„Stoppt Femizide“ ist das Thema einer Kundgebung, mit der das Frauenkollektiv Stuttgart an die getötete Pflegehelferin Maha D. erinnert.
Auf dem betonierten Platz neben dem Kollegiengebäude II der Uni, gegenüber dem Katharinenhospital, steht am Dienstagabend eine kleine Gruppe, überwiegend Frauen. Sie kannten Maha D. nicht. Aber sie trauern um sie. Und sie sind wütend. Wieder eine Frau ermordet, weil sie eine Frau ist, ein Femizid. „Fast jeden Tag geschieht in Deutschland ein Femizid“, sagt eine Sprecherin des Frauenkollektivs Stuttgart. Die Organisation hat zu der Kundgebung und Gedenkfeier eingeladen: Gedenken an Maha D., demonstrieren mit dem Motto „Femizide stoppen“.
Maha D. wurde 31 Jahre alt. Genau eine Woche vor der Demo wurde die Pflegehelferin tot in ihrer Wohnung an der Türlenstraße gefunden, in einem Wohnheim für Mitarbeitende des Klinikums Stuttgart. Der Tatverdacht fällt laut der Polizei auf ihren Partner – wie es um die Beziehung bestellt war, warum er in Verdacht geraten ist, dazu gibt es noch keine Informationen. Aber der Mann sitzt seither in Untersuchungshaft.
Der Begriff Femizid, das erklärt die Rednerin, steht für den Mord an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts, meist durch Männer aus dem engen sozialen Umfeld. „Wir müssen diese systematische Gewalt gegen Frauen benennen“, sagt sie, und fordert die Gruppe auf, erst still der Toten zu gedenken, und dann laut zu werden. „Denn wenn wir laut sind, dann leben die ermordeten Frauen in unseren Gedanken weiter“, fügt die Sprecherin hinzu. „Man mordet nicht aus Liebe – stoppt Femizide!“ rufen die Versammelten und schreien damit gegen das Rauschen des Feierabendverkehrs an der Kriegsbergstraße an.
Ein paar Männer sind auch dabei. Einer von ihnen wohnt noch in dem Wohnheim, in dem die Frau lebte – und getötet wurde. Das Haus an der Türlenstraße soll bis Ende des Monats geräumt sein, es wird dann nicht mehr als Wohnheim genutzt. Die meisten seien schon ausgezogen, etwa zwölf bis 15 Personen, schätzt er, sind aktuell noch dort. Gekannt hat er das Opfer nicht. Aber er trauert mit den Frauen. „Sie wohnte vier Stockwerke unter mir, im dritten Stock. Kiki lebte vier Stockwerke weiter oben, im elften“, sagt er. Kiki wurde 2023 Opfer eines Femizids. Im gleichen Gebäude. Das sei für die verbliebenen Bewohnerinnen und Bewohner schon gruselig. Er habe immer darauf geachtet, dass die Eingangstür zu sei. „Manche haben die blockiert, weil man immer runter muss, um jemand reinzulassen.“ Die Klingel funktioniere nicht mehr. Da seien manche bequem geworden und hätten sich Lösungen ausgedacht, den Weg nach unten zu sparen. „Aber da muss man schon aufpassen, es waren geschätzt 90 Prozent Frauen im Haus, da muss es doch sicher sein.“
Von Mahas Tod erfuhr er am Donnerstag, als die Polizei ihn aus dem Schlaf klingelte. „Dieses Mal wurden wir befragt, bei Kiki damals nicht. Damals stand noch Polizei vorm Haus, dieses Mal nicht“, erzählt der Bewohner, und wundert sich über die Unterschiede. Er kann nur mutmaßen, dass das mit dem jeweiligen Ermittlungsstand zu tun hat: Der Tatverdächtige im aktuellen Fall war schon festgenommen, als man die Bewohnerinnen und Bewohner informierte. Das war beim Fall 2023 nicht so, erst nach mehreren Tagen ging der Tatverdächtige – inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilte Ex-Partner – der Polizei ins Netz.
„Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben“
Die Frauen vom Frauenkollektiv trauern, und sie sind wütend. Wütend, weil wieder ein Frau aus der Welt gerissen wurde, die dabei war, sich eine Zukunft aufzubauen. Die Wut macht sie kämpferisch. „Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben“, rufen sie, und fordern „Gerechtigkeit für Maha“. Was das bedeutet? „Wahre Gerechtigkeit erfolgt nur, wenn keine Femizide mehr geschehen und die Gewalt gegen Frauen ein Ende hat.“ Das ist ihr Ziel – und nicht weniger.