Leonberger in der Antarktis Zur Arbeit geht es bei minus 50 Grad
Spektakuläre Eisberge, klirrende Kälte und die Polarnacht: Das erleben gerade die neun Forscher in der Antarktis. Einer von ihnen ist Lukas Weis aus Leonberg.
Spektakuläre Eisberge, klirrende Kälte und die Polarnacht: Das erleben gerade die neun Forscher in der Antarktis. Einer von ihnen ist Lukas Weis aus Leonberg.
Wenn Lukas Weis zur Arbeit geht, muss er einen roten Polaranzug überstreifen und sich hinauswagen in eisige Kälte: Minus 50 Grad kann das Thermometer hier messen, menschenfeindliche Verhältnisse für den täglichen Weg zum Arbeitsplatz. Bis zum Horizont erstreckt sich draußen eine weiße, schier endlose Weite aus Eis und Schnee, die während den wenigen dämmrigen Stunden der Polarnacht in Violett-, Orange- und Rosatöne getränkt wird – wenn das Wetter gut ist.
Zieht es zu, werden die Schneeflocken vom Wind aufgewirbelt, trommeln gegen den roten Polaranzug und machen das Sehen fast unmöglich. Um nicht vom Weg abzukommen, hält sich Lukas Weis bei stürmischem Wetter an einer Handleine fest. Unter seinen Füßen: 200 Meter dickes Schelfeis, dann der Ozean.
Der ungewöhnliche Arbeits- und Wohnort von Lukas Weis liegt in der Antarktis, rund 13 400 Kilometer von seiner Heimat im schwäbischen Leonberg entfernt. Nahe des südlichsten Punktes der Welt betreibt das Alfred-Wegener-Institut mit Sitz in Bremerhaven eine Forschungseinrichtung, die Neumayer-Station III. Seit November 2024 sammelt Weis hier Proben und Daten zu atmosphärischen Spurenstoffen.
Sein Aufenthalt wird ein gutes Jahr lang dauern, zurück nach Hause geht es für ihn wahrscheinlich kurz vor Weihnachten. Die Station ist zwar ganzjährig besetzt, „Überwinterer“ wie Weis gibt es allerdings nur wenige. Neun Menschen befinden sich gerade in der Einrichtung, unter ihnen Forscher, Ingenieure, eine Ärztin, ein Koch. Während des arktischen Winters sind sie weitestgehend auf sich allein gestellt. Im Januar liefert ein Schiff die nötigen Lebensmittel, Ersatzteile und andere Güter. Dann friert das Meer zu, das Wetter lässt kein Flugzeug starten oder landen. Bis zum nächsten Sommer.
Wie ist das Leben an so einem extremen, einsamen Ort, weit weg vom Rest der Menschheit? „Schon eine Umstellung“, sagt Weis und klingt dabei gelassen. „Aber man gewöhnt sich recht schnell daran.“ Für ihn war die Abgeschiedenheit sogar Teil des Reizes: „Ich habe mich fast darauf gefreut, ein bisschen Abstand zu nehmen von allem.“
Zumindest sozial isoliert sind die neun Überwinterer nicht, seit vergangenem Jahr gibt es auf der Polarstation eine stabile Internetverbindung – Starlink sei Dank. Davor, so wurde es Weis berichtet, habe es auch mal mehrere Stunden gedauert, um ein Bild per Messengerdienst zu senden.
Wie eine große WG fühle sich das Zusammenleben der wenigen Bewohner auf der Neumayer-Station an, berichtet Weis. „Und in keiner WG, in der ich gewohnt habe, hat das mit dem Putzplan so gut geklappt wie hier“, scherzt der 25-Jährige. Alle Dienste teilen sich die Stationsbewohner auf, einmal die Woche ist Putzparty, es wird zusammen gegessen, Billard gespielt, auch mal ein Film geschaut. Sogar eine Sauna gibt es in der Forschungsstation.
Nur draußen, vor den dicken Stahlwänden der Station, ist nichts, wie man es aus Deutschland gewohnt ist. „Wenn man vor die Tür tritt, dann geht man eben nicht in die Stadt“, sagt Weis. „Aber dafür kann man Pinguine sehen.“ Ausflüge zu einer Pinguinkolonie mit rund 26 000 Tieren, die in der Nähe leben, sind unter den Stationsbewohnern eine beliebte Freizeitbeschäftigung.
Geht es an die Arbeit, wagt Weis den Weg zum rund eineinhalb Kilometer von der Station entfernten Spurenstoffobservatorium, Spitzname: Spuso. Hier nimmt er Luftproben, misst Spurengase und Aerosole. Das Spuso gibt es seit Anfang der 80er-Jahre, „es ist ein Langzeitobservatorium“, erklärt Weis. „Die Atmosphäre ist hier besonders spannend, weil es kaum Einfluss von außen gibt.“ Die Antarktis misst mehr Fläche als Europa, es gibt aber nur 40 ständig besetzte Forschungsstationen und sonst keine Einwohner, keine Industrie. „Wenn man wissen will, wie hoch die Verschmutzung anderswo ist, liefern wir den Vergleich“, sagt Weis.
Als Luftchemiker ist Weis in der Antarktis, so die offizielle Bezeichnung seines Jobs. Studiert hat der 25-Jährige nach seinem Abitur am Leonberger Johannes-Kepler-Gymnasium aber eigentlich Physik. Nach seinem Masterstudium in Heidelberg hat er sich dann für den 13-monatigen Antarktisaufenthalt beim Alfred-Wegener-Institut beworben. Bevor es für ihn gen Süden ging – erst per Passagierflugzeug und dann mit einer Propellermaschine – hat er vier Monate lang diverse Vorbereitungskurse absolviert, über Bergrettung und Brandschutz etwa. Seine Entscheidung bereut er nicht. „Es ist ein anderes Leben“, sagt er. „Aber ich freue mich jeden Tag wieder darüber.“
Mit seiner Kamera hält Lukas Weis während seines Jahres in der Antarktis jene Ansichten fest, die sonst nur wenige Menschen erblicken dürfen: Ewige Schneefelder, gigantische Eisberge. „Wie eine Mondlandschaft“ sehe das aus, sagt Weis.
Steht man bei Windstille ein wenig entfernt von der Neumayer-Station mit ihren Generatoren und Lüftungsanlagen, ist es totenstill, „man hört nur sich selbst“. Und dann wäre da noch die Polarnacht: Nur wenige Stunden am Tag wird es etwas hell und dämmrig, dann scheint der Himmel in Farbe getränkt, bevor es wieder dunkel wird. Die Sonne haben die Überwinterer schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Für Lukas Weis ist das Teil der Faszination. „Es ist anders als alles, was man zu Hause sieht.“