Matthias Leja, Silvia Schwinger, Nicole Heesters, Sven Prietz, Peer Oscar Musinowski (v.li.) Foto: Björn Klein
Dea Loher erzählt in „Frau Yamamoto ist noch da“ von Menschen, die sich suchen und nicht finden – und der Regisseur Burkhard C. Kosminski lässt dazu Hasen tanzen. In der Titelrolle spielt Nicole Heesters.
Thomas Morawitzky
13.10.2024 - 18:37 Uhr
Die Bühne ist kreisrund. Sie dreht sich, manchmal, steht oft aber auch still. Ganz zu Beginn wird das Ziffernblatt einer Uhr auf diese Fläche projiziert. Sieben Stühle liegen da, umgestürzt. Ein Stück Baumstamm hängt in der Luft. Und in der Mitte des Kreises liegt eine menschliche Gestalt, regungslos.
„Frau Yamamoto ist noch da“ von Dea Loher erlebte seine Uraufführung im September, in Zürich und Tokio zugleich. Nun ist es im Stuttgarter Kammertheater zu sehen, als deutsche Erstaufführung. Inszeniert hat Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiel Stuttgart; die zentrale Rolle, jene Frau Yamamoto, spielt Nicole Heesters.
Seltsame Hasenkostüme
Sie ist, wie alle anderen Figuren des Stückes, zugegen von Anfang an, tritt aber erst später auf: Rund um die Drehscheibe haben die Schauspieler Platz genommen, Utensilien liegen neben ihnen. Florian Ettis Bühne ist mal Innenraum, mal Außenraum, kaum je in irgendeiner Weise markiert. Dass hier einmal ein Auto brennt, ein Therapeut mit einer Patientin spricht, ein Paar eine Gaststätte eröffnet, Angler ihre Ruten auswerfen, Frau Yamamoto lebt und stirbt – all das erfährt man vor allem aus den Dialogen.
Erzählt wird vom Tod als einem Teil des Lebens, das heißt: umgeben von Alltag, von Szenen, die erst einmal beliebig anmuten. Zumeist scheint man sich in der Wohnung Frau Yamamotos zu befinden oder in Wohnungen desselben Hauses, bei Erik und Nino etwa, dem Paar von nebenan. Wie aber gelangt man hinaus auf die nächtliche Straße, auf der ein brennendes Auto steht, dessen Fahrerin jede Hilfe zurückweist, aus Angst, die Versicherung würde nicht zahlen? Oder an den See, zu den Anglern, die erst lapidar, dann inbrünstig von Gottsuche und Erfüllung plaudern, später um die Fische trauern, die tot auf dem Fluss treiben, mit grünem Schleim: „Da is Gift im Spiel, das is mal sicher“?
Burkhard C. Kosminski lässt die Schauspieler dieser Szene von Kostümbildnerin Ute Lindenberg in seltsame Hasenkostüme stecken; sie toben zu harten Beats, sprechen mit piepsigen Stimmen, werden kaum verstanden. Hans Platzgumers Musik fällt, von wenigen Ausbrüchen abgesehen, verhalten aus. Ein leises Summen liegt in der Luft, wenn die Titelfigur auftritt, gerade so, als sei die auch sehr alltägliche Frau Yamamoto von einer klingenden Aura umgeben.
Nicole Heesters als altersweise Dame
Nicole Heesters spielt sie als altersweise Dame, die ihre Türen gerne öffnet, fröhlich davon erzählt, wie sie vorzeiten mit ihrem Gatten zu kiffen pflegte und wie derselbe, Besitzer eines Sägewerks (deshalb wohl der schwebende Baumstamm über der Bühne), sich eines Tages, gut entspannt, bei der Arbeit versehentlich drei Finger absäbelte, die von einer fein eingestellten Maschine in dünne Scheibchen zerteilt wurden, sich also nicht mehr annähen ließen. Makaber auch jene Szene, in der ein Mann einer Frau von einem Virus erzählt, der bewirkt, dass Menschen, die sich berühren, aneinander kleben bleiben: „Wenn sie beim Küssen zusammengeklebt sind, dann wird es kompliziert – sie müssen dann künstlich ernährt werden, mit Zugang direkt hinten durch den Darm.“
vorn: Silvia Schwinger, im Hintergrund: Marietta Meguid, Karl Leven Schroeder und Ensemble Foto: Björn Klein
Ein Nebeneinander von Banalem und Tiefgründigen, scheinbar Beliebigem und Bedeutungsvollen, Zartem und Groteskem bestimmt das Stück. „Frau Yamamoto ist noch da“ erweist sich dabei als ein Text, der in seiner Eigenart schwierig zu fassen ist. Mitunter schlägt das Pendel bei Burkhard C. Kosminskis Inszenierung zu sehr in eine Richtung aus, dann wieder gelingen sehr treffende Szenen.
Die Ensemblemitglieder Peer Oscar Musinowski und Matthias Leja spielen Erik und Nino, das Paar von nebenan; Katharina Hauter, Marietta Meguid, Sven Prietz, Christiane Roßbach, Silvia Schwinger und Karl Leven Schroeder glänzen immer wieder kurz in immer neuen Rollen des kaleidoskopischen Reigens, der um das Zentrum der bald abwesenden Frau Yamamoto kreist.
Wie Kommunikation gelingt und scheitert
Das Publikum ist zu zwei Seiten der Drehscheibe platziert. Wie sich die einzelnen Figuren zueinander verhalten, wie sie sich abwenden, annähern, in einem Spiel, in dem es immer um das Gelingen oder Scheitern von Kommunikation geht, wird sehr deutlich ausgestellt. Es beginnt, es endet mit einem Ensemble, das zusammenfindet, den Rhythmus mit den Fingern schnippt, und mit Silvia Schwinger, die mit Leidenschaft „Petite Fleur“ singt, ein Chanson, eigentlich ein sehr alter Jazzstandard mit einem Text von Fernand Bonifay, der vom Fortdauern der Liebe erzählt.
Die Geschichten, die Dea Loher erzählt, in ihrem Stück, sind unabgeschlossen, alle; sie setzen sich fort – auch die Geschichte von Frau Yamamoto, die eigentlich nicht gegangen, noch immer da ist.
Frau Yamamoto ist noch da: Vorstellungen am 15., 31. Oktober; 1., 5., 6. November, 19., 20., 21. Dezember, jeweils 20 Uhr, Kammertheater.
Dea Loher am Staatstheater Stuttgart
Dramatikerin Dea Loher wurde 1964 im bayrischen Traunstein geboren und lebt in Berlin. Ihr erstes Theaterstück entstand 1991. Sie hat bislang 21 Stücke verfasst und erhielt zahlreiche Preise. Ein zentrales Thema ihrer Arbeit ist der Einzelmensch und sein Verhalten in der globalisierten Welt. Ihre Texte folgen häufig fragmentarischen, nicht-linearen Erzählmustern.
Stück „Frau Yamamoto ist noch da“ wurde am 12. September 2024 zugleich am Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Jette Stecke und in Tokio unter der Regie von Yoshinori Koke uraufgeführt. Es ist das erste Stück von Dea Loher, das seine deutsche Erstaufführung am Staatstheater Stuttgart erlebt.