Holen sich junge Menschen ihre Anlagetipps aus den sozialen Medien? Foto: imago/Shotshop/Monkey Business 2
Mehr Bildung in Wirtschaftsthemen, das wünscht sich die junge Generation laut einer Bertelsmann-Umfrage. Gleichzeitig informieren sich junge Menschen über Geldfragen oft in den sozialen Medien, so die Bafin. Wie tickt die junge Generation in puncto Finanzen?
Das Interesse an der Wirtschaft ist da. Auch bei jungen Menschen. Das hat eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung ergeben. Gut die Hälfte der befragten 14- bis 25-Jährigen gab an, sich grundsätzlich für Wirtschaftsthemen zu interessieren. Gleichzeitig würden sich 78 Prozent der Befragten mehr wirtschaftliche Inhalte in der Schule wünschen. Überhaupt beklagen sie ein mangelndes Wissen zu Wirtschaftsthemen.
Auch Carmela Aprea, Professorin für Wirtschaftspädagogik an der Universität Mannheim, sieht: „Junge Menschen machen sich zunehmend Gedanken um ihre Finanzen.“ Sie begrüßt die Entwicklung. Wirtschaft und Finanzen stehen bei der Gruppe heute höher im Kurs als noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig hat auch sie die Erfahrung gemacht, dass junge Leute Informationen zu Finanzthemen wollen: „Wenn wir danach fragen, haben wir regelmäßig Zustimmungsgrade von mehr als 80 Prozent.“
Geld über soziale Medien angelegt
Gleichzeitig informieren sich viele junge Menschen über Finanzfragen vor allem in den sozialen Medien. Laut einer Umfrage der Finanzaufsicht Bafin halten sich mehr als die Hälfte der 1000 Befragten zwischen 18 und 45 Jahren, die in den vergangenen zwei Jahren Geld angelegt haben, bei dem Thema gerne an soziale Medien. Etwa ein Fünftel hat sogar schon mal Finanzprodukte über einen Link gekauft, den sogenannte Finfluencer – also Influencer in Finanzthemen – gepostet haben.
Carmela Aprea relativiert diese Erkenntnisse. „Im Schufa-Jugendfinanzmonitor 2023 haben wir gesehen, dass junge Leute Finfluencern zwar folgen, ihnen aber nicht vertrauen“, sagt sie. Vielmehr setzten sie auf konventionelle, unabhängige Beratungsangebote. Die Tatsache, dass eine Erhebung auf das eine hindeutet, eine zweite auf etwas anderes, zeigt für Aprea vor allem eines: „Wir verstehen das Phänomen noch nicht genau, wir brauchen hier genauere Studien.“
Carmela Aprea, Professorin an der Universität Mannheim Foto: Anna Logue
Was machen junge Menschen dann mit ihrem Geld? „Das hängt natürlich vom Alter und der beruflichen Situation ab“, sagt sie. „In dem Lebensabschnitt passiert ziemlich viel.“ Laut Bertelsmann Stiftung spielt auch das Bildungsniveau eine Rolle: Befragte mit mittlerem und höherem Bildungsniveau zeigten ein größeres Interesse an Wirtschaft als solche mit niedrigem Bildungsgrad.
Ein weiterer Aspekt ist laut der Umfrage das Geschlecht. Während sich 63 Prozent der befragten jungen Männer für Wirtschaft interessieren, sind es bei Frauen nur 44 Prozent. „Der Gender Gap ist enorm“, bestätigt Carmela Aprea. Auch investieren Männer eher als Frauen. An welchen Faktoren das liegt, wisse man nicht so richtig. „Aber die Frauen holen auf.“ Und: Wenn Frauen investieren, seien sie bessere Strateginnen als Männer. „Sie entscheiden weniger kurzfristig, bewahren eher Ruhe“, sagt sie. Kurz: „Sie zocken weniger.“ Was an der Börse eher zu empfehlen sei als impulsives Verhalten.
Viele Frauen denken, eine Ehe sichere sie ab
Auch an anderer Stelle gibt es Apreas Erfahrung nach Geschlechterunterschiede. Meist gingen noch immer vor allem junge Frauen in Teilzeit oder länger in Elternzeit, wenn sie Kinder bekommen. „Vielen ist nicht klar, welchen Einfluss das auf ihre Rente haben kann“, sagt sie. Immer wieder höre sie von jungen Frauen, sie müssten sich keine Gedanken über Finanzen machen, weil sie später einmal heiraten würden. „Das ist eher anekdotische Evidenz“, sagt sie. „Aber da frage ich mich manchmal: In welchem Jahr bin ich hier gerade?“
Ob junge Menschen dabei besonders vernünftig oder risikofreudiger als andere Generationen vorgeht, darüber kann die Professorin keine Aussagen treffen. Das sei eher von der Persönlichkeit abhängig als von Generationen. Dafür zeigt sich laut Bertelsmann-Umfrage, dass Themen wie berufliche Weiterentwicklung, Rente und Rentensystem, Chancengleichheit sowie Work-Life-Balance für junge Menschen interessant sind. Erst dann folgt der Klimaschutz.
Was die Stiftung ebenfalls herausgefunden hat: Viele junge Menschen finden Wirtschaftsnachrichten zu kompliziert. Vielleicht greifen sie deshalb auf soziale Medien zurück. Ist es denn schlecht, dass sie sich dort über Finanzthemen informieren? „Ich denke, das ist einfach das Informationsmedium für junge Menschen“, sagt Aprea.
Dass sich manche junge Menschen auch nicht für Wirtschaft interessieren, führen die Bertelsmann-Experten zum Teil darauf zurück, dass 63 Prozent sich in der Wirtschaftspolitik nicht berücksichtigt sehen. Politik müsste junge Menschen deshalb mehr einbinden und Angebote schaffen, um ihr wirtschaftliches Wissen zu erweitern.
Junge Menschen sollen kritisch denken und hinterfragen
Als Co-Leiterin des Mannheim Institute for Financial Education (MIFE) ist finanzielle Bildung das Steckenpferd von Carmela Aprea. Auch wenn die eher langfristig wirke und Zeit und Lehrkräfte koste, sei sie wichtig. Junge Menschen sollten kritisch denken und hinterfragen, findet sie – das gilt auch, aber nicht nur in den sozialen Medien.