Mittagstisch mit Blumenschmuck: die geschönte Wirklichkeit der Zwangsarbeiterinnen bei Bosch Foto: NS-Kriegsarchiv
Sie war 15 Jahre alt, als ihre Familie nach Stuttgart verschleppt wurde. Bei Bosch in Feuerbach musste Magdalena Zwangsarbeit leisten. Wie es ihr ging, schreibt sie einem Brief.
Im Rahmen eines von der Stadt Stuttgart ausgeschriebenen Promotions-Stipendiums hat sich Schmidt in den vergangenen Jahren mit „Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit“ in Stuttgart beschäftigt. Neben den Briefen wertete er vor allem die Fragebögen aus, die in den 2000er Jahren an die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen von Stuttgart aus verschickt wurden. Da waren die Befragten schon im weit fortgeschrittenen Alter. Für viele kam die Anfrage zu spät, um noch ein bisschen finanzielle Unterstützung zu bekommen.
Mit 15 Jahren verschleppt aus Polen
Magdalenas Geschichte ist eine der Lebens- und Leidensgeschichten, auf die der Heidelberger Historiker bei seinen Nachforschungen gestoßen ist. Für Industrie sowie städtische Betriebe waren Magdalena und die anderen Zwangsarbeiter Verfügungsmasse, die den Mangel an Arbeitskräften durch den Krieg auffüllen sollte. „Ihre Erfahrungen waren ganz unterschiedlich“, sagt Schmidt. Abhängig davon, auf welche Menschen sie trafen und wie sie untergebracht waren.
Und dann erzählt er Magdalenas Geschichte, geboren 1929. In einem Brief berichtet sie von ihrem Leben und davon, wie aus ihr, der angehenden Abiturientin, eine rechtlose Zwangsarbeiterin gemacht wurde. Magdalena ist damals 15 Jahre alt und bereitet sich gerade auf den Schulabschluss vor. Sie lebt mit ihrer Familie in Warschau, der polnischen Stadt, die 1944 zum deutschen Generalgouvernement gehört, das die Nationalsozialisten nach dem Überfall auf Polen eingerichtet haben.
Magdalena entstammt einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Im Rahmen der Niederschlagung des Ghetto-Aufstands wird die Jugendliche mit ihrer siebenköpfigen Familie von der Militärpolizei aus ihrem bisherigen Leben gerissen und verschleppt. In einer Baracke im Lager Heidenklinge in Stuttgart-Heslach lebt die Familie fortan zusammen mit anderen unter einfachsten Bedingungen. Eine Heizung gibt es nicht, die sanitären Anlagen sind erbärmlich. Arbeiten muss Magdalena bei Bosch in Feuerbach. Und wer weiß, vielleicht ist sie eine der vielen jungen Frauen, die in dem Film zu sehen sind, der damals zu Propagandazwecken mit geschönter Wirklichkeit bei der Firma Bosch gedreht wurde.
Existenz in Warschau war zerstört
In ihrem Brief nach Stuttgart schreibt sie fast 60 Jahre später, wie sehr sie ihre polnische Heimat und besonders ihre Schule vermisst habe. In Esslingen, wohin es Magdalena und ihre Familie zum Kriegsende aus nicht mehr zu rekonstruierenden Umständen verschlägt, wird sie von amerikanischen Soldaten befreit. Ein halbes Jahr später, am 25. Oktober 1945, tritt sie mit ihrer Familie per Bahn die Heimreise nach Polen an. In Warschau trifft sie auf eine völlig zerstörte Stadt. Ihr Haus und auch das über Generationen von der Familie geführte Unternehmen gibt es nicht mehr. Die Familie hat alles verloren, muss völlig mittellos wieder von vorne anfangen. „Alle haben nur ihr nacktes Leben retten können“, sagt Kevin Schmidt, berührt von Magdalenas Lebensgeschichte. Die Aussicht, an das Vorkriegsleben anschließen zu können, ist wohl nicht nur für Magdalena gleich null.
Es sind Geschichten wie die Magdalenas, die sich hinter den Zahlen verbergen. Roland Müller, bis 2021 Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, spricht in dem Standardwerk „Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus“ davon, dass die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte im Sommer 1942 auf 16 000 gestiegen war. In den Baracken der Firmen, für die sie arbeiteten, waren 7000 Menschen untergebracht, 9000 lebten in Privatquartieren. „Der Streit um die Arbeitskräfte hatte schon begonnen, bevor die Transporte mit sowjetischen Kriegsgefangenen und Ostarbeitern im Durchgangslager Bietigheim eingetroffen waren“, so Müller. Ende des Jahres 1943 lebten 30 000 sogenannte Fremdarbeiter aus mehr als 50 Ländern in Stuttgart. 1944 standen auf der Liste des Ernährungsamtes noch 11 600 Ostarbeiter, 1000 sowjetische und rund 4500 Kriegsgefangene anderer Staaten.
Geschönte Wirklichkeit und gestellte Szenen aus einer Betriebskantine bei Bosch. Foto: NS-Kriegschronik
Eine in den Jahren 2000 bis 2002 zusammengestellte Liste mit den Standorten von Stuttgarter Zwangsarbeitslager enthält 120 Unterkünfte. „Das waren Turnhallen, Schulen, Barackenlager“, sagt Schmidt. Die Männer und Frauen arbeiteten für die Stadtverwaltung: beim Tiefbauamt, beim Garten- und Grünamt oder bei den Technischen Werken, sie mussten bei der Beseitigung von Bombenschäden schwerste körperliche Arbeit leisten. Außerdem musste sie bei Unternehmen wie Bosch, Mahle, Kreidler, Porsche oder Salamander und auch ganz kleinen Betrieben arbeiten. Oft wurden sie in der Rüstungsindustrie eingesetzt, die Waffen für den Krieg in ihrer Heimat produzierte. Bei Angriffen war ihnen der Zugang zu Bunkern verboten. Für sie gab es Schutzgräben, die wenig sicher waren.
In der Regel erfolgte die Zuteilung über das Arbeitsamt, erklärt Kevin Schmidt. Die von ihm ausgewerteten Fragebögen mit den Berichten der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter besagen, dass sie in der Mehrzahl direkt vom Stuttgarter Bahnhof aus zu ihren Unterkünften gebracht wurden. Ein zentrales Drehkreuz war damals der Bahnhof in Bietigheim.
Die Zusammenstellung der Unterkünfte, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit beansprucht, ist im Rahmen der Entschädigungszahlungen der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ entstanden. Die Hilfe für die ehemals rechtlosen Arbeitskräfte kam spät. Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mussten, um Geld zu bekommen, einen Nachweis erbringen, wo sie eingesetzt waren.
Eine wichtige Quelle zur Zwangsarbeit sind die Akten der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), die in der sogenannten Ausländerkartei versammelt sind und Auskunft über Beschäftigungsdauer sowie Beschäftigungsort geben. Wobei der Eindruck falsch sei, „dass Zwangsarbeiter in uns bekanntem Umfang medizinisch versorgt worden sind“, sagt Kevin Schmidt. Zudem bekamen sie als Entlohnung nur einen Bruchteil des Lohns von deutschen Beschäftigten.
Altes Schloss als Verteilstelle
Ein im Innenhof des Stuttgarter Alten Schlosses gedrehter Propagandafilm zeigt Kriegsgefangene, wie sie verteilt, aufgeladen und abtransportiert werden. Auf ihrem Rücken tragen sie die Markierung SU. Sie sind also offensichtlich aus Russland (Sowjet-Union) verschleppt worden. All das geschah vor den Augen der Öffentlichkeit. Und auch die Stadt war ja durchzogen von Unterkünften. Zwangsarbeiter gehörten zum alltäglichen Straßenbild, mussten sie doch früh morgens von ihren Unterkünften zum Ort ihres Einsatzes gelangen – und abends wieder zurück.
Eine Zuffenhausenerin erinnert sich, dass ihre Mutter den ausgemergelten Menschen unter Gefahr für das eigene Leben heimlich Brot aus der Bäckerei zusteckte. In einem der Briefe, die im Stadtarchiv liegen, schreibt eine ehemalige Zwangsarbeiterin: „Wir hatten solchen Hunger.“ Eine andere, die in der Zellerschule untergebracht war, erinnert sich, dass sie ohne die Hilfe von einzelnen wohlmeinenden Stuttgartern nicht überlebt hätten. „Wir bekamen nur Brühe mit Rüben, Brot, es war kalt und wir waren hungrig. Sie gaben uns Kleidung und Brot.“ Links auf der Brust, so schreibt sie auch, „hatten wir die Kennzeichnung OST.“ In den Briefen hat ihre Not überdauert.
Am Mittwoch, 16. Juli, um 19 Uhr, stellt der Heidelberger Historiker Kevin Schmidt seine Forschungsergebnisse im Stadtarchiv Stuttgart vor.