Flutkatastrophe im Rems-Murr-Kreis Rettungsschwimmer: „So etwas brauche ich nicht noch einmal“

Markus Mulfinger ist sogenannter „Leiter Einsatz“ bei der DLRG Rems-Murr. Foto: Gottfried Stoppel

Wegen der starken Strömung können zwei Personen in einem Schlauchboot das rettende Ufer der Rems nicht erreichen. Die DLRG rückt an. Der Einsatzleiter Markus Mulfinger blickt auf die Flutkatastrophe 2024 zurück.

Volontäre: Isabell Erb (erb)

Im Mai geraten zwei Menschen mit ihrem Schlauchboot auf der Rems in akute Lebensgefahr. Es gießt wie aus Eimern, der Fluss hat sich in einen reißenden Strom verwandelt. Ans rettende Ufer schaffen es die beiden Insassen nicht. Einer der beiden setzt einen Notruf ab, Feuerwehr und DLRG rücken an.

 

Der Einsatz findet am 17. Mai 2024 in Urbach statt. Es ist gewissermaßen der Erste, zu dem die Lebensretter von der DLRG im Zusammenhang mit den Starkregenereignissen im vergangenen Sommer gerufen werden. Damals liegt die große Katastrophe in Rudersberg und Schorndorf noch vor den Rettungsschwimmern. Aber der Einsatz gibt schon einen Vorgeschmack auf das, was alles kommen kann. Markus Mulfinger, der stellvertretende Vorsitzende der DLRG im Bezirk Rems-Murr und sogenannter „Leiter Einsatz“, war in beiden Fällen dabei. Er ordnet den Fall ein und erzählt, wie er auf die Flutkatastrophe im Sommer zurückblickt. Ist die DLRG im Bezirk Rems-Murr für ähnliche Situationen in der Zukunft gewappnet – auch im Hinblick auf den Nachwuchs?

Zwei Extreme in nur zwei Wochen

Schon der Fall, der sich am 17. Mai ereignet, ist für Markus Mulfinger ein ungewöhnlicher. „Man geht nicht davon aus, dass jemand bei solchen Bedingungen ins Wasser geht“, berichtet der 43-Jährige. „Grundsätzlich zeigt das, wie fahrlässig teilweise mit dem Wasser umgegangen wird.“ Die Möglichkeit, dass sich die beiden Personen selbst helfen und aus dem Fluss retten können, sei bei der Strömung nicht gegeben gewesen. Sie sei ungewöhnlich stark gewesen. „Wir wären niemals freiwillig in die Rems gegangen“, sagt er.

Aber natürlich sind die Einsatzkräfte es trotzdem – und konnten das Schlauchboot mit den beiden in Not geratenen Personen innerhalb von 20 Minuten retten. Trotzdem sei die Bergung nicht ganz ungefährlich gewesen, wie Mulfinger erzählt. Die starke Strömung habe selbst den erfahrenen Einsatzkräften einiges abverlangt – auch, um sich selbst zu schützen und nicht mitgerissen zu werden.

Der Einsatz in Rudersberg: Knietief im strömenden Wasser

Es war ein Vorbote dessen, was Mulfinger und seine Kollegen, aber auch die Rudersberger selbst am 2. Juni in dem Ort erlebt haben. Samstagnacht, kurz vor 22 Uhr, wurden die Einsatzkräfte wegen eines überfluteten Kellers alarmiert – nicht in Rudersberg, sondern in einem Teilort, vielleicht auch in Schorndorf-Miedelsbach, genau weiß er es nicht mehr. „Wir sind aber nie zum Einsatzort gelangt, weil die Straßen in Rudersberg schon komplett überflutet waren.“

Auf der Höhe, in der Nähe des Fahrradhelm-Herstellers Cratoni, habe sich ein Golf oder ein Polo, genau weiß er es nicht mehr, im Wasser auf der Straße im Kreis gedreht. „Das Wasser kam mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit – das war massiv beängstigend“, berichtet der Mann von der DLRG. Knietief sei er im Wasser gestanden, die Strömung sei so stark gewesen, dass er wieder umdrehen musste.

Rund 40 Menschen aus Häusern befreit, sieben vor dem Ertrinken gerettet

„In diesem Umfang, in dieser Geschwindigkeit habe ich so etwas noch nie erlebt“, berichtet Mulfinger. Dabei ist der 43-Jährige seit mehr als 20 Jahren bei der DLRG aktiv. Ein Teil seiner Einsatzgruppe sei dort oben vom Wasser eingeschlossen gewesen. „Und zwar untätigeingeschlossen“, fügt er an. „So etwas brauche ich nicht noch einmal.“

An wie vielen unterschiedlichen Einsatzorten seine Mannschaft war, kann Mulfinger gar nicht mehr genau sagen. Was er aber weiß: Rund 40 Menschen haben die Helfer aus Gebäuden befreit, sieben vor dem Ertrinken gerettet. Um halb zehn am Sonntagmorgen, knapp 24 Stunden nach dem ersten Alarm, wurden die Rettungsschwimmer aus dem Einsatz entlassen, Helfer von außerhalb übernahmen. Irgendwann könne man auch körperlich nicht mehr, so Mulfinger. Da habe sich die Situation aber auch langsam etwas entspannt. „So schnell, wie das Wasser da war, war es auch wieder weg“, sagt er. Auch wenn Flutkatastrophen wie die in Rudersberg selten sind, ist bereits bekannt, dass sie in Zukunft wahrscheinlicher werden. Ist die DLRG darauf vorbereitet – besonders im Hinblick auf den Nachwuchs? Und wie sieht die Ausbildung aus?

Wie funktioniert die Ausbildung zum Rettungsschwimmer?

Die Ausbildung zum Rettungsschwimmer bei der DLRG umfasst in der Regel mehrere Schritte. Grundlage der Ausbildung ist das silberne Schwimmabzeichen, dazu kommt ein Erste-Hilfe-Kurs. Wer jung anfängt, kommt meist mit zwölf bis 13 Jahren ins Jugendeinsatzteam. Der zweite Schritt ist eine Art vorgelagerte Ausbildung, bei dem etwa Bootsdienste und Wachdienste anstehen.

Danach findet die eigentliche Helfergrundausbildung statt, bei der die Teilnehmenden unter anderem eine Sanitäts- und Funkausbildung bekommen sowie zu den Gefahren am und im Wasser geschult werden. Anschließend gibt es die Möglichkeit, sich in einem Fachgebiet weiterzubilden – etwa als Taucher, in der Strömungsrettung oder in der Einsatzleitung. Und auch danach stehen regelmäßige Schulungen und Übungen auf dem Programm.

Der Nachwuchs im Rems -Murr-Kreis ist gesichert

Bei der DLRG im Rems-Murr-Kreis, die aus neun Ortsgruppen besteht, sind 81 Ehrenamtliche zum Rettungsschwimmer ausgebildet. Damit sei die Grundsicherung selbst bei vielen Krankheitsfällen oder in der Urlaubszeit immer problemlos möglich. Von den 81 Einsatzkräften waren, so Mulfinger, mehr als 50 bei der Flutkatastrophe in Rudersberg dabei. Durch die Unterstützung von außen seien es mehr als ingesamt mehr 120 Helfer gewesen. Zum Vergleich: Bei einem normalen Einsatz sei man mit 30 Einsatzkräften gut aufgestellt.

Auch dem Nachwuchs zeigt sich Mulfinger zufrieden. „Im Rems-Murr-Kreis können wir uns, Stand heute, nicht beklagen“, sagt er. „Wir haben vergangenes Jahr 28 neue Rettungsschwimmer ausgebildet.“ Auch für das nächste Jahr gebe es bereits Interessenten. Die DLRG im Rems-Murr-Kreis habe den Vorteil, dass diese auch Schwimmkurse anbiete. Oft fingen die Ehrenamtlichen als Kinder dort als Hobby an, würden dann dabeibleiben und später eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer beginnen. Mulfinger hat zwar den Eindruck, dass allgemein immer weniger Kinder schwimmen lernten. Auf die DLRG im Bezirk habe das aber aktuell keinerlei Auswirkungen. Und er hebt hervor: „Es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als ein Leben zu retten.“

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