Herr Stihl, der Aufsichtsrat hat gerade den Vertrag mit dem Stihl-Vorstandsvorsitzenden Michael Traub verlängert. Kreiden Sie ihm nicht an, dass der Umsatz 2023 erstmals seit Jahren zurückgeht?
Nein. Da spielen äußere Umstände eine Rolle, und die treffen alle Unternehmen, die in der Coronazeit große Steigerungen hatten. Die Menschen geben ihr Geld jetzt für andere Dinge aus, gehen in den Urlaub oder in Restaurants. Herr Traub ist ein ausgezeichneter Vorstandsvorsitzender und hatte wie zunächst üblich einen Dreijahresvertrag, den wir jetzt um fünf Jahre verlängert haben – also bis 2029.
Wie hoch fällt der Umsatzrückgang aus, und was heißt das fürs Ergebnis?
Der Rückgang liegt im niedrigen einstelligen Bereich. Das Jahr 2023 ist für uns dennoch erfolgreich, denn wir haben unsere Marktanteile steigern können. Das Ergebnis fällt etwas geringer aus. Das Vorjahresergebnis war sehr zufriedenstellend, 2023 ist es zufriedenstellend.
Was erwarten Sie fürs kommende Jahr?
2023 hatten die Händler hohe Lagerbestände, die zunehmend abgebaut werden. Wir rechnen 2024 mit einem Umsatzzuwachs in der Größenordnung von fünf Prozent, was unserem langjährigen Mittel entspricht.
Stihl hat Kurzarbeit angemeldet. Wie lange ist die nötig?
Unsere Märkte befinden sich in einer Phase vorübergehender Konsolidierung. Wir müssen zumindest in den ersten Monaten des neuen Jahres noch mit Kurzarbeit rechnen. Das trifft uns weltweit, im Magnesium-Druckgusswerk Weinsheim aber mehr als in Waiblingen. In Weinsheim fertigen wir auch Produkte für externe Kunden – zum Beispiel Teile für E-Bikes. Das Geschäft ist rückläufig, weil viele Fahrradhersteller während der Coronapandemie gut verkauft haben.
Sind noch weitere Personalmaßnahmen notwendig?
Nein, aber die Beschäftigung wird langsamer wachsen, weltweit jedoch steigen.
Auch in Deutschland?
Das wird auch von den Forderungen der IG Metall abhängen. Wir investieren in Deutschland, weil wir als Familienunternehmen dem Standort eng verbunden sind und es uns noch leisten können. Wenn wir hier über eine 32-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich reden, können wir in Deutschland aber nicht mehr groß investieren. Das wäre der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Stihl hat die Pläne für ein neues Werk in Ludwigsburg auf Eis gelegt. Um welche Investitionssumme geht es, und wann fällt die endgültige Entscheidung?
Das dauert noch einige Zeit. Es besteht kein Druck, denn der Weiterbetrieb am bestehenden Standort ist bis 2030 gesichert. Es geht um hohe zweistellige Millionenbeträge. Dabei spielen erhebliche Energiekosten und extrem gestiegene Baukosten eine Rolle, aber auch die Unsicherheit, die sich aus den Entwicklungen in der IG Metall ergeben. Herr Zitzelsberger hat als baden-württembergischer IG-Metall-Chef den Bettel hingeworfen. Da ist eine gehörige Portion Frust dabei. Die Entwicklungen auf dem Gewerkschaftstag, die letztendlich zu dieser Demission geführt haben, zeigen, dass es in der IG Metall mehr um Ideologie geht.
Sie meinen weg vom partnerschaftlichen Modell?
Für mich ist es ein Alarmzeichen, dass in der Stahlindustrie die Forderung nach einer 32-Stunden-Woche erhoben wurde. Gäbe es diese Forderung für unsere Branche, hätte das massive Auswirkungen auf den deutschen Standort. Schon die Einführung der 35-Stunden-Woche hat in Deutschland zu einer lang anhaltenden Wachstumsschwäche mit hoher Arbeitslosigkeit beigetragen. Deutschland liegt mittlerweile im ZEW-Standortranking ganz hinten – auf Platz 18 von 21 Industrieländern.
Und eine Vier-Tage-Woche mit so vielen Stunden wie an fünf Tagen?
Stihl bietet heute bereits sehr viele unterschiedliche Arbeitszeitmodelle. Aber wenn die Jahresarbeitsstunden der deutschen Beschäftigten erheblich unter 1400 Stunden liegen und das nochmals deutlich verkürzt werden soll, treibt das die Kosten extrem nach oben. Wir liegen schon jetzt international auf den hinteren Rängen. Es geht außerdem nicht nur um die Höhe der Lohnkosten. Auch die gestiegenen Sozialabgaben schwächen unsere Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland ist der teuerste Standort in unserer Unternehmensgruppe, viel teurer etwa als Österreich und die USA. Selbst die Schweiz ist günstiger – trotz des starken Franken.
Sie blicken sehr skeptisch auf die Produktion in Deutschland. Was wäre ein alternativer Standort zu Ludwigsburg?
In Ludwigsburg hatten wir ein Werk für Führungsschienen geplant. Alternativ prüfen wir unter anderem die Schweiz. Dort produzieren wir unsere Sägeketten für den Weltmarkt und haben das Know-how. Das ist in dem Fall wichtiger als die Lohnkosten. Dann würden wir zukünftig die ganze Schneidgarnitur in der Schweiz herstellen.
Was belastet in Deutschland besonders?
Der ganze Bürokratiewust tut besonders weh – das gilt für europäische und deutsche Regelungen. In den letzten Jahren gab es eine Reihe von Gesetzen, deren Umsetzung enorm aufwendig ist wie etwa das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder die A1-Bescheinigung. Die brauchen Sie, wenn Sie auch nur für einen oder zwei Tage geschäftlich ins nahe Ausland reisen wollen. Allein das Formular auszufüllen kostet schon 25 Euro. Jedes Gesetz für sich lässt sich vielleicht noch ertragen, aber in der Kumulierung haben wir eine Belastung erreicht, die nicht nur Deutschland, sondern die EU insgesamt als Wirtschaftsstandort massiv belastet.
Hat der Standort Deutschland auch noch Stärken?
Ich will es mal analog zum Fußball beschreiben: Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist zuletzt in der Vorrunde ausgeschieden, die U 17 ist gerade Weltmeister geworden. Wir haben gewaltiges Potenzial in Deutschland, werden aber an allen Ecken und Enden gebremst. Warum verlagert eine Firma wie Biontech die Krebsforschung nach England, warum schließt Michelin seine deutschen Reifenwerke, wenn sie gut funktionierende Fabriken hier haben? Es muss sich etwas ändern.
Was denn?
Wir leben von der Substanz, nicht nur der Staat, auch viele Unternehmen. Und mich beunruhigt, dass man ein Viertel bis ein Drittel der Schüler ins Leben entlässt, ohne dass sie tatsächlich ausbildungsfähig sind. Ich wünsche mir, dass die langfristig wirkenden Rahmenbedingungen in Deutschland verbessert werden – also mehr in Straße, Schiene, Digitalisierung, Bildung und Forschung investiert wird. Ich glaube fest, dass Deutschland das vorhandene große Potenzial heben kann und der Standort damit wieder deutlich attraktiver wird.
Gründerenkel mit viel Erfahrung
Karriere
Nikolas Stihl, Enkel des Firmengründers Andreas Stihl, steht seit 2012 an der Spitze des Beirats und Aufsichtsrats des Waiblinger Motorsägen- und Gartengeräteherstellers. Seine Karriere begann der heute 63-jährige promovierte Maschinenbauer als Ingenieur bei Mercedes-Benz in Stuttgart-Untertürkheim und anschließend als Unternehmensberater bei Arthur D. Little in München. 1992 trat er bei Stihl als Assistent der Geschäftsführung ein – Stihl-Chef war damals sein Vater Hans Peter Stihl. Ein Jahr später übernahm Nikolas Stihl die Geschäftsführung der Gartengerätetochter Viking, die er 18 Jahre lang führte, bis er in den Beirat wechselte.
Unternehmen
Stihl erzielte im Geschäftsjahr 2022 einen Rekordumsatz von 5,5 Milliarden Euro (plus 8,6 Prozent) und hat rund 20 500 Beschäftigte, davon gut 6000 in Deutschland. Stihl strebt eine Spitzenposition im Akku-Markt an. Derzeit haben etwa 20 Prozent der weltweit verkauften Stihl-Geräte einen Akku, 2035 soll der Anteil bei 80 Prozent liegen. Das Unternehmen ist zu 100 Prozent in Familienbesitz, drei Familienstämme halten zu je gleichen Teilen knapp 86 Prozent, der Rest liegt bei der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung. Die Eigenkapitalquote liegt bei rund 62 Prozent. (red)