Die Vorwürfe sind stark und der Beschuldigte hat sein Fehlverhalten eingeräumt: Ja, gab François-Xavier Roth zu, er habe sich in der Vergangenheit gegenüber Orchestermitgliedern sexuell übergriffig verhalten, dafür bitte er um Entschuldigung; er arbeite „mit externer Hilfe“ an sich und wolle dies weiterhin tun. Von der Promiskuität des Dirigenten hat man schon lange gewusst. Aber zu Anzeigen von Musikerinnen und Musikern, denen er explizite Botschaften, ja sogar Bilder seines Geschlechtsteils, so genannte „Dickpics“, geschickt hat, ist es bis heute nicht gekommen.
Beim Kölner Gürzenich-Orchester, bei dem François-Xavier Roth bis Ende der kommenden Spielzeit eigentlich unter Vertrag stand, hat man, obwohl die interne Bestandsaufnahme noch nicht beendet war, dennoch die Reißleine gezogen und den Generalmusikdirektor vorzeitig entlassen – mit einem goldenen Handschlag: Nach Recherchen des Kölner Stadt-Anzeigers erhält Roth eine Abfindung von 200 000 Euro.
Im Netz gibt es scharfe Kritik an der Entscheidung des SWR
Der SWR, Roths nächster Arbeitgeber ab Herbst 2025, hat sich diametral anders entschieden: Nach der Interims-Spielzeit 2024/25 soll François-Xavier Roth wie geplant sein Amt antreten. Man wolle, so der Sender, dem reuigen Dirigenten eine zweite Chance geben. Unter Auflagen: Es gibt neue Regularien, neue Vertrauenspersonen, flachere Hierarchien auf Leitungsebene. Sollte dennoch ein erneuter Übergriff seitens des Dirigenten vorkommen, behält sich der SWR „das Recht vor, die Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung zu beenden“. Als die Managerin des Symphonieorchesters, Sabrina Haane, die Entscheidung des SWR beim letzten Saisonkonzert in Stuttgart verkündete (also ausgerechnet in dem Konzert, bei dem der designierte neue Chef schon mal hätte Hallo sagen wollen, was kurzfristig abgesagt worden war), gab’s dafür zahlreiche Buhrufe. Und die hypernervösen Fieberkurven der sozialen Medien stiegen sofort. Vor allem auf der Facebook-Seite des Orchesters häuft sich der Protest. Er reicht vom schlichten „Abo ist dann mal gekündigt“ bis zu langen Kommentaren („In anderen Orchestern gab es Vorfälle, der SWR möchte nun also abwarten, bis es Vorfälle in den eigenen Reihen gibt.“). „Nach der Causa Currentzis“, liest man hier auch, „ist dies der zweite Fall, bei dem ich die Entscheidung höchst fragwürdig finde. In beiden Fällen hat sich eine Kulturinstitution, die Vorbild sein sollte, die mutig und weltoffen an der Seite der Schwächeren stehen sollte, aus scheinbarem Eigennutz nach meinem Dafürhalten falsch entschieden.“ Und: „Der SWR tut sich mit politischen Entscheidungen wohl generell schwer und trifft diese gar nicht oder viel zu spät.“
Werden die Musikerinnen und Musiker François-Xavier Roth vertrauen?
Tatsächlich ist die jüngste Entscheidung des Senders aus mehreren Gründen problematisch. Erstens, weil die Untersuchungen im Fall Roth mitnichten abgeschlossen sind. Zwar hat sich bei der Beschwerdestelle des SWR kein Mitarbeitender gemeldet, und mit dem Vertragsende in Köln sind die arbeitsrechtlichen Untersuchungen dort vom Tisch – die Arbeit der Kanzlei, bei der sich Musikerinnen und Musiker hätten melden können, wurde mit der Abfindungsvereinbarung eingestellt. Die Kölner Staatsanwaltschaft ist allerdings noch aktiv. Was macht der SWR, wenn dort passieren sollte, was in Zeiten des unendlichen Internet-Gedächtnisses durchaus passieren kann: wenn also doch noch belastende Aussagen und entsprechendes Material auftauchen sollten?
Zweitens: die Musikerinnen und Musiker. Werden sie François-Xavier Roth ab 2025 wirklich ihr volles Vertrauen schenken können? Roths eigenes (fantastisches!) französisches Ensemble Les Siècles kann das offenbar nicht – es hat nach einer „wegen der unsicheren Situation“ von den Veranstaltern abgesagten Asien-Tournee den Namen seines Chefs und Gründers komplett von der eigenen Homepage gestrichen. Und drittens: das Publikum. Werden die Besucherinnen und Besucher in den Konzerten unter dem neuen Chef den hochkarätigen Künstler sehen – oder nicht doch eher einen „Mr. Dickpic“, der in rasanter Geschwindigkeit von ganz oben nach ganz unten fiel?
Die Entscheidung für eine rasche künstlerisch-soziale Wiedereingliederung des Dirigenten kann mit dem Kosten- (und also auch Profilierungs-)Druck in der ARD zu tun haben. Vor allem aber dürfte sie der jüngsten Vergangenheit des SWR-Symphonieorchesters geschuldet sein.
Dass sich Teodor Currentzis gegenüber dem politischen System seiner Wahlheimat Russland nie ablehnend geäußert hat, auch nicht nach dem Beginn des Ukraine-Krieges, hat dem Sender, der seinen Stardirigenten für die Homogenisierung des fusionierten Orchesters dringend benötigte, viele kommunikative Pirouetten abverlangt. Dabei war das Schweigen eines Orchesterchefs, dessen russisches Ensemble von Handlangern des Putin-Regimes profitierte, eigentlich nicht tragbar. Die Entscheidung für François-Xavier Roth als Currentzis-Nachfolger war deshalb auch die Entscheidung für das Gegenmodell eines bodenständigen, kommunikativen Vor-Ort-Arbeiters.
Nun hat das SWR Symphonieorchester seinen nächsten Problemfall. Als Zeichen nach außen ist das ungut: Ein bekennender Metoo-Täter bekommt erst von einem Orchester eine sechsstellige Abfindung, und das nächste geht zur Tagesordnung über. Fast wie im Fall des Dirigenten Daniele Gatti, den das Concertgebouw-Orchester 2018 nach Missbrauchsvorwürfen erst entließ und sich dann mit ihm einigte – ohne genauere Untersuchungen und die Modalitäten der Einigung öffentlich zu machen. Inzwischen ist Gatti wieder gut im Geschäft. Siehe Plácido Domingo. Und siehe Charles Dutoit, der inzwischen auch wieder als Gast dirigiert. Je größer der Ruhm, desto weicher der Fall?
Vergleichbare Fälle in der Szene
Der SWR hätte zuwarten und den Amtsantritt Roths verschieben können: Das Orchester hätte das verkraftet, und es wäre ein deutliches Zeichen gewesen, auch an François-Xavier Roth. Man hätte abwarten können, bis die Staatsanwaltschaft in Köln ihre Untersuchungen abgeschlossen hat. Nun hat man einen designierten Chefdirigenten auf Bewährung, der viel tun muss, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
2024/25 - eine SWR-Saison ohne Chef
Residenzkünstlerin
Patricia Kopatchinskaja spielt am 13./14. 2. den Solopart in Schostakowitschs erstem Violinkonzert (Dirigent: Ingo Metzmacher). Außerdem gestaltet sie ein „Piece Project“ im Wizemann.
Schwerpunkte
„Klänge aus dem Osten“ bietet Werke von Suk, Ljadow, Tschaikowsky, Prokofjew, Schostakowitsch, Dvorák, Rachmaninow, Skrjabin und Szymanowski. Am Pult stehen Juraj Valcuha, Petr Popelka, Jonathan Nott, Jukka-Pekka Saraste, Bas Wiegers, Giedrė Šlekytė und Andrés Orozco-Estrada, Solisten sind Leif Ove Andsnes, Francesco Piemontesi, Carolin Widmann, Jean-Guihen Queyras und François Leleux. Außerdem
gibt’s zum Bruckner-Jahr zwei Konzerte mit Pablo Heras-Casado (12./13. 9.: 6. Sinfonie, „Te Deum“, 20./21 3.: f-Moll-Messe mit dem SWR-Vokalensemble).
Boulez Die Pfingstfestspiele Baden-Baden bieten am 31. 5. eine Hommage an den 100-Jahr-Jubilar Pierre Boulez. Als Dirigent steht dort zurzeit noch: François-Xavier Roth. Karten 072 21 / 30 01 00 und unter www.swr.de/swrkultur/musik-klassik/symphonieorchester.