Arbeitsplatz mit Aussicht: Um sein Wandbild fertig zu stellen, musste Marc David Spengler auf einem Gerüst hoch hinaus. Foto: Pfffestival
Das Pfffestival bringt Farbe auf Stuttgarter Fassaden. Marc David Spengler ist einer der beteiligten Künstler und erzählt, wie Murals ihre Macher auch körperlich herausfordern.
Wie ist das, eine Hauswand mitten im Sommer zu bemalen? Das tun gerade die am Pfffestival beteiligten Künstlerinnen und Künstler in Stuttgart – und von allen sechs Fassaden-Schaffenden hatte der Stuttgarter Marc David Spengler den härtesten Job. Am Männerwohnheim in der Friedhofstraße, an dem er eine rund 20 Meter hohe und sieben Meter breite Wand gestaltete, konnte keine Hebebühne aufgestellt werden, da sie Zufahrten blockiert hätte.
Marc David Spengler Foto: MDS/Raphael Berg
Als einziger der sechs diesjährigen Pfffestival-Gäste musste er deshalb sich und seine Malmaterialien über die Leitern eines neunstöckigen Gerüsts schleppen, statt auf einer Hebebühne nach oben zu schweben und alles stets griffbereit zu haben. „Nach dem ersten Tag war ich körperlich total platt“, erzählt der Künstler. Danach schwand die Höhenangst, wuchsen Ausdauer und Kraft mit einer Aufgabe, die es gut zu koordinieren galt. Mit der Grundierung etwa begann er unten, um einen immer leichter werdenden Farbeimer nach oben zu tragen.
Auf einer Hebebühne hatte Gizem Erdem alles griffbereit. Foto: Pfffestival/Jan Schneidereit
„Es war mir klar, dass es viel Arbeit ist“, sagt Marc David Spengler am Tag, nachdem sein aus mehreren Motiven zusammengesetztes Werk vollendet ist. Aus einer Woche, wie geplant, wurden am Ende knapp zwei. Klar, wer draußen arbeitet, hängt vom Wetter ab. Bei Regen verlaufe die Farbe, erklärt der Künstler. Sich selbst musste er vor zu viel Sonne schützen. Bei Hitze hat er die Arbeit in die zweite Tageshälfte gelegt, wenn die Ostwand im Schatten war.
Was Marc David Spenglers Fassade erzählt
Gebremst hat den Künstler aber vor allem die raue Backsteinoberfläche mit ihren vielen Rillen. „Darauf einen sauberen Linienverlauf hinzubekommen, war zeitaufwendig“, sagt er. Letztlich war das feine Raster aber auch hilfreich, um seinen Entwurf punktgenau zu übertragen. Die einzelnen Bildteile um die Gerüstböden herum zu malen, brauchte ebenfalls Zeit.
Viele Skizzen gingen Marc David Spenglers Wandbild voraus. Foto: Pfffestival/Jan Schneidereit
Eine gereckte Faust ist zu erkennen, vier übereinander gesetzte Herzen ziehen sich ebenfalls über zwei Stockwerke, neben ihnen stützen sich menschliche Figuren aufeinander ab. Marc David Spenglers in einem positiven Sinn plakativen Motive erinern an Piktogramme; für das von den Festival-Organisatoren vorgeschlagene Thema Solidarität hat der Künstler an der Wand einer sozialen Einrichtung sprechende Motive gefunden.
Marc David Spengler musste hoch hinaus. Foto: stzn//ak
Mit einem Diplom in Kommunikationsdesign in der Tasche dürfte das Marc David Spengler nicht allzu schwergefallen sein. Ob Einladungskarte für neue Hermès-Läden, Stoffmuster, Sneakers, Plattencover oder T-Shirt-Motiv für eine Skater-Marke: Der Designer abstrahiert Gegenstände und Botschaften auf eine Weise, die sie ansprechend und zugleich leicht lesbar machen. Für das Pfffestival wirbt eines seiner Werke auf einem Stadtmobil erzählt davon, wie urbane Kunst für Farbe sorgt.
Auch einen Transporter gestaltete Marc David Spengler für das Pfffestival Foto: stzn/ak
Die Gestalter vom Studio Vierkant, die sich das Pfffestival ausgedacht haben, hat Marc David Spengler beim Studium an der Stuttgarter Kunstakademie kennengelernt; die Affinität zu Graffiti und urbaner Kunst verbindet sie. Bei der dritten Ausgabe des Festivals ist er nun selbst dabei und durfte seine Stadt eigenhändig bis an die Dachkante bunter machen, die Blau- und Rottöne der von ihm gestalteten Fassade korrespondieren schön mit dem Sommerhimmel darüber.
Wie ein neues Bild im Wohnzimmer
Bei aller Anstrengung würde der Künstler jederzeit wieder ein ähnliches Angebot annehmen: „Das ist eine Supergelegenheit, in Stuttgart eine so große Fassade gestalten zu dürfen“, sagt Marc David Spengler und freut sich über Resonanz. Ein Nachbar des neuen Murals habe seine Arbeit auf Instagram mit dem Satz geteilt, die Aussicht darauf sei wie ein neues Bild im eigenen Wohnzimmer. Seine Größe ist vor allem von unten betrachtet beeindruckend.
Dafür, dass Künstler und Wände zusammenkommen, sorgt das Studio Vierkant bereits im dritten Sommer. Auf echten und digitalen Wegen durch die Stadt spähen die Vierkant-Gestalter Fassaden aus, sprechen über Kultur- und Grundbuchamt ihre Besitzer an. Ihr Wunsch, mehr Kunst in den öffentlichen Raum zu tragen, kommt an. Am Olgaeck hätten Bewohner des von Gizem Erdem bemalten Hauses Zettel in die Fenster gehängt, auf denen stand: „Danke, Gizem!“, berichtet Georg Waibel vom Studio Vierkant.
Viel Publikum kam zur Einweihung von Gizem Erdems Fassade. Foto: Pfffestival/Jan Schneidereit
Viele Künstler, wie der derzeit an einer Wand in der Ostendstraße 85 malende Grieche Fikos, würden sich inzwischen initiativ bewerben. „Unser Ziel ist es aber, auch lokale Künstler einzubinden und vom Pfffestival profitieren zu lassen“, sagt Waibel. So soll bis 2025 ein spannender Mix unterschiedliche Fassadenkunst-Stile von abstrakt bis fotorealistisch abdecken. Nächstes Jahr ist schon Schluss? Sicherlich fände es nicht nur das Studio Vierkant schön, wenn die Stadt in ihrem Programm für Kunst im öffentlichen Raum Mittel für eine Fortsetzung findet.
Info – Wo die Fassadenbilder zusammenkommen
Künstler Marc David Spengler, Jahrgang 1995, lebt und arbeitet in Stuttgart. Sein Studium an der Kunstakademie Stuttgart hat er 2022 mit einem Diplom in Kommunikationsdesign abgeschlossen. Für das Pfffestival gestaltete er sein erstes Wandbild.
Festival Fünf neue Fassaden fügt die dritte Auflage des Pfffestivals den bereits zehn vorhandenen Murals in Stuttgart bis Ende August hinzu. Vollendet sind bereits die Wandbilder von Gizem Erdem (Charlottenstraße 14) und Marc David Spengler (Friedhofstraße 28). Noch in Aktion beobachten kann man den griechischen Künstler Fikos (Ostendstraße 85), Fintan Magee aus Australien (Olgastraße 93) und das serbische Duo Sobekcis (Schützenbühlstraße 91).
Dokumentation Eine Ausstellung im Projektraum des Kunstvereins Wagenhalle zeigt vom 18. Oktober bis zum 3. November alle für das Pfffestival 2024 entstandenen Wandbilder und stellt ihre Künstler*innen vor. Zur Ausstellung erscheint das „Pfff-Journal“, das über die Fassadenkunst hinaus das Festivalthema Solidarität in verschiedenen Text- und Bildbeiträgen beleuchtet.