In diesem Anonymität garantierenden Rahmen ersteigert ein Sammler den Mercedes 300 SLR Uhlenhaut Coupé, Baujahr 1955 – für 135 Millionen Euro. Die Liste der teuersten Autos führte bis zu diesem Zeitpunkt ein Ferrari 250 GTO an, der für 48,5 Millionen Dollar 2018 den Besitzer gewechselt hatte.
Das ist aber nicht der einzige Rekord, der in der Oldtimer-Szene zuletzt aufgestellt worden ist. 2022 wurden allein in Deutschland knapp drei Milliarden Euro für Reparatur, Restaurierung und Wartung der alten Fahrzeuge ausgegeben. Gleichzeitig steigt die Zahl der hierzulande zugelassenen Oldtimer Jahr für Jahr um rund acht Prozent.
Anfang 2023 waren es 794 000 Fahrzeuge, die in der Regel durch das Historienkennzeichen „H“ als automobile Kulturgüter ausgewiesen sind. Aber was sind die Gründe für das neue Interesse an den alten Autos?
Design und Individualität
Immer mehr Menschen sehen im Auto eine Möglichkeit, ihre eigene Individualität auszudrücken. Und landen so beim Oldtimer: Die berufliche Kreativität von Architekten spiegelt sich gerne in einem Saab wider, während der Manager in einem historischen Porsche seine Dynamik unterstreicht. Nostalgische Ex-Hippies greifen beim VW-Bus ihrer Jugend zu, während sich Teile der in Rente gegangenen Toskana-Fraktion vor Ort einen Alfa Giulia aus den 70er Jahren in die Ferienhaus-Garage stellen.
„In der Nachkriegszeit war die gestalterische Variantenvielfalt der einzelnen Hersteller häufig sehr hoch. Es fehlte noch die unternehmensspezifische Produktsprache – die sogenannte Signature DNA“, erklärt der Designexperte Wolfgang Henseler in einem Beitrag für den Oldtimer-Versicherer OCC. Die Autos seien heutzutage markenübergreifend schwerer zu unterscheiden, sagt der Professor für intermediales Design an der Hochschule Pforzheim und nennt das Beispiel SUV: „Was sich gestalterisch gut verkauft, wird schnell kopiert – und das nicht nur auf dem chinesischen Markt.“ Der Oldtimer wird vermehrt zum Statement gegen eine automobile Monotonie. Die Hersteller reagieren auf diese mit Retromodellen, wie unter anderem das Comeback des Fiat 500 zeigt.
Technik und Zuverlässigkeit
Für Markus Fuhrmann sind Oldtimer weit mehr als eine Liebhaberei. Gerade erst ist er mit seinem Geschäftspartner Ingo Schulze von einer Dienstreise zurückgekehrt nach Althengstett, wo sie gemeinsam eine Werkstatt betreiben. In Mexiko sind sie bei der Oldtimer-Rallye La Carrera Panamericana als Serviceleute für einen Kunden im Einsatz gewesen, der dort mit seinem von Fuhrmann & Schulze aufgebauten Mercedes 230 SL am Start gewesen war.
Auf die Reparatur und Restaurierung von Mercedes-Oldtimern ist ihr seit 2000 bestehender Betrieb spezialisiert. Und speziell sind auch die Aufträge, die dort eingehen. Vor Kurzem wurde in der Werkstatt am Rande des Nordschwarzwalds ein echtes Juwel bearbeitet.
In einer Scheune in Illinois war ein Mercedes 300 SL Roadster, Baujahr 1957, aufgetaucht. Einiges musste ein Oldtimer-Freund aus der Region für die verrostete und zerschlissene Rarität bezahlen, um sie in der Folge von Fuhrmann & Schulze zu neuem Leben erwecken zu lassen. Beim Blick aufs Übergabefoto ist schwer zu sagen, wer mehr strahlt: das silberne Auto oder der stolze Besitzer.
Auch Markus Fuhrmann ist immer wieder begeistert – von der Technik der Mercedes-Oldtimer, in die er unermüdlich eintaucht. Er schwärmt von der Ingenieurskunst eines Mercedes 600, der gerade bei ihnen in der Werkstatt steht; von seiner „gigantischen Hydraulik“, die vom Schiebedach über die Sitzverstellung bis zu Fensterhebern und verstellbaren Sitzen ihre Anwendung findet. Ebenso fasziniert den Werkzeugmacher und Kfz-Mechatroniker-Meister die Zuverlässigkeit der Klassiker, für die er bei Bedarf auch Ersatzteile selbst herstellt.
„Wer viel Geld für einen Oldtimer ausgibt, lässt ihn auch vom Spezialisten reparieren“, sagt Fuhrmann. In diesem Geschäft, meint er, seien neben dem handwerklichen Können Ehrlichkeit und Transparenz gegenüber dem Kunden am wichtigsten.
Dies zu erwähnen, ist aktuell von ganz besonderer Bedeutung. Erschüttert der „Fall Kienle“ doch gerade die Oldtimer-Szene von Grund auf. Der Betrugsverdacht gegen den Ditzinger Händler und Restaurator Klaus Kienle lässt derzeit viele Mercedes-Liebhaber zweifeln, ob ihr Oldtimer tatsächlich ein Original ist.
Lebensgefühl und Zeitgeist
Zu dieser Szene gehören natürlich auch Hobbyschrauber, die sich im Lauf der Zeit zu echten Klassiker-Experten entwickeln. So wie Yusuf Oksaz, der als Betreiber von drei Innenstadtclubs eine Stuttgarter Berühmtheit ist. Wozu aber auch seine Oldtimer-Sammlung mit Mercedes-Schwerpunkt beigetragen hat. „Die Autos bringen auch ein Lebensgefühl zum Ausdruck“, sagt Yusuf Oksaz, dessen Fahrzeuge überwiegend in den 60er und 70er Jahren gebaut wurden. Aus dieser Zeit stammt auch die Einrichtung seiner Nachtschwärmerläden Dilayla, Romy S. und Mrs. Jones. Yusuf Oksaz mag die Erinnerungen, die er mit den Autos verbindet. Die führen ihn zum Beispiel in die Kindheit, als ihm der Onkel die unterschiedlichen Marken beibrachte.
Neben der Nostalgie spielt auch die Beständigkeit für Oldtimer-Fans eine wichtige Rolle. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen Kurzlebigkeit und Austauschbarkeit. Erhalten statt verschrotten. Ein Motto, das zur ungeklärten Frage führt, was nun umweltfreundlicher ist: der möglichst lange Betrieb eines alten, alles andere als klimaneutralen Fahrzeugs oder der regelmäßige Neukauf eines Umweltengels auf vier Rädern?
Wertanlage und Promischmuck
Aus dem klassischen Fahrzeug kann aber auch ein Stehzeug werden, wenn es ausschließlich eine Wertanlage darstellen soll. Die könnte sich lohnen. Ein Mercedes SL Roadster, Baujahr 1958, war vor 20 Jahren noch für 200 000 Euro zu haben. Heute werden dafür 1,2 Millionen Euro aufgerufen. Für Topverdiener kein Problem, weshalb Promis immer häufiger ihren Fuhrpark um einen Oldtimer erweitern. Einen Trend setzt dabei Schauspieler Orlando Bloom, der einen über eine Million Euro teuren Jaguar E-Type von 1961 mit eingebautem E-Antrieb besitzt. Ein Auto, mit dem er sich auch gerne in der Öffentlichkeit schmückt.