Frankfurter Buchmesse Verwurzelt in der Vergangenheit
Italien präsentiert sich auf der Buchmesse mit historischem Bildungspomp. Die Vorsteherin des Börsenvereins warnt vor einem Bildungsnotstand.
Italien präsentiert sich auf der Buchmesse mit historischem Bildungspomp. Die Vorsteherin des Börsenvereins warnt vor einem Bildungsnotstand.
Mit welchen Erwartungen man dem offiziellen Auftritt des diesjährigen Gastlandes der Frankfurter Buchmesse auch entgegengeblickt hat, soviel Italianità verschlägt einem dann doch die Sprache. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Pavillon, in dem sich das Land präsentiert, das Motto, unter dem es angetreten ist, geradezu auf den Kopf stellt: Verwurzelt in der Zukunft. Hier aber wird mit der Vergangenheit geklotzt. Man betritt eine in gedämpftes Licht und nostalgisch wogenden Sound getauchte monumentale Säulenhalle, ein Weihetempel, dessen Allerheiligstes von einer riesigen Kinoleinwand eingenommen wird, über die all die Schönheiten des Landes flimmern: Plätze, Dome, Paläste, Menschen, Dolce Vita, Filmsequenzen – ein historischer Reigen, wie man ihn eher auf einer Reise- als einer Buchmesse erwartet hätte.
Wobei, Bücher gibt es auch. In einer Seitenkapelle findet sich eine kleine Sammlung kostbarer Ausgaben von Niccolò Macchiavellis Ratgeber zur Absicherung fürstlicher Alleinherrschaft, „Il Principe“, ein besonders repräsentativer Druck trägt das Veröffentlichungsdatum 1930. Einen Bogengang weiter gelangt man in ein Studiolo, das in einer interaktiven Installation Kunst, Design, Handwerk zusammenführt, denn alles gründet in Italien. „Das Buch, wie wir es heute kennen, wurde Anfang des 16. Jahrhunderts in Venedig von Aldo Manuzio kodifiziert“, belehrt eine dem venezianischen Drucker gewidmete Ausstellung in einem angrenzenden Kabinett.
Und wer jetzt noch nicht überzeugt ist, dass Italien der Wurzelgrund aller Kultur ist, dem führen das pompejanische Wandfresken im Original vor Augen, das Opfer der Iphigenie, Achill und Briseis. Römische Tongefäße, Gürtelschnallen, ergänzen die Auslagen. Es hätte einen nicht gewundert, darunter auch jene Rutenbündel zu finden, Fasces, die der Bewegung den Namen gegeben haben, in deren Tradition sich die heutige Regierung in Rom sieht. Ganz offensichtlich wurzelt hier die Zukunft in der Vergangenheit.
Entworfen hat dieses italienische Walhall der mit dem Bau begrünter Hochhäuser berühmt gewordene Architekt Stefano Boerri nach den Wünschen des italienischen Sonderbeauftragten Mauro Mazza – eben jener, der den Schriftsteller und Anti-Mafia-Journalisten Roberto Saviano in Frankfurt auf keinen Fall dabei haben wollte, weil er „zu unoriginell“ sei. Doch so sehr dieser Pavillon ein Statement abgibt, so sehr steht ein Großteil der über 90 Autoren, ob Teil der offiziellen Delegation oder nicht, für eine lebendige Literatur, die das pompöse Bild, das hier entworfen wird, kritisch unterläuft.
Und damit ist man beim eigentlichen Thema einer Buchmesse. Von ganz anderem Charakter als der italienische ist der filigrane Frankfurt Pavillon, dessen offener, zum Austausch einladender Aufriss gerade mit dem Titel Design for Democracy ausgezeichnet wurde. Hier zeichnet die Vorsteherin des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, bei der Eröffnungspressekonferenz ein Bild der Lage. Am Morgen machte die Nachricht die Runde, dass zuletzt durchschnittlich fünf Minuten weniger pro Tag gelesen wurde, als noch zehn Jahre zuvor. In den Umsätzen scheint sich das nicht niederzuschlagen, sie seien stabil, sagt Schmidt-Friderichs, zuletzt ein leichtes Plus von 0,5 Prozent – „welche Branche kann das gerade schon von sich sagen.“ Viele junge Leute seien im Lesefieber dank Booktok, New und Young Adult. Auf der anderen Seite verlasse immer noch jedes vierte Kind die Grundschule, ohne richtig lesen zu können. Auch in Zeiten knapper Haushalte dürfe nicht an Leseförderung gespart werden, appelliert die Vorsteherin: „Sie ist die Grundlage für demokratische Teilhabe, nur wer versteht, was in den Wahlprogrammen steht, kann verantwortungsvoll wählen“.
Das kulturpolitische Programm stellt der Direktor der Buchmesse Juergen Boos vor. Er zählt die wunden Punkte gegenwärtiger Krisen auf: Russland, Ukraine, Naher Osten, das Erstarken des Populismus. Jeder Autor habe die Freiheit, auf seine Weise darauf zu blicken. Auf die Frage, wie er es im Konflikt zwischen regierungstreuen und regierungskritischen Kräften des Gastlandes halte, verwies er auf das demokratische Design: der Pavillon sei nun einmal auch eine dialektische Agora.
Als Gastrednerin gibt die türkische Autorin Elif Shafak einen Begriff davon, wie sie auf die „seltsamen Zeiten“ blickt, die wir gerade durchleben, Kriege, Gewalt gegen Mensch und Natur. Dabei sei es noch nicht lange her, dass Optimisten nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs ein goldenes Zeitalter liberaler Demokratien prophezeit haben. Aber wie sie ihrem jüngsten Roman „Am Himmel die Flüsse“ gezeigt hat, kennt der Strom der Zeit nicht nur den Fortschritt, sondern auch Zyklizität. Wir würden über zuviel Information verfügen, über eine Menge Wissen, aber über zu wenig Weisheit: „Literatur ist ein Akt der Hoffnung und des Widerstands“, sagt Shafak. Im Geschichtenerzählen löse sich die Apathie der Angst unseres scheinbaren Bescheidwissens in Schönheit, Solidarität und Liebe. Auf diese Weise mild gestimmt, kann die Messe beginnen.
Programm
Die 76. Frankfurter Buchmesse will große Themen in den Fokus nehmen und ein wichtiger Handelsplatz bleiben. Die weltgrößte Bücherschau ist ab Freitag für das Lesepublikum zugänglich. Über 1000 Autoren und Sprecher bei 650 Veranstaltungen auf 15 Bühnen stehen auf der Agenda. Unter den prominenten Namen sind der israelische Historiker Yuval Noah Harari, der Bestsellerautor Sebastian Fitzek, die „New Adult“-Stars Jane S. Wonda und D.C. Odesza sowie die Moderatoren Thomas Gottschalk und Judith Rakers.
Friedenspreis
Die Vorverkaufszahlen liegen laut Angaben der Buchmesse deutlich über denen des Vorjahrs. Die Buchmesse endet am Sonntag mit der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche an die US-Historikerin Anne Applebaum.