Heribert und Dagmar Ragoßnig übergeben das Geschäft an ihre Tochter Steffi und deren Mann Dominic Ziegler. Foto: / Lichtgut/Ferdinando Iannone
Das Ehepaar Ragoßnig übergibt seinen Feinkost-Stand mit Obst und Gemüse an Tochter und Schwiegersohn. So geht es mit dem Unternehmen weiter, das seit 1961 in der Markthalle in Stuttgart vertreten ist.
Heidemarie A. Hechtel
26.01.2025 - 08:00 Uhr
„Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen!“ Was Thomas Lehmann, Chef von Märkte Stuttgart, dieses Bekenntnis entlockt, ist ein weiterer Wechsel in der Markthalle. Aber ein nahtloser, wie er inzwischen Seltenheitswert hat, und obendrein ein Generationswechsel, der auch alle Kunden, Stammkunden in der Mehrzahl, hoch erfreuen wird: Heribert und Dagmar Ragoßnig, schon die zweite Generation am Stand Feinkost Ragoßnig, Obst, Gemüse und Demeter-Produkte, übergeben das Geschäft im 64. Jahr seines Bestehens an die dritte Generation, ihre Tochter Steffi und deren Mann Dominic Ziegler. Zum 31. März 2025. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.
Markthallen-Stand seit 1961
Dieser Stamm wurde gesetzt, als Herbert Ragoßnig mit seiner Frau Maria 1961 in der Markthalle einen Stand übernehmen konnte. Der Österreicher war 1958 aus seiner Heimatstadt Graz nach Stuttgart gekommen. In Deutschland wollte er, wirtschaftlich vor allem, sein Glück machen, auf Stuttgart fiel seine Wahl, weil Wald und Wein hier so nah sind wie im heimischen Graz, wo schon seine Mutter auf dem Markt einen Obst- und Gemüsestand betrieb. Geschafft hat der Steirer offenbar wie ein Schwabe: Arbeitsam und zielorientiert. Zuerst als Abteilungsleiter für Obst und Gemüse im Spar-Supermarkt in Zuffenhausen, aber nebenher auch noch im Großmarkt, aus dem er in die Markthalle auslieferte. So sei es dann gekommen, erzählt Schwiegertochter Dagmar, dass ihm genau der Stand, an dem Ragoßnigs heute noch sind, zu einer freundlichen Zahlungsmodalität angeboten wurde und er zugriff. „Kommet die Ausländer jetzt au scho in d’Markthalle“, hätte damals prompt ein schwäbischer Konkurrent gebruddelt. Wenn der wüsste, wie viele Nationen heute in der Markthalle vertreten sind!
Immer hat Ragoßnig senior den Einkauf mit seinen Geschichten zu einem besonderen Erlebnis und Vergnügen gemacht, aus der Gastroszene erzählt, die er abends nach einem 14-Stunden-Tag noch belieferte, und höchst interessante Anekdoten hinter – pst, pst – vorgehaltener Hand aus der Nachtlokalszene in den sogenannten „vereinigten Hüttenwerken“ verraten. Ein charmanter Plauderer, der die Kinder mit Zaubertricks unterhielt, wenn er eine Münze hinterm Ohr hervorholte. Unvergesslich, der Mann, an den sich noch so viele erinnern. Ein altes Foto zeigt die ganze Familie mit Tochter Karin und Sohn Heribert am Stand, der damals natürlich viel bescheidener ausgesehen hat. Wie die ganze Markthalle, in der das Angebot von selbst erzeugtem Obst- und Gemüsestände dominierte.
2001 dann der erste Generationenwechsel: Für Sohn Heribert, im Gründungsjahr geboren und praktisch ins Markthallengeschäft hineingewachsen, war seine Nachfolge nie eine Frage, genauso wenig wie für seine Frau Dagmar, mit der er seit 1988 verheiratet ist. „Ich bin aber schon 1979 hier mit eingestiegen“, erzählt die gelernte Hauswirtschafterin, die zur Ware gern und professionell mit Zubereitungs-Tipps aushelfen kann. Als 2018 im Zuge der Neugestaltung der Halle auch für ihren Stand ein deutliches Upgrade und mehr Attraktivität erwartet wurde, habe sie sich erst gewehrt, gibt sie zu: „So kurz vor dem Ruhestand noch so viel, auch finanziellen, Aufwand? Und jetzt bin ich ganz glücklich darüber, wie es geworden ist: Größer und schöner.“ Top-Qualität und Liebenswürdigkeit, selbst im größten Trubel, sind eine Selbstverständlichkeit.
Blick in die Markthalle Stuttgart Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone
Ein g’mäht’s Wiesle für die Nachfolger? Wer das sein würde, war lange nicht klar. Sohn Matthias surft als Designer auf der digitalen Schiene, Tochter Steffi arbeitete zwar seit ihrem 14. Lebensjahr hier mit, hatte aber ihren eigenen Kosmetiksalon und war überzeugt: „Die Markthalle tu’ ich mir nicht an. Zu viel Arbeit von früh morgens bis spät.“ Ihr Mann Dominic Ziegler, der als Student seit 2013 samstags hier gejobbt hat und nun als Immobilienmakler arbeitete, war ganz ihrer Meinung. Trotzdem waren Heribert und Dagmar Ragoßnig, 63 und 61 Jahre alt, zum Ruhestand in diesem Jahr entschlossen: Genug geschafft, es reicht.
Woher dann der Stimmungsumschwung bei den Jungen? Einmal, so Steffi, weil Corona das Ende ihres Salons bedeutet habe. Seither sei sie ständig am Stand gewesen. Da ist die 30-Jährige wohl auf den Geschmack gekommen. Den Ausschlag habe der Wechsel am Stand gegenüber gegeben. Schon voll im Unternehmer-Modus, beteuern beide, wie viel Spaß ihnen der Umgang mit Ware und Kunden mache. Dominic Ziegler geht gerade beim Schwiegervater in die Lehre, um im Großmarkt die richtige Qualität und Menge einzukaufen, und hat den Ehrgeiz, hier „Platzhirsch“ zu werden. Und Steffi muss nicht mehr um ihr Herz fürchten, denn „wenn der Stand in fremde Hände übergegangen wäre, hätte ich nicht mehr in die Markthalle gehen wollen, es hätte mir das Herz gebrochen“, beteuert sie.
Am Samstag, 28. März, wird man anstoßen dürfen, versprechen Heribert und Dagmar Ragoßnig. Darauf, dass auch ihnen ein Stein vom Herzen gefallen ist. Und auf den Erfolg für die dritte Generation.