Festival „3 Tage frei“ in der Rampe Gala mit Protest: So startet das Festival für Tanz, Theater und Performance

Tanzt mit zugeklebtem Mund: Alessandro Giaquinto in seinem Protest-Solo „Null“ Foto: ak

Weniger Umfang, mehr Anspruch: Mit einer ungewöhnlichen Gala startet das Festival „3 Tage frei“ in Stuttgart. Die Revue „Art of Protest“ spitzt die Situation der freien Szene zu.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

The show must go on! Der Lappen muss hoch! Bühnenkünstler sind bekannt dafür, dass sie sich von nichts ausbremsen lassen. Doch Durchhaltevermögen scheint nicht die passende Antwort auf die aktuellen Krisen. Im Fall von „6 Tage frei“, dem alle zwei Jahre stattfindenden Festival der freien darstellenden Künste im Land, das am Mittwoch in Stuttgart im Theater Rampe eröffnet wurde, heißt das: Die Kürzung der Zuschüsse um 50 Prozent durch die klamme Stadt Stuttgart wird nicht durch gesteigerte Selbstausbeutung kompensiert, sondern sichtbar gemacht.

 

„3 Tage frei“ heißt der Szenetreff in diesem Jahr und ist auf halbe Dauer eingedampft. Als ob das nicht Ansage genug wäre, gab’s zum Start eine Protestgala. Aus 50 Einreichungen haben die Vertretungen der freien Szene sieben Beiträge ausgelost – unkuratiert, überraschend, bunt sollte die Eröffnung sein – und war es auch. Vor dem Saal, wo sonst die Zacke parkt, wurde auf einer flachen Bühne oder direkt im Publikum mit Staubsaugern und E-Gitarren laut musiziert und mit Witz gegen das Verschwinden der Kunst protestiert. Leonardo Rodrigues, aus Heidelberg angereist, machte sich blank bis auf die Unterhose und schien in der Konfrontation mit dem eigenen Schweiß danach zu suchen, wie Arbeit und Armut einen Körper zeichnen.

Explosiv und vibrierend: So ist die Stimmung

Viel Wut, etwas Hilflosigkeit: Dieser Mix, der den Stuttgarter Beitrag von Yahi Nestor Gahe und Dorothea Lanz bestimmte, trifft sicherlich die Stimmung vieler. Die Kriege in der Welt und ihre unzähligen Toten, anderswo das Leben, das weitergeht, als wäre nichts, wäre da nicht der Schock an der Zapfsäule: Die Performerin, die hinschauen will, redet sich für „The Art of Protest“ bewusst in Rage, um zu zeigen, wie eng Kunst und Politik gerade zusammenhängen. Der Tänzer vibriert dazu, als würde eine Explosion unmittelbar bevorstehen.

Ronja Schweikert, Micha Schlüter und Viktoria Kasparik besingen in „We Disappear“ das Verschwinden Foto: stzn/ak

„Kürzen tut niemand gern“, die Rasanz der Krise habe alle überrollt, sagte der Stuttgarter Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner, als er auf der Bühne zum Sparkurs der Stadt befragt wurde. Dass auch in den Pflichtbereichen bald stärker gespart werden soll, kann der freien Szene kein Trost sein. Eher schon die Aussage von Claudia Rose, im Kunstministerium des Landes für die Kultur zuständig, die den wichtigen Beitrag der Kunst zur Diskurskultur in der Demokratie betonte und benannte, was sich von ihr lernen lässt: zum Beispiel der Mut, immer wieder Anfänge zu wagen, um Neues in die Welt zu bringen.

Alessandro Giaquinto, der ehemalige Solist des Stuttgarter Balletts, trat mit einem Klebeband über dem Mund an, auf dem „Peace“ steht. Mit düsterer Wucht und präzisen Gesten warf er sich in ein Solo, das Sprachlosigkeit anklagt. „Kultur ist keine Dienstleistung, sondern wichtig für unser gesellschaftliches Miteinander. Wir wünschen uns da eine klare Positionierung der Politik, wie es weitergeht“, forderte Tobias Frühauf, Geschäftsführer der freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart, und warb bei den Künstlern für Zuversicht, Mut und Solidarität. „Trotz schwieriger Zeiten macht die Arbeit mit euch richtig viel Spaß“, stimmte sein Partner Philipp Wolpert aufs Festival ein.

Von „Sanctus“ zu „Sancta“

Gleich dessen erste Produktion zeigte, wie leicht Kunst schwere Themen verhandeln kann: Um Männlichkeitsmythen geht es in „Sanctus Dominus Taurus“. Das Wiedersehen mit Laura Oppenhäuser, ihren zehn männlichen Musen und ihrer 2024 uraufgeführten Performance verblüfft ungemein, lässt sie sich nun auch als vorweggenommenes Gegenstück zu Florentina Holzingers später herausgekommenen „Sancta“ erleben. Mehr provokante Performancekunst bietet „3 Tage frei“ bis einschließlich Samstag.

Vom Wettbewerb zum Austausch

Plattform
Das Festival „6 Tage frei“ findet seit 2015 biennal im Theater Rampe statt. Gestartet ist es als „Theaterpreis der Stuttgarter Zeitung“ bereits 1988, von 2005 an wurde es als Tanz- und Theaterpreis der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg ausgerichtet. Statt Wettbewerb stehen heute Aufführungen und Austausch im Vordergrund. Das Festival gilt als wichtigste Plattform der freien Szene im Südwesten.

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