Feintool in Sachsenheim vor dem Aus Schlaflose Nächte plagen Arbeiter – „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“

Die Werkzeugmacher Urim Ismajli und Markus Lang (rechts) stehen vor einer ungewissen Zukunft. Foto: essigfoto.de/Andreas Essig

Markus Lang und Urim Ismajli sind von der Schließung des Feintool-Werks in Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) betroffen. Sie durchleben Existenzängste.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Markus Langs Stimme wird brüchig. Hinter ihm liegen aufregende Stunden, seitdem bekannt geworden ist, dass sein Arbeitgeber Feintool das Werk in Sachsenheim schließen will und 200 Mitarbeiter ihren Job verlieren sollen. „Schon meine Mutter hat hier gearbeitet – auch mein Onkel und meine Tante.“ Der 46-jährige, ein gestandener Industriemechaniker und von der Statur ein echter Kerl, ringt um Fassung. Eine weitgehend schlaflose Nacht liegt hinter ihm, denn es ist völlig unklar, wie es für ihn persönlich und seine Kollegen weitergeht.

 
Die Krise der Autoindustrie hinterlässt auch im Kreis Ludwigsburg ihre Spuren. /Imago/Uwe Meinhold

Die Krise der Autoindustrie hat das aufstrebende Sachsenheim im Kreis Ludwigsburg mit voller Wucht eingeholt. Am Boden liegen nicht nur VW, Ford und andere Hersteller – auch die Zulieferer für Elektrowagen, die zu wenige kaufen, geraten im Speckgürtel rund um Stuttgart gehörig ins Schlingern. Feintool zieht nun die Notbremse: Von den 450 Beschäftigten an den beiden Standorten in Sachsenheim und Vaihingen/Enz sollen nur noch 250 weiterarbeiten, aber nur in der Automotive-Sparte in Vaihingen. Das noch funktionierende Industriegeschäft mit Elektromotoren wird aus Kostengründen nach Tokod in Ungarn verlegt.

Bedrückend ist für Markus Lang vor allem die quälende Ungewissheit: „Wir wissen nicht, wie es für uns weitergeht.“ Lang steht seit 30 Jahren bei Feintool und dem früheren Kienle + Spiess seinen Mann. Er erzählt von der „Hiobsbotschaft“, die ihn am Dienstag ereilte und seine Existenz gefährde. Spätestens im Jahr 2027 soll der Hammer fallen und die rund 90-jährige Firmengeschichte enden. Etwa 200 Mitarbeitern droht dann die Arbeitslosigkeit. Lang ist Vater von vier Kindern im Alter von zwölf bis 21 Jahren. Die Familie wohne in einem Haus in Bönnigheim, das er noch abbezahle. Ob er zu denen zählt, die später in Vaihingen weiterarbeiten dürfen, vermag er nicht einzuschätzen.

Krisengespräch mit der Ehefrau nach der Spätschicht

Redebedarf hat auch Urim Ismajli, ein 31-jähriger Kollege, der seine Werkbank in der Stanzerei direkt neben Markus Lang hat. Beide gehören einer Eingreiftruppe an, die defekte Stanzwerkzeuge schnell repariert. „Wir haben immer gerne gearbeitet und viel Freude dabei – aber am Dienstag wollten wir nur noch nach Hause und mit unseren Familien reden.“ Auch Ismajli hat zwei Kinder, er arbeitet seit sechs Jahren im Werk. Als er am Tag der schlimmen Nachricht nach der Spätschicht gegen 22 Uhr nach Hause kam, habe er sich lange mit seiner Frau über die nächsten Schritte unterhalten.

Bleiben oder weggehen und sich schnell eine neue Arbeit suchen – diese Frage stellt sich den Mitarbeitern nun. Die Kündigung erscheint verlockend, denn es fehlt vor allem die Sicherheit. „Es ist ja auch noch nichts ausverhandelt – ob und wie Abfindungen gezahlt werden“, sagt Markus Lang. Noch bestehe ein Fünkchen Hoffnung, dass das Werk doch nicht geschlossen werde. Dann wäre das Weggehen übereilt.

Bleiben oder weggehen – die Arbeiter sind stark verunsichert

Kühlen Kopf zu bewahren, rät Andreas Ivenz, der Feintool-Betriebsratsvorsitzende. „Noch steht nicht fest, dass das Werk überhaupt geschlossen wird“, sagt er und verweist auf das Betriebsverfassungsgesetz. Der Arbeitgeber müsse nachweisen, dass sein Vorhaben angemessen ist. Mit dem Imu-Institut für Wirtschaftsforschung in Stuttgart habe der Betriebsrat eine neutrale Organisation eingeschaltet. „Wir brauchen jetzt alle Geduld, bis Ergebnisse feststehen“, rät Ivenz, der in Sachsenheim aufwuchs und als Kleinkind mit der Mutter dem Vater das Butterbrot vorbeibrachte, wenn er als Maler Überstunden für die Gebäudeerweiterung schob.

Für Ivenz gehören Umstrukturierungen zu regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen. Bereits bei der Vorgängerfirma Kienle + Spiess habe er bei fünf Personalreduzierungen in den Jahren 2002 bis 2015 mitentscheiden müssen. „Wenn du dann die Kollegen im Supermarkt oder sonst im Ort triffst, hast du einen Kloß im Hals und kommst in eine Trauerwolke, aus der du nur schwer wieder herausfindest.“

Arbeiter sollen nach Ungarn gehen, um ihr Fachwissen dort zu vermitteln

Mit den Kollegen eng verbunden fühlen sich auch Markus Lang und Urim Ismajli. Selbst wenn sie selbst weiterarbeiten dürften, würde es ihnen sehr weh tun, wenn sie Kollegen verlören. „Wir sind 16 in der Abteilung“, sagt Lang. „Wenn ich mir vorstelle, dass auch nur sechs nicht mehr bei uns sein dürfen, ist das schlimm.“ Man habe immer alles für den Betrieb gegeben, sich an Samstagen und Sonntagen bereit gehalten, um Störungen in der Produktion zu beheben, als in guten Zeiten die Automotive-Linien für Audi und BMW aufgebaut wurden, erzählt Urim Ismajli. Dass man jetzt aufgefordert werde, nach Ungarn zu gehen, um dort das Know-how zu vermitteln und sich damit „das eigene Grab zu schaufeln“, sei zu viel verlangt.

Die drei Männer sind sich einig: Die Produktion von Elektromotoren sollte doch besser in Deutschland weiterlaufen, nicht in Ungarn – die mit der Verlagerung einhergehenden Verluste von Qualität hätten die Arbeitgeber zu wenig im Blick. „Es ist wichtig, hier das Fachwissen zu erhalten, denn in anderen Ländern wechseln die Mitarbeiter häufiger den Arbeitgeber“, sagt Andreas Ivenz. Werde aber die Mutterkuh geschlachtet, könnten die Kälber nicht mehr saugen.

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