Filmemacher Sinan Sevinç Großes Kino in der Nussschale
Seit Abschluss seines Studiums an der Filmakademie Ludwigsburg arbeitet der Tübinger Sinan Sevinc erfolgreich als Werbefilmer. Ein Blick auf einen rasanten Karrierestart.
Seit Abschluss seines Studiums an der Filmakademie Ludwigsburg arbeitet der Tübinger Sinan Sevinc erfolgreich als Werbefilmer. Ein Blick auf einen rasanten Karrierestart.
Vier Minuten und zehn Sekunden sind so gut wie nichts für eine gute Geschichte. Der Filmemacher Sinan Sevinç kann in noch viel kürzerer Zeit eigene kleine Welten erschaffen. Vor Kurzem ist der aus Tübingen stammende Absolvent der Stuttgarter Hochschule der Medien und der Filmakademie Baden-Württemberg mit dem Grand Prix des Spotlight Festivals für Bewegtbildkommunikation ausgezeichnet worden – als erster Regisseur überhaupt.
Sevinç hatte seinen Studien-Abschlussfilm „Split Second“ eingereicht, einen Spot für eine fiktive Kampagne der Nachrichtenagentur Associated Press. In vier Minuten und zehn Sekunden erzählt Sevinç, wie drei der bedeutendsten Kriegs- und Krisenfotografien der letzten fünfzig Jahre entstanden sind. Das Foto der schreienden, von Napalm verbrannten Phan Thi Kim Phúc, aufgenommen 1972 von Nick Ut in Vietnam, Richard Drews Bild eines aus den Twin Towers stürzenden Mannes bei den Anschlägen vom 11. September in New York, und Nilüfer Demirs Aufnahme des ertrunkenen Flüchtlingskindes Alan Kurdi, dessen Leichnam 2015 an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt worden war. Auf den Erfolg seines eindrucksvollen Abschlussfilms angesprochen, freut sich Sinan Sevinç über die Wertschätzung. Für ihn und sein Team sei der Grand Prix der „Big Win“ gewesen, sagt er, der Beweis, dass sich die Arbeit an diesem Herzensprojekt wirklich gelohnt habe.
Geschichten im kurzen Format zu erzählen, nennt Sevinç eine „Königsdisziplin“. „Klar, jeder will einmal im großen Format drehen. Aber ich bin der Meinung, dass sich eine gute Geschichte auch in relativ kurzer Zeit transportieren lässt. Wenn das Konzept sitzt, muss man im Prinzip eine ein-, zwei- oder fünfminütige Version einer Erzählung machen können“, sagt er.
Wie kunstvoll diese immense Verdichtung ist, lässt sich schon an früheren Arbeiten Sevinçs ablesen, die noch während des Studiums an der Filmakademie mit dem Schwerpunkt Werbefilm-Regie entstanden sind. So erzählt etwa der Kurzfilm „Born Guilty“ vom Afroamerikaner Huwe Burton, der 1989 als 16-Jähriger unschuldig des Mordes an seiner Mutter angeklagt worden war und erst 2019 mithilfe einer NGO rehabilitiert wurde. In „Born Guilty“ verdichtet Sevinç Burtons Leidensweg auf wenige, prägnante Stationen, beginnend mit dem Tag von dessen Geburt. Um die rassistischen Hintergründe des Fehlurteils sichtbar zu machen, greift Sinan Sevinç auch zu drastischen Bildern. Als Burtons Mutter im Film ihr Neugeborenes im Arm hält, trägt das Baby Handschellen; ein Verweis darauf, das Kinder aus afroamerikanischen Familien in den USA schon aufgrund ihrer Hautfarbe oft rechtlich diskriminiert werden und vor Gericht schlechtere Chancen haben.
Spannend an seiner Arbeit findet der junge Regisseur die Vielfalt seiner Projekte, „man springt schnell auf ein Thema und fuchst sich binnen kürzester Zeit ein, um die Geschichte bestmöglich zu erzählen“. Langweilig würde es deshalb nie, sagt Sevinç. Tatsächlich enthält dessen Portfolio Filme unterschiedlichster Genres; neben den großen Dramen in „Split Second“ und „Born Guilty“ beherrscht er auch rasante, fröhliche Action, wie er etwa in einem Spot für das Smartphone eines international berühmten Konzerns unter Beweis stellt.
Dafür haben Sevinç und sein Team im größten Basar Istanbuls gedreht, im Spot sausen zwei Teenager auf Skateboards durch die verwinkelten Gassen des Einkaufslabyrinths, verfolgt von Wachleuten. Sevinçs Augen leuchten, wenn er von den technisch anspruchsvollen Dreharbeiten mit Hunderten von Statisten erzählt. Mysteriös und elegant ist ein wenige Sekunden langer Spot für einen renommierten Uhrenhersteller; im Musikvideo „Dunya“ koppelt er traditionelle arabische Motive mit modernem Lifestyle und rauen Naturaufnahmen. Doch ganz gleich, welche Themen er bearbeitet, wichtig ist Sevinç die Akkuratesse. „Ich habe selbst einen journalistischen Background“, sagt er, deshalb achte er besonders auf die Details. „Als wir ‚Split Second‘ gedreht haben, wollte ich genau wissen, wie das Restaurant im World Trade Center ausgesehen hat. Wir haben auch geschaut, was die Leute damals anhatten oder welche Abzeichen sie getragen haben. Das sind die Stellschrauben, an denen man drehen kann, um den Film maximal authentisch und damit wirkungsvoller zu gestalten“, erklärt er.
Trotzdem zieht es Sevinç auch zu längeren Formaten. Aktuell arbeitet er an einem Projekt, das fiktionale Elemente mit dokumentarischem Material mischt, mehr darf er noch nicht verraten. „Natürlich schielt man auch ein bisschen darauf, fiktionale Sachen fürs Kino zu machen. Das muss nicht gleich Hollywood sein, aber ich habe schon den Drang, groß zu erzählen“, sagt er noch – und lächelt.
Person
Sinan Sevinç, Jahrgang 1994, studierte nach dem Abitur in Tübingen ab 2014 an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) Crossmedia-Journalismus. Anschließend bewarb er sich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg und wurde angenommen – als einer von maximal drei Studierenden pro Jahrgang im Schwerpunkt Werbefilm-Regie. Schon im Studium entwickelte er Musikvideos und Werbespots für renommierte Firmen. Aktuell arbeitet er an einem längeren Format.
Auszeichnung
Seit 1998 werden TV-Spots und Werbefilme beim Spotlight Festival für Bewegtbildkommunikation ausgezeichnet. Seit 2015 ist das in Ravensburg gegründete Festival in Stuttgart ansässig. Sinan Sevinç wurde 2024 als erster Werbefilmer in der Geschichte des Festivals mit dem Grand Prix ausgezeichnet.