„Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ zeigt Bilder von der Stadt vor und nach der Zerstörung, hier die Bunkerbaustelle am Marktplatz. In der Bildergalerie zeigen wir weitere Eindrücke aus den Filmen. Foto: Stadtarchiv/Montage:Ruckaberle
Für „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ gibt das Stadtarchiv eine einzigartige Sammlung von Filmen frei. Sie zeigen das Leben in Kriegszeiten, wenngleich mit Leerstellen. Warum sich das kein Stuttgarter entgehen lassen sollte.
Der Film vom sogenannten Judenladen ist wahrscheinlich das sprechendste Beispiel dafür, wie Bilder die Geschichte formen sollen. Seit Anfang April 1941 gab es in Stuttgart wie in anderen Städten im deutschen Reich eine „Sonderverkaufsstelle für Juden“. Weniger harmlos ausgedrückt: Jüdische Stuttgarter Bürger durften nur noch in den Räumen einer ehemaligen Gaststätte in der Seestraße 39 Lebensmittel einkaufen – und auch nur so viele, wie ihnen aufgrund ihrer verminderten Ration zugeteilt wurden.
Der im Stadtarchiv lagernde Film zeigt dagegen prallvolle Regale, die den Eindruck gut versorgter jüdischer Bürger vermitteln sollten. Die Realität war eine andere. „Zeitzeugen berichteten nach 1945 von der Realität im ‚Judenladen’, die von Willkür und Schikanen der Ladenbetreiber, oft langen Warteschlangen und einem dürftigen Warenangebot geprägt war“, heißt es im Online-Stadtlexikon des Stuttgarter Stadtarchivs. Die Betreiber des Ladens bereicherten sich daran und wurden nach dem Krieg zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt.
Die Kriegsfilmchronik im Stadtarchiv umfasst 58 Filme
Während zumindest diese Täter längst vergessen sind, lagert der Film immer noch im Stadtarchiv – mit 57 weiteren Clips, die der Dokumentarfilmer Jean Lommen im Auftrag der Stadtverwaltung zum Leben in Stuttgart während des Zweiten Weltkriegs anfertigte. Der Bestand trägt den Namen Kriegsfilmchronik und darf nur unter Aufsicht im Stadtarchiv eingesehen werden – auch weil die Filme entweder wichtige Aspekte nicht zeigen oder, wie im Fall des Judenladens, offen propagandistisch sind.
Trotzdem bilden die Filme nun die Grundlage eines Gemeinschaftsprojekts unserer Zeitung mit dem Stadtarchiv mit dem so einfachen wie sprechenden Titel „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“. Warum? Weil man diese Form der nicht zuletzt auf die Geschichtsschreibung zielenden Wahrheitsverdrehung mittlerweile in Washington und anderen Hauptstädten der Welt beobachten kann, im Internet sowieso. Und weil diese Bilder uns so viel über das Leben der Stuttgarter Bevölkerung und die Stadt im letzten Weltkrieg verraten. Dessen Ende jährt sich im Mai zum 80. Mal, und vermutlich schien an nur wenigen Jahrestagen die Vorstellung von einem großen europäischen Krieg so real wie diesmal.
Im Herbst 1944 war Schluss – es gab kein Filmmaterial für Stuttgart mehr
Um der Nazipropaganda Jahrzehnte später nicht doch noch aufzusitzen, zeigt unser Filmprojekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ nicht das Rohmaterial, sondern neu geschnittene Filme, die je aus zwei Originalclips bestehen. Die Bilder von damals werden ergänzt um Einschätzungen der Historikerinnen und Historikern aus dem Stuttgarter Stadtarchiv im Bellingweg 21.
Vom Skript bis zum fertigen Schnitt haben unsere Redakteure die Filme durchweg gemeinsam mit den Fachleuten erstellt. So bietet „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ nicht nur bislang durchweg unveröffentlichte Bewegtbilder aus der Stadt, wie sie vor 80 Jahren war oder sein sollte – sondern auch die fachliche Einordnung dessen, was man sieht und dessen, was man eben nicht sieht.
Der Auftrag, „von geeigneten, für die Kriegszeit bezeichnenden Vorgängen Laufbilder aufnehmen zu lassen“ kam im Juni 1941 vom Stuttgarter Oberbürgermeister Karl Strölin. Schon zwei Jahre später hieß es anlässlich einer internen Vorführung: Die Verwaltung „hat damit Unterlagen von höchstem dokumentarischen Wert für die Zukunft geschaffen“. Keine andere deutsche Stadt habe so ausführliches Material erstellt, ja überhaupt nur Berlin und München überhaupt ähnliche Projekte begonnen. Die Dreharbeiten endeten im Herbst 1944, „als die Reichsstelle Chemie weiteres Filmmaterial verweigerte“, wie der ehemalige Stadtarchivleiter Roland Müller 2005 in einem Beitrag für die „Archivnachrichten“ schrieb.
Ebenfalls am Marktplatz, aber drei Jahre später – nach den verheerenden Luftangriffen vom Juli 1944 Foto: Stadtarchiv/Kriegsfilmchronik
Der Bestand ist also nicht geheim, im Gegenteil. Müller wies in seinem Beitrag auf die Möglichkeit hin, Filmkopien im Lesesaal anzusehen. Aber der Bestand wurde bislang nur selten genutzt. Eine Ausnahme bildet der – allerdings erst nachträglich der Kriegsfilmchronik zugeordnete – Film von der Deportation der württembergischen Juden vom Killesberg am 1. Dezember 1941. Der Film „verschleiert an vielen weiteren Stellen das tatsächliche Geschehen“, schrieb der Historiker Günter Riederer 2021 im Stadtarchiv-Blog – etwa den Raub des jüdischen Eigentums oder die katastrophalen Bedingungen der Deportationsfahrt selbst.
Jede Woche ein Film im Projekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“
Woche für Woche veröffentlichen wir anschließend zwölf weitere Filme: vom Judenladen und der Deportation, zu Luftschutz und Fliegerschäden, Mangelwirtschaft und Materialsammlung, Soldaten auf Heimatbesuch und einer Trauung ohne Ehegatten, zu Kriegsgefangenen, Kindern im Krieg und den Bären auf der Doggenburg, die aus Futtermangel nach Hamburg verkauft wurden. In der Zeitung erzählen wir die Geschichte zu den Clips – und zu vielen Themen noch zahlreiche weitere Recherchen, die den Alltag und besondere Persönlichkeiten beleuchten, eben „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“.
Bei vier Veranstaltungen – die erste findet am 26. März im Stadtarchiv statt – geben unsere Redakteure Einblicke in die Recherchen und zeigen gemeinsam mit den Fachleuten vom Stadtarchiv die Originalfilme. Am 28. April geht es unter die Erde: im Kulturbunker, einem Originalschauplatz aus dem Zweiten Weltkrieg, geht es um Luftschutz und die verheerenden Luftangriffe des Jahres 1944, jeweils verbunden mit ausgiebigen Einblicken in das Original-Filmmaterial. Außerdem ist uns an den Geschichten unserer Leserinnen und Leser gelegen. Dafür richten wir ein eigenes E-Mail-Postfach ein – und wir laden am 11. April 2025 zusätzlich nachmittags zu einer Frage- und Diskussionsrunde ins Stadtarchiv.
Wo Sie die Videos finden
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