Christina Dojan am Grab ihres Sohnes Oskar. Er wurde nur zweieinhalb Tage alt. Foto: privat
Für Frauen, die ihr Kind verloren haben, ist der Muttertag eine emotionale Herausforderung. Gleichzeitig wird oft übersehen, dass auch sie Mütter sind. Zwei Sternenmamas aus Stuttgart und der Region erzählen, wie sie den Muttertag erleben.
Schon Wochen vor dem Muttertag wird Christina Dojan mulmig zumute, wenn sie in den Kalender schaut und ihr Blick auf den 11. Mai fällt. Während andere Mamas an diesem Tag von ihren Kindern Blumen oder selbstgebastelte Geschenke bekommen, wird die 37-jährige Stuttgarterin zum Waldfriedhof gehen und dort ein Grab besuchen. Bemalte Steine liegen dort, ein Stoffschmetterling ragt aus den Pflanzen heraus und ein orangefarbenes Windrad dreht sich, wenn sich ein Windstoß darin verfängt. Ein Sehnsuchtstag wird der Muttertag für sie sein, sagt Dojan. Sehnsucht nach Oskar.
Er ist ihr Sohn, der gerade einmal zweieinhalb Tage alt wurde. Christina Dojan ist eine Sternenmama. So bezeichnet man Frauen, die ein Kind während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder kurz danach verloren haben.
Mehr als jede zehnte Frau erleidet weltweit wohl eine Fehlgeburt
Es handelt sich dabei nicht um Einzelschicksale. Wie das Fachmagazin „The Lancet“ 2021 berichtete, erleidet weltweit mehr als jede zehnte Frau mindestens einmal in ihrem Leben eine Fehlgeburt. Hochgerechnet sollen es 23 Millionen Fehlgeburten pro Jahr sein. Genaue Zahlen für Deutschland gibt es nicht. Als Fehlgeburt gilt in Deutschland, wenn eine Frau ihr Kind vor der 24. Schwangerschaftswoche verliert und es unter 500 Gramm schwer ist. Stirbt ein Kind später im Mutterleib, spricht man von einer Totgeburt. 2900 Kinder wurden laut statistischem Bundesamt 2024 tot geboren. In den ersten sieben Lebenstagen starben im selben Jahr 1300 Säuglinge.
Der Muttertag, an dem sich alles um Mütter und ihre lebenden Kinder dreht, ist für Sternenmamas Jahr für Jahr nicht leicht. Und gleichzeitig fristen sie ein Schattendasein an diesem Tag. Denn als Mutter wird wahrgenommen, wer ein Kind hat. Besonders Frauen, die neben ihrem Sternenkind kein weiteres lebendes Kind haben, bleiben unsichtbar. Dabei versteht sich Christina Dojan, auch wenn Oskar nicht mehr lebt, wie andere Sternenmütter, eindeutig als Mama. „Ich wollte immer eine Mama sein. Jetzt bin ich eine. Aber ich habe mir natürlich gewünscht, dass mein Kind bei mir ist“, sagt die zierliche 37-Jährige mit den langen brauen Haaren und der sanften Stimme.
Vier Jahre lang versucht sie schwanger zu werden
Christina Dojan wird im März 2024 mit Oskar schwanger. Vier Jahre sind da schon vergangen, in denen sie und ihr Mann versucht haben, ein Kind zu bekommen. Eine Fehlgeburt und zwei Eileiterschwangerschaften liegen hinter ihr. Der Muttertag war auch damals ein Sehnsuchtstag für Dojan: „Der Tag hat mir immer gezeigt, dass ich noch keine Mama bin.“ Als sie schließlich mit Oskar schwanger ist, ist der Muttertag zum ersten Mal seit Jahren nichts Besonderes mehr. Sie ist nun endlich Mama.
Die Verbindung zu ihrem Kind wächst jeden Tag. „Er war einfach bei allem dabei, was wir in diesen neun Monaten gemacht haben“, erzählt die Stuttgarterin. „Oskar war nicht nur die zweieinhalb Tage da, die er gelebt hat, sondern die ganze Schwangerschaft.“
Oskar kommt mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt
Ein paar Tage nach dem Entbindungstermin, bewegt sich ihr Sohn plötzlich nicht mehr in Dojans Bauch. Die Hebamme im Krankenhaus findet keine Herztöne. Oskar kommt mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt und muss mehrere Minuten lang reanimiert werden. Er hat einen Sauerstoffmangel erlitten und dadurch schwerwiegende Hirnschäden. Oskar stirbt schließlich in Christina Dojans Arm, ganz nah bei seinen Eltern. Lange begleitet die 37-Jährige das Gefühl, in einem Albtraum zu stecken, aus dem sie nicht aufwachen kann.
Der Tod kann die Verbindung zwischen Oskar und seinen Eltern aber nicht kappen. „Er ist immer bei uns, egal wo wir sind“, sagt Christina Dojan. Sie ist voller Liebe für ihren Sohn.
Muttertag zeigt wie Leuchtreklame, dass ihr Sohn fehlt
Als Christina Dojan Anfang 2025 überlegt, wie das erste Jahr ohne Oskar sein wird, fallen ihr ein paar Tage auf, die für sie richtig hart werden – darunter der Muttertag. Der erste seit Oskars Tod. Sie hat ein bisschen Angst vor dem Tag. „An dem Tag wird von außen auf die Mütter geschaut. Und eine Mutter erkennt man daran, dass sie ein Kind hat. Bei mir sieht man das aber nicht.“ Und gleichzeitig hält der Tag ihr wie große, blinkende Leuchtreklame vor, dass ihr Sohn nicht bei ihr sein kann. „Muttertag ist in meiner Vorstellung ein Tag, an dem man sich bei seiner Mutter bedankt, für alles, was sie tut. Und das kann Oskar gar nicht. Und auf die Spitze getrieben gesagt, kann ich ihm auch nichts geben, wofür er sich bedanken könnte“, sagt Dojan.
Und schon vor dem 11. Mai hält der 37-Jährigen die Werbung für Muttertagsgeschenke immer wieder deutlich vor Augen, dass ihr Sohn fehlt. Für Christina Dojan kann das schmerzhaft sein. „Jede Werbung die man sieht, ist manchmal wie ein kleiner Stich ins Herz“, erläutert sie. Am Muttertag selbst will sie Triggerpunkte vermeiden: zum Beispiel Eiscafés, Restaurants, Kinos. Orte, an denen viele Familien beisammen sein werden. Sie will Zeit an Oskars Grab verbringen.
Was bedeutet ihr als Sternenmama der Muttertag? Christina Dojan sagt: „Ich bin jetzt eine Mama. Das heißt, ich habe auch ein Recht auf diesen Tag. Aber Oskar fehlt einfach sehr.“
Hebamme: Muttersein beginnt mit dem Schwangerschaftstest
Dass der Muttertag für Sternenmamas kein leichter Tag ist, weiß auch Katrin Neher. Die Hebamme bietet verschiedene Kurse in Stuttgart für Frauen an, die ein Kind verloren haben. Dass sie als Mamas nicht gesehen werden, mache den Muttertag schwierig, erläutert Neher. Gleichzeitig führt er Sternenmamas besonders deutlich ihren Verlust vor Augen. „Es macht traurig, dass das Kind einen nicht liebevoll in den Arm nehmen oder Blumen schenken kann“, sagt Neher. „So etwas trifft schwer, weil es immer so bleiben wird.“ Muttertag sei für Sternenmütter aber nicht nur ein Tag der Trauer – sondern auch ein Tag voller Liebe für ihr verstorbenes Kind.
Der Muttertag sei auch für Frauen, die ihr Kind verloren haben, wichtig, um zu zeigen, dass auch sie Mütter sind. Denn Muttersein beginnt laut Katrin Neher nicht erst mit der Geburt, sondern bereits, wenn Frauen erfahren, dass sie schwanger sind. Schon dann entstehe eine Verbindung zum Kind, die in der Schwangerschaft immer tiefer wird. „Und diese Verbindung endet nicht abrupt mit dem Tod“, sagt die Hebamme.
Dass Sternenmamas am Muttertag nicht gesehen werden, habe damit zu tun, dass der Tod aus der Mitte der Gesellschaft herausgerückt sei. Vor allem wenn Kinder sterben, mache das sprachlos, sagt Neher. Hinzu komme, dass nicht immer alle Menschen im Umfeld wissen, dass ein Kind gestorben ist, denn sie sind auch im Alltag ihrer Eltern nach außen nicht sichtbar.
Das unsichtbare dritte Kind
Wenn Mira Fürst mit ihren beiden Kindern zum Bäcker geht, sehen Menschen um sie herum, dass sie Mutter ist. Wen sie jedoch nicht sehen, ist Rubi – das dritte Kind der Esslingerin. Anfang 2022 wird Mira Fürst zum zweiten Mal schwanger. Von Anfang an spürt sie die Verbindung zu ihrer Tochter und hat das Gefühl, ihre Mutter zu sein, erzählt die 34-Jährige heute. In der 41. Schwangerschaftswoche werden bei einem Kontrolltermin bei ihrer Frauenärztin plötzlich keine Herztöne mehr gefunden. Rubi ist im Mutterleib gestorben, Fürst bringt ihre Tochter still zur Welt. Als sie ihr Kind im Arm hält, fühlt sie ganz viel Glück darüber, dass sie ihre Tochter bei sich hat. Und gleichzeitig ist da der Schmerz und die Fassungslosigkeit über Rubis Tod.
Die kleinen Hände von Rubi. Foto: privat
Auch wenn Rubi heute nicht lebt, ist sie tief im Herzen ihrer Mutter verankert und ein wichtiger Teil der Familie. „Sie ist immer da und ganz eng bei uns“, sagt Mira Fürst. Ihre Tochter sei ihr wertvollster Schatz. „So weh es tut, dass sie nicht bei uns ist, so glücklich bin ich, dass ich ihre Mama bin“, schildert sie. „Es ist, als würde ich sie immer an der Hand halten.“
Wie Mira Fürst den Muttertag erlebt
An Muttertag ist Rubi sehr nah bei ihr, sagt Mira Fürst. Vor dem ersten Muttertag nach ihrem Tod im Jahr 2023 hatte sie Respekt, erinnert sie sich heute. „Es war ein Tag, der für mich unheimlich traurig war.“ Und trotzdem ist er damals für sie auch etwas Besonderes – der erste Muttertag als Mama von zwei Kindern. „Ich fand es ganz schlimm, zu wissen, das Rubi nicht hier ist, aber gleichzeitig auch schön, dass ich jetzt zwei Kinder habe“, erzählt die Esslingerin.
Mira Fürst Foto: privat
Diese Gleichzeitigkeit der Gefühle begleitet sie täglich: Auf der einen Seite Trauer über ihren Verlust – und auf der anderen die Dankbarkeit und Liebe für ihr verstorbenes Kind. Der Muttertag verstärke diese Gefühle: „Die Trauer ist intensiver, aber gleichzeitig auch das Glück“, sagt Mira Fürst. Sie will am Muttertag in den Friedwald gehen und das Bäumchen ihrer Tochter besuchen. Den Kommerzrummel rund um den 11. Mai brauche sie nicht. „Ich möchte an diesem Tag das Glück ganz intensiv spüren, Mama von drei Kindern zu sein. Ich brauche diese Romantisierung vom Mamasein nicht.“
Die Vorstellung einer Mama, die am Muttertag Hand in Hand mit ihren Kindern auf der Wiese Blumen pflückt, entspreche auch gar nicht der Realität, sagt Fürst. „Ich habe das Glück, dass ich noch zwei Kinder habe, die leben dürfen. Andere Mütter haben das nicht. Und deswegen ist der Muttertag wichtig, um auch den Mamas Sichtbarkeit zu schenken, die ihr Kind verloren haben und kein anderes Kind haben. Oder den Mamas, die einen Kinderwunsch haben, und es einfach nicht klappt.“ “
„Es hilft nichts, wenn man schweigt“
Wenn es um Rubi geht, wird Mira Fürst zur Löwenmama. Sie will, dass ihre Tochter nicht vergessen wird, fordert Platz für sie ein. „Ich werde nie müde, zu sagen, Rubi ist unser Kind und dass es so wichtig ist, darüber zu sprechen. Dass es nichts hilft, wenn das Umfeld schweigt.“ Am Muttertag werde ihre Verbindung zu Rubi nur vereinzelt wahrgenommen. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das nicht weh tut“, sagt Fürst.
Um unsichtbare Mütter aus dem Schatten zu holen, wurde 2010 der Internationale Muttertag für verwaiste Mütter ins Leben gerufen. Er findet jedes Jahr am ersten Sonntag im Mai statt, eine Woche vor dem regulären Muttertag. Dieser Tag sei wichtig, um dafür zu sensibilisieren, dass es Sternenmütter gibt, sagt Mira Fürst. Auch um mit Blick auf den regulären Muttertag eine Woche später Aufmerksamkeit für sie zu wecken. Denn auch Frauen, die ihr Kind verloren haben, haben ein Anrecht auf diesen Tag, betont die Esslingerin: „Sternenmütter sind Mamas, nicht nur am Muttertag für verwaiste Mütter, sondern auch am normalen Muttertag.“ Mira Fürst wünscht sich für Sternenmamas mit Blick auf den Muttertag, dass das Umfeld die Initiative ergreift, auf sie zugeht und ihnen zeigt, dass es an sie denkt.
Auch Christina Dojan erhofft sich für diesen schweren 11. Mai, gesehen zu werden – zum Beispiel, dass ihr jemand über WhatsApp „Alles Gute zum Muttertag“ wünscht. „Da würde ich sehen, jemand hat daran gedacht, dass ich auch eine Mama bin. Darüber würde ich mich freuen.“