Festival im Glashaus und mehr Freunde, Musik, Eigeninitiative: Wie Kollektive Stuttgarts Nachtleben gestalten

Theresa Krauss und Béla Godehardt haben mit Freunden 2022 das Kollektiv am Viadukt gegründet und veranstalten seitdem regelmäßig Partys in Stuttgart. Foto: Frederik Herrmann

Am 21. März stellen Stuttgarter Kollektive im Rahmen einer Stadtkind-Ausstellung zur Langen Nacht der Museen aus. Eine Geschichte zeigt, wie Kollektive das Nachtleben prägen.

Volontäre: Frederik Herrmann (hef)

Über dem DJ-Pult hängen alte Skier. „Die haben wir geschenkt bekommen“, sagt Theresa Krauss. In der Ecke steht ein großer Karton voller Watte, die sie passend zu den Skiern als Deko-Schnee verteilen will. Zusammen mit Freundinnen und Freunden hat sie einen Club in Bad Cannstatt gemietet und trifft die letzten Vorbereitungen für die Party am Abend. Ein paar Lichter und fette Boxen reichen ihnen nicht – für ihr Event wollen sie den Raum besonders gestalten.

 

Denn dort soll kein klassischer Clubabend stattfinden, organisiert vom Betreiber und dessen Personal, sondern eine Kollektivparty. Der Unterschied: Kollektive verstehen sich als Freundeskreis. Sie organisieren Partys in ihrer Freizeit, nicht mit Gewinnabsicht. Bei ihrer Party wollen sie „Danke“ sagen – an alle, die sie über das Jahr hinweg unterstützt haben. Seit Theresa Krauss (31) 2022 mit Freundinnen und Freunden das „Kollektiv am Viadukt“ gegründet hat, haben sie zahlreiche Partys und ein jährlich stattfindendes Festival organisiert.

„Die Kollektivpartys sind einfach persönlicher.“

Béla Godehardt, Mitglied des „Kollektiv am Viadukt“

Während immer mehr Clubs mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, entstehen in Stuttgart seit einigen Jahren immer mehr solcher Kollektive. Manche organisieren Konzerte, andere veranstalten Partys in Leerständen oder illegal im Park, wieder andere mieten Clubs für ihre Events. Für die Clubbetreiber bringt diese Entwicklung auch Vorteile.

Alte Skier hängen über dem DJ-Pult. Das Kollektiv am Viadukt dekoriert mit viel Kreativität ihre Veranstaltungen. Foto: Frederik Herrmann

Warum Kollektivpartys in Stuttgart immer beliebter werden

Theresa Krauss geht gerne auf Partys, seit der Coronapandemie aber immer seltener in Clubs. Sie seien einfach viel zu teuer geworden. „15 bis 20 Euro Eintritt plus ein paar Getränke sind einfach zu viel“, ergänzt Béla Godehardt (25), ebenfalls Teil des Kollektivs.

Kollektivpartys sind dagegen zu einem beliebten Gegenmodell geworden. Bei ihren eigenen Veranstaltungen basiert der Eintritt häufig auf Spendenbasis.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Man weiß, wen man trifft. „Die Kollektivpartys sind einfach persönlicher“, sagt Béla Godehardt. Auf den Kollektivpartys herrscht keine Anonymität, wie sie in Clubs in Großstädten oft gesucht wird. Dort kennt man sich. Der eigene Freundeskreis organisiert die Party, der erweiterte Freundes- und Bekanntenkreis feiert gemeinsam. Auch wissen die Gäste, worauf sie sich einlassen: Jedes Kollektiv hat seinen eigenen Stil, seine DJs und seine Musik. In gewisser Weise haben Kollektive damit den Stammclub von früher abgelöst.

Steigende Kosten und weniger Gäste setzen Clubs unter Druck

„Clubs sind heute stark von einer Eventisierung geprägt“, sagt Moritz Zimmer,Vorsitzender des Clubkollektivs Stuttgart, einem Zusammenschluss verschiedener Clubs und Nachtbetriebe in Stuttgart. Der Name eines Clubs allein ziehe nicht mehr. Junge Menschen steuerten nicht mehr gezielt einen Club an, sondern orientierten sich an einzelnen Veranstaltungen und folgen Kollektiven durch verschiedene Locations. Clubs müssten deshalb deutlich stärker um ihr Publikum kämpfen.

Hinzu kommen gesteigerte Kosten: Mieten, Strom und Personal seien teurer geworden, sagt Zimmer. Auch verlangen bekannte DJs immer höhere Gagen pro Abend. Szenegrößen wie Marlon Hoffstadt oder Peggy Gou würden Honorare im hohen, teils sechsstelligen Bereich verlangen. Die Lage vieler Clubs sei deshalb schwierig und angespannt, sagt Nils Runge. Als Nachtmanager der Stadt Stuttgart ist Runge Teil der Koordinierungsstelle Nachtleben – einem Netzwerk aus Verwaltung, Wirtschaft und Kulturschaffenden.

Clubs setzen auf Zusammenarbeit mit Kollektiven

Von einem allgemeinen Clubsterben, wie es oft beschworen werde, wolle er jedoch nicht sprechen, sagt Runge. Clubs seien seit jeher immer im Wandel.

„Wir haben zwar einige Clubs verloren, aber andere passen sich an gesellschaftliche Veränderungen an – das ist Teil ihrer DNA und macht meiner Meinung nach ihre Resilienz aus“, sagt Nils Runge.

Teil dieser Veränderung sind auch die Stuttgarter Kollektive. Immer häufiger setzen Clubs auf die Zusammenarbeit mit ihnen: Die Clubs stellen Räume und Equipment, die Kollektive planen die Veranstaltung. Für die Clubs bedeutet das geringere Kosten, für die Kollektive eine Bühne und Raum, um sich auszuleben.

Das Kollektiv am Viadukt veranstaltet seit 2022 das Glashaus Festival. Eine zweitägige Party in einem Gewächshaus bei Stuttgart. Foto: Simon Wallenda

Kollektive als Plattform für Kreative

„Wir haben viele Kreative und Menschen aus dem Kulturbereich in unserem Freundeskreis“, sagt Béla Godehardt, der selbst als DJ bei den Kollektivpartys auflegt. „Für die wollten wir auch eine Plattform schaffen.“

Das Kollektiv am Viadukt organisiert seit 2022 auch das Glashausfestival – mittlerweile ein zweitägiges Festival in einem Gewächshaus. Was als Zeitvertreib eines Freundeskreises begann, ist inzwischen fester Bestandteil des Festivalkalenders vieler junger Stuttgarterinnen und Stuttgarter geworden.

Auch im kommenden Jahr soll das Festival wieder stattfinden. Die Planungen laufen bereits. Theresa Krauss und Béla Godehardt feiern aber erst einmal noch ihre letzte Kollektivparty im Jahr.

Lange Nacht der Museen

Ausstellungen in ganz Stuttgart
Am 21. März findet in Stuttgart wieder die Lange Nacht der Museen statt. Das heißt: 63 Museen, Kulturinstitutionen, Galerien und andere Ausstellungsorte haben bis 1 Uhr nachts geöffnet und bieten ein außergewöhnliches Programm.

Stadtkind Stuttgart
Im Stadtbüro der Stuttgarter Zeitung (Geißstraße 4) zeigt Stadtkind die eigens für die Lange Nacht der Museen kuratierte Ausstellung „Better together – Stadtkind zeigt, wie Kollektive Stuttgarts (Nacht)leben gestalten“ – eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv Meetup.

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