Feuerkatastrophe Crans-Montana Stuttgarter Arzt: „Wir operieren bei 37 Grad Raumtemperatur“

Rund 40 Tote und an die 120 Verletzte gab es bei der Brandkatastrophe in der Silvesternacht in Crans-Montana. Von den Verletzten wurden 50 in Kliniken im Ausland verlegt, die auf Verbrennungen spezialisiert sind. Foto: Antonio Calanni/AP/dpa

Im Stuttgarter Marienhospital wird eine schwer verletzte Person aus Crans-Montana versorgt. Der Spezialist Matthias Rapp erklärt, was die medizinische Hilfe erschwert.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Nach dem verheerenden Brand im Schweizer Skiort Crans-Montana hat Deutschland mehrere Schwerverletzte aufgenommen: Das Marienhospital in Stuttgart gehörte zu den ersten Spezialkliniken, in die am Neujahrstag Menschen zur medizinischen Versorgung überführt worden sind. Der Leiter des dort ansässigen Zentrums für Schwerbrandverletzte, Matthias Rapp, hat sich auf die Behandlung solcher Fälle spezialisiert. Er sagt: „Kommt es bei der Haut zu schweren Verbrennungen, haben die Betroffenen gleich mehrere medizinische Probleme.“ Nähere Angaben über die verletzte Person wie Alter, Geschlecht, Nationalität und Schweregrad der Verbrennung will das Marienhospital aus Patientenschutzgründen nicht machen.

 

Herr Rapp, wie ist es dazu gekommen, dass eine der verletzten Personen nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana ins Marienhospital verlegt wurde?

In Folge einer solchen Katastrophe galt es in kürzester Zeit mehr als 100 Menschen mit teils schwersten Verbrennungen zu versorgen. Das ist allein in der Schweiz nicht zu schaffen, da braucht es die Hilfe aus dem europäischen Ausland. Wir gehören zu den 19 bundesweit spezialisierten Zentren für Schwerbrandverletzungen bei Erwachsenen und wurden aufgrund der räumlichen Nähe zur Schweiz von den Kollegen angefragt, ob wir Kapazitäten haben, Verletzte aus Crans-Montana zu übernehmen. Wir halten insgesamt drei Plätze vor; da aber zwei Betten derzeit belegt sind, konnten wir nur einen Patienten übernehmen. Normalerweise passieren solche Anfragen über die sogenannte Zentrale Anlaufstelle zur Vermittlung von Betten für Schwerbrandverletzte in Hamburg. Aufgrund der Dringlichkeit wurden wir in diesem Fall am Neujahrstag direkt kontaktiert.

Wann ist die Verlegung erfolgt?

Die verletzte Person wurde am Abend des Neujahrstages zu uns gebracht. Sie wird nun intensivmedizinisch von unserem Team betreut.

Wie herausfordernd ist die Versorgung von Schwerbrandverletzten?

Die Haut ist das größte Organ des Menschen. Kommt es hierbei zu Verbrennungen, haben die Betroffenen gleich mehrere medizinische Probleme: So bilden sich in den Brandwunden Giftstoffe, die den gesamten Körper belasten können, weshalb das Gewebe möglichst schnell entfernt werden muss. Gleichzeitig ist das Immunsystem geschwächt, das Infektionsrisiko steigt. Es kommt zu schweren Wassereinlagerungen in den Geweben. Und weil bei großflächigen Verbrennungen der Patient schneller auszukühlen droht, müssen die Operationsräume klimatisch darauf ausgerichtet sein. Teilweise operieren wir bei um die 37 Grad Raumtemperatur.

Wie werden hochgradige Verbrennungen medizinisch versorgt?

Teils können mittelschwere Brandwunden mit einem Hautersatz versorgt werden, den wir Ärzte im Marienhospital vor 25 Jahren mitentwickelt haben: Das Suprathel besteht aus Milchsäure und verbleibt auf der Wunde bis zur Abheilung – ohne dass ein Verbandwechsel nötig wird. Bei schweren drittgradigen Verbrennungen braucht es die Transplantation von Eigengewebe.

Wie lange bleiben Schwerbrandverletzte bei Ihnen in der Klinik?

Das ist unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab – dem Ausmaß und der Tiefe der Verbrennung, der Zahl der Operationen, aber auch vom Alter sowie vom physischen und psychischen Zustand der Patienten. Viele verbringen viele Monate bei uns im Haus. Es braucht dann ein interdisziplinäres Team, um solche Patienten zu betreuen: Neben den Chirurgen braucht es Ergo- und Physiotherapeuten, aber auch eine psychologische Betreuung ist wichtig, um das Unfalltrauma und die mehr oder weniger sichtbaren Folgen der Verletzungen zu bewältigen.

Im Zentrum für Schwerbrandverletzte im Marienhospital Stuttgart werden unter der Leitung von Matthias Rapp bis zu 200 Patienten stationär betreut. Foto: Marienhospital Stuttgart

Wie viele Schwerbrandverletzte werden im Marienhospital versorgt?

Stationär sind es etwa 180 bis 200 Brandverletzte, davon etwa 100 bis 120 Schwerbrandverletzte pro Jahr. Hinzu kommen rund 400 Patienten mit Brandverletzungen, die wir noch zusätzlich ambulant betreuen. Etwa die Hälfte der Menschen, die von uns medizinisch versorgt werden, haben Brandverletzungen – also Flammenverbrennungen. Auch Verbrühungen sind häufig. Wir versorgen zudem die Folgen von Explosionen, Verätzungen durch Chemikalien oder Starkstromverletzungen. Viele Patienten begleiten wir jahrelang.

Spezialist für schwere Brandverletzungen

Leiter
Matthias Rapp (59) ist Oberarzt am Stuttgarter Marienhospital. Der Orthopäde und Unfallchirurg leitet dort seit Sommer 2009 das Zentrum für Schwerbrandverletzte.

Krankenhaus
Das Marienhospital ist seit 1983 ein Zentrum für Schwerbrandverletzte. Hier werden Patientinnen und Patienten aus dem Großraum Stuttgart und weit darüber hinaus behandelt.

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