Familienstück feiert Premiere Kurze Reise durch Fantásien: „Die unendliche Geschichte“

Josephine Köhler, Simon Löcker, Marco Massafra in „Die unendliche Geschichte“ Foto: Björn Klein

Nora Bussenius inszeniert am Schauspiel Stuttgart eine Bühnenversion von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“. Eindrucksvoll!

„Michael Ende, nur du bist schuld daran, dass aus uns nichts werden kann! Du hast uns mit deinen Tricks aus der Gesellschaft ausgeixt, Michael Ende, du hast mein Leben zerstört!“, heulte die deutsche Indie-Rockband Tocotronic 1995 auf ihrem Album „Nach der verlorenen Zeit“. Ein verzweifelter Abgesang auf die mit Träumereien vertane Jugend angesichts der Rationalitätszwänge, die mit Eintritt ins Erwachsenenalter jeden noch so fantasiebegabten Wildfang zum pflichtbewussten Otto-Normal-Verbraucher zähmen.

 

Bescheidenes siebenköpfiges Ensemble

Michael Endes 1979 im Stuttgarter Thienemann-Verlag veröffentlichter Abenteuer- und Bildungsroman „Die unendliche Geschichte“ hat die Leselust von Generationen von Kindern und Jugendlichen befeuert, lange vor Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Zaubereien und dem gegenwärtigen Fantasy-Hype. Die mit Endes Büchern und dem Song von Tocotronic aufgewachsenen Kinder und Teenager sind heute selbst Eltern und vielleicht sogar vom Druck des Erwachsenseins rationaler, müder und grauer geworden. Für die einstigen Erstleser der „Unendlichen Geschichte“ und deren Nachwuchs hat nun der Autor John von Düffel eine am Schauspiel Stuttgart aufgeführte Bühnenversion des dicken Wälzers entwickelt, für ein – in Anbetracht der Fülle an Szenerien und Figuren – bescheidenes siebenköpfiges Ensemble.

Michael Stiller, Til Schumeier und Simon Löcker (von links) Foto: Björn Klein

Am Anfang ist da bloß die nackte, schwarze Bühne, im Hintergrund ein Gerüst. Aus Angst vor seinen ihn hetzenden Klassenkameraden zwängt sich der Schüler Bastian Balthasar Bux (Til Schumeier) durch die Streben und purzelt ins Scheinwerferlicht. Anders als im Buch versteckt sich Bastian nicht in einem Antiquariat, sondern im Stuttgarter Schauspiel, wo er vom alten Souffleur Karl Konrad Koreander (Michael Stiller) begrüßt wird. Wie bei Ende ist auch von Düffels Koreander zunächst kein Kinderfreund, weil die immer nur laut, ohne Fantasie und auf das Handy fixiert seien. „Nicht alle sind so!“, entgegnet Bastian und stürzt sich auf das von Herrn Koreander zurückgelassene Buch, als der die Bühne verlässt, um ein flackerndes Licht zu reparieren.

Licht als visuelles Leitmotiv

Die Regisseurin Nora Bussenius setzt auf sparsame, aber eindrucksvolle visuelle Mittel und lässt dem Publikum viel Raum, die Bilder mit der eigenen Vorstellungskraft zu ergänzen. Koreanders Buch über das vom sich ausbreitenden Nichts bedrohte Reich Fantásien ist ein schwerer Foliant mit dem berühmten Auryn-Symbol auf dem Einband, bei dem sich zwei in einander verschlungene Schlangen gegenseitig in den Schwanz beißen. Besonders schön an diesem Exemplar ist der hell leuchtende Seitenschnitt; überhaupt fungiert das Licht (Marc Döbelin) in Nora Bussenius’ Inszenierung als visuelles Leitmotiv im sonst dunkel gehaltenen Bühnenraum.

Marco Massafra, Simon Löcker und Michael Stiller (von links) Foto: Björn Klein

Die Szenen entstehen nicht in fest stehenden Kulissen, sondern in fahrbaren Podien mit beweglichen Bühnenbildelementen. Das Kleid der vom Nichts geschwächten Kindlichen Kaiserin (Josephine Köhler) wird zum Elfenbeinturm, indem die Herrscherin in einem Fluggeschirr in den Bühnenhimmel gezogen wird, worauf sich der lange Rock unter ihr zum Trapez spannt. Auf die Fläche projizierte, bunt-kristalline Formen täuschen eine kostbare Fassade vor. Statt einer Krone trägt die Kaiserin eine an den Rändern leuchtende Knospe auf dem Kopf. Die Figuren stehen im Mittelpunkt, nicht der technisch aufwendige Illusionszauber, wie ihn Wolfgang Petersen 1984 in der ersten Verfilmung des Romans betrieb und den Autor damit übel vergrätzte. Bussenius und ihr Team lassen die Menschen hinter der Fantasie durchscheinen, ein Verweis auf die enge Verflechtung der Realität mit der von Menschen gemachten Kunst.

Besonders schön gelingt das in der Szene, als der zum Retter Fantásiens auserkorene Atréju (Simon Löcker) auf die Riesenschildkröte „Uralte Morla“ trifft. Marietta Meguid erweckt das Tier aus dem Inneren eines riesigen, aufgeplusterten Stoffballons zum Leben, auf den die moosbewachsenen Hornschichten des Panzers projiziert werden. Morlas Kopf besteht aus einem mit durchsichtiger Gaze bespanntem Gestänge, dessen losen Unterkiefer Marietta Meguid beim Sprechen mit den Händen bewegt. Atréjus Pferd Artax wird von Marco Massafra verkörpert, der Menschenkörper ist unter dem Pferdekopf und dem angehängten Rumpf mit Hinterbeinen auf Rollen kaum mehr zu sehen. Das Spiegelorakel und die Windriesen treten als körperlose Stimmen aus dem Off in Erscheinung.

„Tu, was du willst! Auf nach Fantásien!“

Die liebevolle, klug durchdachte visuelle Gestaltung und das empathische Spiel können nur nicht ganz darüber hinweg täuschen, dass John von Düffel den detailreichen und sprachgewaltigen Text auf das inhaltliche Minimum komprimiert hat. Etwas mehr als eine Stunde dauert die Reise nach Fantásien nur; wohl auch, um jüngere Zuschauer ab acht Jahren nicht zu überfordern. Die Botschaft überträgt sich dennoch und tut auch Erwachsenen gut: „Tu, was du willst! Auf nach Fantásien.“

Die unendliche Geschichte: Vorstellungen am 24. Nov., 1., 8., 11. und 12. Dez., jeweils 10 Uhr. Infos: www.schauspiel-stuttgart.de

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