Von Hannah Waligora (32) gibt es seit Jahren zwei Versionen: Da ist die Angestellte des Bad- und Heizungsspezialisten Waligora aus Grafenau im Landkreis Böblingen. Und da ist die künftige Chefin desselben Betriebs. Seit acht Jahren bereitet sie ihr Vater auf die Übernahme des elfköpfigen Handwerksunternehmens vor. Wenn es im kommenden, neunten Jahr klappt, mündet die Doppelbelastung in einer der am gründlichsten vorbereiteten Übernahmen, die man sich vorstellen kann.
Schon als Kind war Waligora immer irgendwie Teil des Unternehmens, als die Geschäftsräume noch im Erdgeschoss des elterlichen Hauses lagen. Sie begleitete etwa Vater Siegfried (59) bei den Wartungen und wurde von den Kunden mit Gummibärchen bezahlt. Mit den Jahren entwickelte sie ein Gefühl, was es heißt, wenn eine Firma immer auch Teil des Privatlebens ist. Nach dem Abi jedoch führte sie ihr Weg weg von Firma und Grafenau. Nach dem Studium der Wirtschaftspsychologie in München arbeitete Waligora in einer Unternehmensberatung und bei einem Automobilzulieferer.
Erst danach, mit 24 Jahren, entschied sie, in die Firma einzusteigen, nie habe der Vater Druck gemacht. „Aber dann war mir klar, dass ich das Unternehmen übernehmen möchte – sonst hätte ich den Schritt nicht gemacht.“
Die Anstellungen bei anderen Unternehmen haben den Blick geschärft
Für den Masterplan studierte sie in Esslingen Gebäudeenergie- und Umwelttechnik. Als Werkstudentin begann sie die Arbeit im väterlichen Betrieb. Später beschäftigte sie sich mit der Digitalisierung und übernahm die Personalverantwortung.
Zurzeit plant die Ingenieurin mit ihrem Vater die Heizungs- und Sanitärtechnik und führt mit ihm de facto schon das Unternehmen. Den Umweg über ein anderes Unternehmen bereue sie nicht: „Mit meinen Erfahrungen konnte ich besser abschätzen, wie gut unsere Firma aufgestellt ist und wie viel Arbeit es gibt.“
Laut einer Umfrage der staatlichen Förderbank KfW wollen bis Ende 2026 rund 560 000 der 3,8 Millionen mittelständischen Unternehmen in Deutschland die Nachfolge regeln. Gleichzeitig planen 190 000 Geschäftsführer und Inhaber derzeit, ohne Nachfolge das Unternehmen zu schließen, das ist jedes vierte. Damit ist die Unternehmensnachfolge zurzeit eines der drängendsten Themen.
Der bürokratische Aufwand und die Einigung beim Kaufpreis zählen noch zu den vergleichsweise kleinen Hürden. Das größte Problem ist aufgrund des demografischen Wandels der Mangel an geeigneten Kandidaten. „Der Bedarf an Unternehmern kann nicht gedeckt werden“, sagt Thomas Conrady, Vizepräsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK). „Wir haben aktuell mehr als doppelt so viele Unternehmer im Land, die bei uns in den IHKen Beratung suchen, weil sie ein Unternehmen abgeben wollen, als Menschen, die Unternehmen übernehmen wollen.“ Bundesweit seien es rund dreimal so viele.
„Der Bedarf an Unternehmern kann nicht gedeckt werden“
Im vom Mittelstand geprägten Südwesten ist neben dem potenziellen Verlust von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen auch die Zukunft des Wirtschaftsstandorts in Gefahr. Der BWIHK fordere seit mehr als zehn Jahren, dass die Landesregierung für das Thema stärker sensibilisieren müsse, betont Conrady. Man brauche eine Kampagne zur Unternehmensnachfolge, neue Matchingformate und eine bessere Berücksichtigung des Themas in den Hochschulen. Im Koalitionsvertrag sei eine Nachfolgekampagne vorgesehen, merkt Conrady an – „den in diesem Rahmen seit Jahren geforderten Nachfolgegipfel hat die Regierung bisher versäumt, auf den Weg zu bringen“.
Die Waligoras haben sich Unterstützung bei der Handwerkskammer, der Innung Böblingen und einer Unternehmensberatung gesucht. Im Laufe der Zeit ging es um den Kaufpreis, um Bürokratie, Rechtsanwälte, Steuerberater und den Notar. Zuerst aber galt es, die Frage nach dem gemeinsamen Weg und das Ziel zu klären. „Das Wichtigste ist, dass man sich in der Familie erst einmal einig ist“, sagt Hannah Waligora. Dass es bei der Umsetzung auch einmal Konflikte und Streit gebe, sei normal. „Sonst gibt es keine Weiterentwicklung.“
„Man muss loslassen“, sagt der Vater
„Man muss loslassen können und schon in der Phase des Übergangs zurücktreten“, sagt Siegfried Waligora. „Inzwischen sind die Mitarbeiter schon mehr bei ihr als bei mir.“ Er kenne auch die Fälle, wo die Unternehmensnachfolge gescheitert sei, weil sich der Patriarch zu lange an die Firma klammerte. Oder sie viel zu hoch bewertet habe. Deshalb werde er im nächsten Jahr mit 60 die Firma einfach übergeben und vielleicht noch „ein Begleiter“ sein.
Einmischen wolle er sich auf keinen Fall. Vielleicht werde er etwas ganz anderes machen, meint er. „Vielleicht erwerbe ich eine Nudelmaschine und vertreibe Nudeln für den deutschen Markt.“
Die Nachfolger fehlen
Übergaben
Weil immer mehr Firmeninhaber aus der Babyboomer-Generation in Rente gehen, steigt die Zahl der Unternehmensübergaben derzeit stark an, heißt es beim Institut für Mittelstandsforschung (IfM). Demografiebedingt gibt es immer weniger potenzielle Nachfolger.
Bereiche
Fast die Hälfte der Übernahmen erwartet das IfM im Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen, gefolgt vom produzierenden Gewerbe und Handel.