Menschen jubeln im Mai 1933 in Berlin Adolf Hitler zu. Wie standen die eigenen Vorfahren zu den Nazis? Das kann man herausfinden. Foto: IMAGO/imago stock&people
Was haben mein Uropa oder die Oma in der Zeit des Nationalsozialismus gedacht und gemacht? Wer das wissen will, wird in diesen Archiven und Quellen teils online fündig.
Auch deutsche Archive berichten von einer Flut an Rechercheanfragen, mehr als 10. 000 erreichen beispielsweise das Freiburger Militärarchiv jährlich. Aber wo und wie sucht Ihr richtig? Ein Überblick:
Das US-Nationalarchiv hat die abfotografierten Karteikarten der NSDAP gratis online ins Netz gestellt, und die Stuttgarter Historikerin Katharina Ernst rät jedem und jeder, mal den Namen des Großvaters oder anderer Familienmitglieder einzugeben. Allerdings sei die Suche nicht ganz trivial: „Sie bekommen mitunter Treffer, die zu Dokumenten mit 3000 Seiten führen, innerhalb derer Sie weitersuchen müssen“, sagt die Leiterin des Stuttgarter Stadtarchivs. Einfacher geht es auf den Seiten der Zeitungen „Zeit“ und „Spiegel“. Diese haben die Kartei ebenfalls durchsuchbar gemacht - man kommt direkt zur betreffenden Karte. Allerdings sind diese Angebote bezahlpflichtig.
Außerdem sagt Katharina Ernst, dass man von der Karteikarte noch nicht unbedingt auf die wahre Gesinnung des Menschen schließen kann. „Man weiß dann, dass der Vorfahr einen Antrag gestellt hatte, in die Partei aufgenommen zu werden. Und zwar freiwillig. Denn niemand wurde zwangsweise Mitglied. Aber
Im Staatsarchiv Ludwigsburg befinden sich rund 500.000 Spruchkammerakten, die während der Entnazifizierungsverfahren nach 1945 erstellt wurden, als sich viele Menschen vor den Spruchkammern zu ihrem Verhalten erklären mussten. Sie sind teils digitalisiert und durchsuchbar. Auf der Homepage des Archivs heißt es dazu: „Vom einfachen Mitläufer bis zum Hauptschuldigen können unzählige Schicksale durch die Akten rekonstruiert oder wenigstens teilweise ausgeleuchtet werden, denn Spruchkammerakten beinhalten zahllose, anderweitig nicht überlieferte Originaldokumente aus der NS-Zeit.“
Katharina Ernst ergänzt allerdings, dass diese Dokumente auch nicht immer so einfach zu interpretieren sind. „Es wurde viel beschönigt, Leumundsbriefe herbeigebracht, sogenannte ,Persilscheine’, die bezeugen sollten, dass man kein Nazi war. Man findet in den Akten häufig den Topoi, dass derjenige mitmachte, weil er sonst beruflich stark behindert gewesen wäre, die Familie nicht mehr hätte ernähren können. Das kann man nicht immer ohne weiteres glauben.“
Katharina Ernst, Leiterin des Stuttgarter Stadtarchivs, weiß, wo und wie man recherchiert. Foto: Andreas Langen, Stadtarchiv
Wiedergutmachungsakten und Arolsen-Archiv
Für die Nachfahren von Opfern der Nationalsozialisten können laut Katharina Ernst die Wiedergutmachungsakten des Landesarchivs ein Ansatzpunkt sein. „Wenn zum Beispiel jüdische Familien Immobilien oder Wertsachen unter Wert verkaufen mussten im Zuge der sogenannten Arisierung, wurden sie dafür nach dem Krieg eventuell entschädigt oder bekamen etwas zurück.“ Für Stuttgarter wäre auch hier das Staatsarchiv Ludwigsburg Ansprechpartner. Die Arolsen-Archive sind außerdem die größte Datenbank über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus, sie haben auch eine Online-Suchmöglichkeit.
Hier warnt Katharina Ernst vor zu großen Erwartungen: Die KI brauche einen genau definierten Satz an Unterlagen, muss gut trainiert sein und präzise Prompts, also Arbeitsbefehle, bekommen, so Ernst. „Sonst besteht die Gefahr, dass sie halluziniert.“ Damit bekämen Archive zunehmend Probleme. Menschen fragten nach Signaturen von Akten an, die es gar nicht gibt. Das mache den Archiven zum einen Arbeit, führe aber auch zu Misstrauen, „dass hier etwas verschleiert werden soll, dabei hat die KI diese Akte und ihre Signatur erfunden“.