700 Verstorbene könnten auf dem Waldfriedhof in Leinfelden pro Jahr verbrannt werden, tatsächlich waren es in den vergangenen Jahren im Schnitt jeweils nur 450. Foto: Natalie Kanter
Die Stadt Leinfelden-Echterdingen muss sparen: Nach einer zweiten Spar-Klausur liegen teils unbequeme und auch überraschende Spar-Ideen auf dem Tisch. Ein Überblick.
Die klamme Stadt Leinfelden-Echterdingen überlegt, sich von ihrem Krematorium auf dem Leinfelder Waldfriedhof zu trennen, das Marie Lock, die Leiterin des Finanzverwaltungsamtes als ein „Dauerverlustbetrieb“ beschreibt. 700 Verstorbene könnten dort pro Jahr verbrannt werden, tatsächlich waren es in den vergangenen Jahren im Schnitt jeweils nur 450. „Es gibt eine starke Konkurrenz – insbesondere in Rutesheim und Reutlingen“, sagt Oberbürgermeister Otto Ruppaner. Diese Krematorien haben mehrere Öfen und arbeiten im Schichtbetrieb.
Simon Brosig, Bestatter in Leinfelden-Echterdingen, kann dieser Idee nichts abgewinnen. Denn beim Leinfelder Krematorium „geht es nicht nur um Zahlen, sondern um Menschen, ihre Würde und kommunale Verantwortung“, sagt er. Für viele Familien sei es sehr beruhigend, dass ihre Angehörigen nach dem Tod in Leinfelden bleiben können, die Verstorbenen nicht in andere Städte transportiert werden müssen, damit deren Asche auf einem der örtlichen Friedhöfe bestattet werden kann.
In Leinfelden-Echterdingen: Alle freiwilligen Aufgaben sind auf dem Prüfstand
Das Thema ist sensibel, „da hängen Emotionen dran“, sagt auch Ruppaner. Eine Mehrheit der Stadträte hat sich dennoch in einer zweiten Spar-Klausur in Leinfelden-Echterdingen dafür ausgesprochen, das Krematorium nicht mehr weiter zu betreiben. Es soll geprüft werden, ob es ein privater Betreiber übernehmen kann. Denn der Betrieb der Anlage ist eine freiwillige Leistung der Stadt – und steht damit wie vieles auf dem Prüfstand.
Nachdem Ende 2025 bereits beschlossen wurde, das Investitionsprogramm der Stadt erheblich zu strecken, Personal- und Sachkosten zu senken und Liegenschaften zu verkaufen, haben sich Verwaltung und Fraktionen Mitte Mai erneut zwei Tage lang intensive Gedanken zur Konsolidierung des städtischen Etats gemacht. Diesmal ging es um die Frage, welche freiwilligen Aufgaben sich die Stadt noch leisten will und kann. „Wir müssen unsere Aufwendungen reduzieren, sonst droht der Stadt die Handlungs- und Zahlungsunfähigkeit“, macht Lock deutlich. Es soll aber nicht nach dem Rasenmäher-Prinzip gekürzt werden, betont Ruppaner. Eine intensive Aufgabenkritik ist das Mittel der Wahl. Immerhin 5,1 Millionen Euro sollen so im Ergebnishaushalt eingespart werden.
Von diesen Aufgaben will sich Leinfelden-Echterdingen trennen
Die Stadt will sich auch von Gaststätten trennen, die im Eigentum der Stadt sind. Weil dort „meist keine marktüblichen Mieten oder Pachten erzielt werden können“, wie Marie Lock betont und „die Stadt damit viel Arbeit hat“, wie Bürgermeister Benjamin Dihm ergänzt, sollen sie langfristig auf den Markt gebracht werden. Insbesondere dann, wenn Pächterwechsel oder große Investitionen anstehen. Ruppaner spricht in diesem Zusammenhang von einer „Grundsatzverabredung“. Konkret und aktuell geht es um die Zukunft des Echterdinger Waldheims, das schon länger geschlossen hat. Beliebte und stadtprägende Gaststätten wie das Paulaner in Echterdingen haben derweil keinen Verkauf zu befürchten.
Beim Katastrophenschutz will man sich künftig auf das gesetzliche Mindestmaß begrenzen. Die interkulturelle Woche soll abgeschafft werden. An den Schulen werden Psychologinnen keine Corona-Nachsorge in Gruppen mehr anbieten.
Die Büroassistenzkräfte in den Kitas, die das pädagogische Personal entlastet haben, sollen wieder abgeschafft werden. Foto: imago
Für ihre Kitas will die Stadt ein neues Öffnungskonzept erarbeiten. „Wir müssen überlegen, für wie viele Kinder machen wir einen Früh- und einen Spätdienst“, erklärt Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell. Für jede Einrichtung soll das definiert werden. Pädagogische Betreuungskräfte sollen im Stellenplan aufgenommen werden, die seit Jahren vakanten Stellen für pädagogische Fachkräfte dagegen abgeschmolzen werden. Die Büroassistenzkräfte, die das pädagogische Kita-Personal zuletzt entlastet haben, sollen wieder abgeschafft werden.
In der Messestadt: Übernachtungsgäste werden zur Kasse gebeten
Um die Einnahmenseite der Stadt zu erhöhen, wird überlegt, eine Übernachtungssteuer einzuführen. Vier Euro pro Nacht und Besucher – und damit ein Euro mehr als in Stuttgart – sollen ab Juli 2027 fällig werden. Insbesondere in Echterdingen übernachten viele, weil sie am nächsten Tag vom Flughafen in den Urlaub starten oder aber die Landesmesse besuchen wollen. „Teils sind die Belastungen für die Menschen, die in der Stadt leben, so hoch, dass sie die städtische Infrastruktur nur unter starken Einschränkungen selbst nutzen können“, erklärt Marie Lock diesen Vorschlag. Die Gäste bezahlen die Steuer dann vor Ort. Hoteliers, Betreiber von Airbnbs und Frühstückspensionen sammeln das Geld für die Stadt ein.
Wer in Leinfelden-Echterdingen übernachtet soll künftig Steuern bezahlen. Foto: Oliver Berg/dpa
Grundsteuer-B-Hebesatz steigt in Leinfelden-Echterdingen auf 195 Prozent
Während dies alles noch Ideen sind – konkrete Beschlüsse also noch ausstehen, haben die Fraktionen in der jüngsten Gemeinderatssitzung bereits grünes Licht dafür gegeben, den Hebesatz der Grundsteuer B auf 195 Prozent anzuheben. Allein die CDU und Teile der L. E. Bürger/DiB stimmten dagegen. Bauchweh haben dennoch einige bei dem Thema: Die Erhöhung sei eine „dicke Kröte, die wir schlucken müssen“, betont Eberhard Wächter (Freie Wähler/FDP). Erich Klauser (SPD) befürchtet, dass die Mieten in Leinfelden-Echterdingen nun noch teurer werden.
Zurück zum Leinfeldener Krematorium: Hier gibt es auch Fürsprecher im Gemeinderat. „Auch am Krematorium hängt eine örtliche Wirtschaft“, sagt Ilona Koch (CDU). „Wir hoffen, dass sich doch noch ein Konstrukt finden lässt, wie das Krematorium in der Stadt gehalten werden kann“, sagt Jürgen Kemmner (L.E. Bürger/DiB). Die Fraktion der Freien Wähler/FDP zeigt sich bei diesem Thema noch gespalten. Für die Grünen ist es eine schmerzhafte Wahrheit, „dass sich die Stadt kein Krematorium mehr leisten kann“.
Schrumpfender Steuertopf Leinfelden-Echterdingen wird laut der aktuellen Mai-Steuerschätzung deutlich weniger Gewerbesteuer einnehmen, als geplant. Auch die Einnahmen aus der Einkommenssteuer sollen sich schlechter entwickeln, als angenommen. Während die Kreisumlage, welche die Stadt zu zahlen hat, „massiv ansteigt“, wie Oberbürgermeister Otto Ruppaner sagt.
Verbrauchte Rücklagen Die Stadt verzeichnet im laufenden Haushalt ein Strukturdefizit von rund 13,7 Millionen Euro, in den kommenden Jahren sieht das laut Maie Lock, Leiterin des Finanzverwaltungsamtes , nicht besser aus. „Die Rücklagen sind verbraucht“, erklärt Ruppaner. „Sämtliche Investitionen müssen künftig fremdfinanziert werden.“ Die Stadt darf maximal 78 Millionen Euro an Krediten aufnehmen. Sie hat 23 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes erhalten. Diese Mittel können für die Sanierung von Schulen oder den Bau des neuen Leinfelder Feuerwehrhauses genutzt werden.