihren Gesichtsausdruck – je nachdem, von wo aus man sie betrachtet“, sagt Ninja-Nadine Kage. Die Figur von Josef mit Kind: „Das sieht man selten.“ Die Malereien im Nazarener Stil. Der Bodenstein um den Altar, der im Sommer immer schwitzt: „Da muss irgendwas drunter sein“, sagt Ninja-Nadine Kage. Der Reliquienschrein: in ihm sollen sich sterbliche Überreste der heiligen Felicitas befinden. Die dazugehörige Urkunde ist zumindest historisch echt.
Eine Überlieferung besagt: Wenn man des Nachts an einer bestimmten Stelle vor der Kapelle vorbeigeht, sollte man vorsichtig sein, dass man die weiße Frau nicht stört, die dort umherwandelt. Christina Kage respektiert diese Einschränkung. „Ich fühle hier keinen Grusel, ich fühle mich geborgen.“
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Auch das Getier, das im und ums Haus herumwuselt oder segelt, sieht sie als Bereicherung. Bei Dunkelheit hört man die Klicklaute einer bestimmten Fledermausart. Im Sommer fliegen die Tiere auch manchmal durchs offene Fenster ins Schlafzimmer von Christina Kage im zweiten Geschoss, machen einen kleinen Abstecher ins Zimmer nebenan und finden immer zielsicher wieder raus.
Das Haus ist besiedelt von winzig kleinen Bärtierchen, die auf den Fensterbrettern leben. Jede Dachluke wird von Dohlen, Waldkäuzen, Singvögeln genutzt. Aktuell sind vier Turmfalken-Jungen geschlüpft. Die Dachböden sind das Zuhause von Siebenschläferfamilien. Den Gewölbekeller bevölkern Feuersalamander, Kröten und Laufkäfer. Zwischen den alten Doppelfenstern überwintern Erzwespen. Für Ninja-Nadine Kage wertvolle Anschauungsobjekte: „Unter dem Mikroskop schillern sie wie Edelsteine.“