Filmfestspiele in Venedig Propaganda für die Menschlichkeit
Ein Film dominiert die Gespräche auf dem Lido: In „The Voice of Hind Rajab“ richtet Regisseurin Kaouther Ben Hania den Blick auf die Situation in Palästina.
Ein Film dominiert die Gespräche auf dem Lido: In „The Voice of Hind Rajab“ richtet Regisseurin Kaouther Ben Hania den Blick auf die Situation in Palästina.
Bestand die erste Hälfte der diesjährigen Filmfestspiele in Venedig noch aus einer Vielzahl sehr sehenswerter Werke, aus denen sich so gar kein Favorit herauskristallisieren wollte, auf den sich alle einigen konnten, war in der zweiten nun das Gegenteil der Fall. Zumindest dominierte „The Voice of Hind Rajab“ die Gespräche und Emotionen auf dem Lido wie kein anderer Film bisher. Und das hat in diesem Fall nicht ausschließlich filmische Gründe.
Die aus Tunesien stammende Regisseurin Kaouther Ben Hania ist bekannt dafür, in ihren Filmen die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion zu verwischen und dabei auch zu umstrittenen Mitteln zu greifen. In „The Voice of Hind Rajab“ richtet sie ihren Blick nun auf die gegenwärtige Situation in Palästina, konkret auf einen Vorfall vom 29. Januar 2024. In der Rothalbmond-Zentrale in Ramallah geht ein Anruf ein: das Auto einer palästinensischen Familie steckt in Gaza in einem Sperrgebiet der israelischen Armee fest und gerät unter Beschuss. Nur die sechsjährige Hind Rajab ist noch am Leben, umgeben von den Leichen mehrerer Verwandter steckt sie im Inneren des Wagens fest. Während Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hilfsorganisation sich bemühen, auf umständlich-bürokratischen Wegen Rettung zu organisieren, versuchen sie, mit dem Mädchen Telefonkontakt zu halten.
Ben Hanias Kamera verlässt nie die Räume des Rothalbmond-Büros. Doch die Stimme von Hind, die am Ende des Tages nicht gerettet werden konnte, ist in allen Gesprächen zu hören. Und es ist ihre echte: während professionelle Schauspieler das Geschehen nachspielen, verwendet die Regisseurin im Falle des Mädchens Originalaufnahmen, die damals teilweise auch online verbreitet und von zahlreichen Medien auf ihre Authentizität hin untersucht wurden.
Man kann es fragwürdig finden, dass Ben Hania dieses Material verwendet und ihr Publikum so der Situation aussetzt, quasi einem realen Kind beim Sterben zuzuhören. Sie selbst sagte dazu im Interview gegenüber dieser Zeitung: „Diese Aufnahmen gehören zum Erschütterndsten, was ich in meinem Leben je gehört habe. Und Hinds Mutter bat mich darum, mit meiner Arbeit ihrer Tochter Respekt zu zollen. Sie will, dass Hinds Stimme gehört und nicht vergessen wird. Alles andere als das Verwenden dieses Materials wäre einem Versuch gleichgekommen, sie verstummen zu lassen.“
Effektiv ist der Ansatz allemal: kein anderer Film in Venedig ging einem so nah, so durch Mark und Bein wie dieser. 23 Minuten dauerten die Ovationen im Stehen nach der Weltpremiere, selbst in der Pressevorführung gab es tobenden Applaus. Manipulativ und propagandistisch sei „The Voice of Hind Rajab“, auch diese Meinung ist mitunter zu hören. Doch Propaganda betreibt Ben Hania eigentlich nur für die Menschlichkeit.
Ihr effektiv inszenierter und stark gespielter Film, der unter anderem von Brad Pitts Produktionsfirma, Oscar-Gewinner Joaquin Phoenix oder dem jüdischen Regisseur Jonathan Glazer unterstützt wird, mag zwar einseitig sein in seiner Ausrichtung, aber ein politischer Kommentar ist er nicht. Stattdessen taugt er als drängendes und eindringliches Protokoll der Hilflosigkeit und Verzweiflung der Rothalbmond-Mitarbeiter, die angesichts der humanitären Katastrophe, zu der sich der Konflikt im Nahen Osten ausgewachsen hat, längst nicht mehr nur ihre ist.
Ob die Jury um US-Regisseur Alexander Payne „The Voice of Hind Rajab“ bei der Preisverleihung an diesem Samstag nun den Goldenen Löwen oder womöglich doch eher einen Sonderpreis verleihen wird, bleibt abzuwarten. Vorbeikommen wird sie an dem Manifest des Mitgefühls sicherlich nicht. Gleichzeitig brachten sich zum Festivalende hin aber durchaus noch weitere Filme als auszeichnungswürdig ins Gespräch. Vor allem „Silent Friend“, das neue Werk der ungarischen Berlinale-Gewinnerin Ildiko Enyedi, entpuppte sich als spätes Highlight.
Diese hauptsächlich deutsche, rund um den Botanischen Garten und die Universität in Marburg spielende Produktion erzählt drei Geschichten: von einem aus Hongkong angereisten Neurowissenschaftler (Tony Leung), der in der Pandemie 2020 statt der Hirnströme von Babys plötzlich einen Ginkgo untersucht; von einem Studenten, bei dem in den 1970ern die Interaktion mit einer Geranie nachhaltige Spuren hinterlässt; und von einer jungen Frau (Luna Wedler), die 1908 zur ersten weiblichen Biologie-Studentin der Hochschule wird. Ein feiner, wunderschöner, philosophisch-esoterischer Film über Veränderung, Konnektivität und Natur, der mit Ruhe und erstaunlichem Witz besticht.
Als vielversprechende Anwärterin auf den Darstellerinnenpreis brachte sich derweil Valeria Bruni-Tedeschi ins Spiel. Die in Italien geborene Französin spielt in „Duse“, dem kunstvoll-erhellenden Film von Piero Marcello ihre legendäre Kollegin Eleonra Duse in deren letzten Lebensjahren – und das auf eindrucksvoll-facettenreiche Weise.
Einen sehenswerten Schauspieler hat mit Benjamin Voisin auch die Camus-Verfilmung „Der Fremde“ zu bieten. Doch François Ozons neuer Film – sein bester seit Jahren – besticht noch mehr durch seine Schwarzweiß-Bilder. Und natürlich dürfen sich auch Park Chan-wooks „No Other Choice“, „Bugonia“ von Yorgos Lanthimos, Mona Fastvolds „The Testament of Ann Lee“ und nicht zuletzt „A House of Dynamite“ – allesamt Höhepunkte der ersten Festivalhälfte – Chancen auf denen einen oder anderen Preis ausrechnen.