Der Film „E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer“, der jetzt in Stuttgarter Kinos zu sehen ist, beschäftigt sich mit der Designerin, die 1929 ihr erstes Haus schuf – und dessen Zerstörung durch den Architekten Le Corbusier. Eine Geschichte über die Macht des weiblichen Ausdrucks und den Wunsch der Männer, ihn zu kontrollieren.
Es ist erstaunlich, dass das Nomen „Haus“ mit dem sachlichen Artikel „das“ daher kommt. Das Haus. Denn bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war das Haus allein von Männern gemacht und geprägt, sodass der männliche Artikel einem passender erscheinen mag: „Der Haus“.
Doch dann kommt Eileen Gray. Die Irin wird 1878 als jüngste Tochter einer aristokratischen Familie geboren. Mit Mitte 20 zieht sie nach Paris. Bald schon gehört sie mit ihren Lackarbeiten, ihrer Innenarchitektur und ihrem Möbeldesign zur künstlerischen Avantgarde. Sie hat Affären mit Frauen und Männern. „Ich hatte viele Verehrer, aber Männer wollten sich immer an mir messen – oder mich heiraten“, sagt sie.
Lange nach ihrem Tod nun müssen sich beide Geschlechter an den Arbeiten dieser Frau messen lassen, denn sie gilt längst als eine der Pionierinnen einer Architektur, die weiblicher und emotionaler ist – die bei Weitem aber nicht nur Frauen beeindruckt. Sondern die unter anderem den Architekten Le Corbusier so in ihren Bann zog, dass dieser sie sich einverleiben, von ihr Besitz ergreifen musste.
Von Eileen Grays architektonischem Werk – und vor allem ihren Erstling – sowie von der Schändung und Machtergreifung dessen erzählt nun ein Film in einer Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm: „E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer“ von der Regisseurin Beatrice Minger und von Ko-Regisseur Christoph Schaub.
In Paris, so zeigt es auch der Film, der neben den klassischen fiktionalen Filmbildern gerne mit eingeblendeten Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Originalzitaten sowie mit theatralen Elementen arbeitet, lernt Eileen Gray dann den Architekten und Journalisten Jean Badovici kennen. Er ist 15 Jahre jünger als sie und bewundert ihre Arbeiten. Sie werden Freunde, ein Paar, Arbeitspartner. Badovici bringt ihr moderne Architektur nahe: Mies van der Rohe, Le Corbusier. Grays Reaktion: „Die moderne Architektur ist zu kopflastig. Ich will zurück zu den Emotionen.“ Damit vertritt sie die gegenteilige Haltung zu Le Corbusier, der Häuser präzise plant und für den „ein Haus eine Maschine zum Wohnen“ ist.
Badovici fragt sie gleich zum Anfang ihrer Kennenlernens: „Haben Sie mal daran gedacht, ein Haus zu bauen?“ Gray kauft ein Grundstück in seinem Namen, an der Côte d’Azur bei Roquebrune. Sie entwirft ein Haus, das sie zusammen bauen. Als es fertig ist, sagt sie: „Ich hatte den perfekten Platz gefunden. Einen Platz, an dem ich mich beschützt fühle, aber gleichzeitig frei“. Eigentlich freilich hat sie den Platz nicht gefunden, sondern sie hatte ihn erfunden, kreiert. Ein Haus wie ein Boot: Eine Ikone der Moderne. „Entrez lentement“ steht im Eingangsbereich des Hauses an die Wand geschrieben. Treten Sie langsam ein. „Das Haus ist ein Körper. Das Haus verschluckt Dich“, sagt Gray. Sie nennt es E.1027, ein kryptisches Spiel mit den Initialen von Eileen Gray und Jean Badovici.
Eileen Gray verließ E.1027 nach nur zwei Sommern
„Defense de rire“, also „Lachen verboten“ steht an einer der weißen Wände im Inneren des Hauses. Es ist ironisch gemeint, aber es wird bitterer Ernst für Eileen Gray. Denn schnell ändert sich das Leben, das sie mit Badovici in ihrem Refugium führt. In den 1930er Jahren kommen viele Aristokraten und Künstler an die Cote d’Azure. Das Haus wird zum Mittelpunkt, es bekommt gute Kritiken und Badovici immer öfter die Möglichkeit, es Leuten zu zeigen – und sich im Ruhm zu sonnen, denn plötzlich war er nicht mehr nur Journalist, sondern Architekt. „Badovici vernachlässigt unsere Arbeit“, sagt Gray.
Der Platz, nach dem sie gesucht hatte, war nicht mehr da. Er war woanders. „1929 haben wir das Haus gebaut, ich verließ es zwei Sommer später.“ Sie geht. „Ich ließ ihm das Haus“, sagt Gray. Sie baute sich ein neues: „Tempe à Pailla“ entstand 1934 , also nur wenige Jahre nach dem architektonischen Debüt. Das Haus existiert noch heute. Es liegt ein paar Hügel weiter küstenaufwärts, in den felsigen Hängen der Stadt Menton. „Nun hatte ich ein Haus nur für mich.“
Eileen Gray (Natalie Radmall-Quirke) in ihrem Haus E.1027. Foto: Rise and Shine Cinema
Nach ihrem Weggang betritt Le Corbusier E.1027. „Es ist fremd und doch vertraut. Es umschließt mich mit mütterlichen Armen – und im nächsten Moment stößt es mich wieder weg wie einen Eindringling“, sagt der Architekt. Er ist fasziniert davon, ja besessen. „Ich habe große Lust, die Wände zu beschmutzen“, sagt er. Er malt große Fresken an die Wände im Inneren, teils ist er dabei nackt. Badovici lässt es zu, sagt aber: „Die Malerei ist wie eine Bombe“.
Der Film erlaubt verschiedene Deutungen dieses Akts: Zum einen die, dass Le Corbusier eifersüchtig ist auf Grays Erstlingswerk – und es deshalb zerstört. „Für mich aber ist die Sache komplexer“, sagt die Regisseurin Beatrice Minger, „ich glaube, dass Le Corbusier etwas an dem Haus entdeckt hat, was er nicht verstanden hat. Gleichzeitig fasziniert es ihn unglaublich – und diese Spannung muss er loswerden, indem er es sich aneignet und somit zerstört.“ Eine weitere Lesart ist, dass Le Corbusier eben genau zu jener Zeit mit dem Malen beginnt – und er einfach die weißen Wände und die Zeit, die er in E. 1027 zubringt, zu seinen Zwecken nutzt.
Gray erfährt erst nach dem Krieg von den Fresken in ihrem Haus. Ihre Reaktion: „Ich verlange, dass er die Wände wieder weiß streicht.“ Sie bezeichnet die Tat als einen Akt der Gewalt, als Vandalismus. Doch die Fresken bleiben. Eileen Gray betritt das Haus nie mehr. Le Corbusier baute sich ein Haus direkt neben E.1027. Er ist dort im Meer ertrunken, so wie er es sich gewünscht hat. Die Haus sah ihm dabei zu.
E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer. Schweiz 2024. Regie: Beatrice Minger, Christoph Schaub. 89 Minuten