Bastian, Pierre, Alba und Martin (von links) Foto: StZN/Lorenz
Geht das? 200 Schüler aus 91 Ländern lernen in Freiburg im United World College Robert Bosch viel über Nachhaltigkeit und das friedliche Miteinander – und machen einen internationalen Abschluss. Ein Besuch in einer besonderen Schule.
Vielleicht muss man bei Corona anfangen, um zu verstehen, warum Wassim und Vivi so viel Freude daran haben, an diesem heißen Sommernachmittag Baumstämme zu wälzen. Dazu muss man aber erst einmal Station machen bei der Rektorin des United World College Robert Bosch.
Helen White, 58, Britin und promovierte Meeresbiologin, sitzt in einem ebenfalls heißen Zimmer im zweiten Stock. Unter ihrem Schreibtisch liegt Jack, die Promenadenmischung, auf einem dicken Hundepolster. 17 Jahre ist er alt. Ein Welpe war er, als er ihr in ihrer Zeit an der Adria bei Triest zulief. Seitdem ist Jack bei ihr. So wie sie der Idee der inzwischen weltweit 18 United World Colleges mit ihrem reformpädagogische Ansatz seit fast zwei Jahrzehnten treu geblieben ist: Helen White siedelte von der Schule in Italien in den Süden Deutschlands um. Seit der Gründung des UWC Robert Bosch in Freiburg vor zehn Jahren war sie Konrektorin. Und nun, seit 1. August, ist sie die Schulleiterin.
Die Schulleiterin Helen White /UWC/Daniel Schoenen
White ist eine Frau, die ihre Begeisterung für gelebte Nachhaltigkeit offenbar auf ihr Umfeld überträgt. Wie soll man etwas verstehen, wenn man es nicht erlebt hat? So lautete der Grundgedanke von Kurt Hahns reformpädagogischen Ansatz, auf den alle UWCs bauen. Nachher wird die Rektorin beim Projekttag mit einer Schülergruppe „Alpaca-Shit“ wegräumen. Sie nennt es mit britischem Humor ein „Retreat“, also eine Besinnungsaufgabe wie bei Yoga.
Helen White redet in rasantem Tempo und sehr leidenschaftlich davon, dass sie ihren Schülerinnen und Schülern mehr als nur Schulstoff vermitteln will. Werte nämlich und den Wunsch, diese Werte auch in das Leben, in die eigene Nachbarschaft zu tragen. Niemand müsse ein Nelson Mandela oder ein Mahatma Gandhi werden und die ganze Welt retten, sagt sie. „Aber das eigene Umfeld zu verändern, ist schon viel.“
Es geht hier in Freiburg im Stadtteil Waldsee neben dem Schulabschluss International Baccalaureate (IB) um Fertigkeiten für die Zukunft: Nachhaltiges Denken, verantwortlicher Umgang mit Ressourcen – und über allem das friedliche Miteinander sind mindestens so wichtig wie Mathematik und Sprachen. Die Diskussionen könnten demnächst allerdings hitziger werden – wenn ein Schüler aus Israel auf einen Kameraden trifft, dessen Familie in Gaza lebt.
Für Helen White ist das eine große Herausforderung, wie sie sagt. Es gehe dann um die feine Balance, „extrem unterschiedliche Meinungen zu haben, dabei aber den Respekt voreinander nicht zu verlieren“, sagt White mit einem tiefen Seufzer. Das sei gar nicht einfach. Doch genau so soll es ja auch sein. Die Idee dahinter ist so banal wie einleuchtend: Weltkonflikte verlieren an Bedeutung, wenn man im Alltag auf ein Gegenüber trifft, mit dem man zunächst einmal ganz simple Dinge klären muss: Die Musiklautstärke im Zimmer etwa. Oder wo der Wäscheständer stehen soll. Auch so lernt man, Konflikte zu lösen.
Man holt sich gezielt Schüler aus den Konfliktgebieten dieser Welt
Dafür holt man sich auch gezielt Schüler aus den Konfliktgebieten dieser Welt, aus Russland und der Ukraine, aus dem Iran, dem Irak, aus Syrien. Natürlich gibt es auch Absolventen aus den deutschen Nachbarländern und aus Deutschland. Das Programm ist ambitioniert. „Auch für unsere Schüler hat der Tag nur 24 Stunden.“
Helen White und ihre Team sind wohl das, was man Vollblutpädagogen nennt. Macherinnen und Macher, die ihren Schülern etwas zutrauen – wenn sie sie zum Beispiel für eine Projektwoche mit 190 Euro Budget in die Welt schicken. Wachsen und sich ausprobieren, das steht als Leitgedanke über allem.
Und so haben sie es auch zu Coronazeiten gehalten. Sollte man tatsächlich knapp 200 Schüler zurück nach Hause in ihre 90 Herkunftsländer schicken? Sie dieser Chance berauben? Nur ein winziger Bruchteil der Familien sind Selbstzahler. Die allerwenigsten Eltern können sich den 33 000 Euro pro Semester teuren Aufenthalt leisten. Ihre Kinder haben sich vielmehr in einem Auswahlverfahren qualifiziert. Durch ihre Persönlichkeit. 64 Sprachen sprechen sie gerade auf dem Campus.
Der UWC-Campus Foto: Hilke Lorenz
Mit einer Ausnahmegenehmigung der Behörden blieben die Schüler damals im Internat – „quasi als großer Haushalt“, wie Helen White es ausdrückt. Einige der Lehrerinnen und Lehrer seien dafür sogar auf das Gelände gezogen. Freiwillig. Das muss man sich vorstellen. Der Unterricht lief gemäß den Coronavorschriften online ab, aber das Leben miteinander ging weiter. „Das war eine Teambuildingmaßnahme, die wir uns besser nicht hätten ausdenken können“, so White.
Die Corona-Episode beschreibt den Geist wohl sehr treffend, der auch die jetzt frisch angereisten Jugendlichen in den Wochen vor Schulbeginn der Hitze und den Stechmücken trotzen lässt. Sie wollen hier sein.
Alba aus Spanien etwa war auf der Suche nach einem College, an dem sie sich mit sozialen Veränderung beschäftigen kann. Martin aus Bulgarien will etwas für das Klima tun und durch die Gespräche mit den anderen offener werden – „openminded“, wie er sagt. Er zieht die Zeit hier am UWC als „persönliche Herausforderung“. Für Shahed aus Syrien war das Stipendium eine Chance, ihr Land zu verlassen, endlich das tun und denken zu können, was ihr wichtig ist. Sie sieht sich an einem Platz, „wo Pläne entwickelt werden, um Ideen wahr werden zu lassen“. Zurück in ihr Heimatland will sie nicht mehr. Ihr Traum ist ein Studium in den USA. Schließlich steht jedem hier, so das Selbstverständnis, während und vor allem nach der Zeit am College die ganze Welt offen.
Doch erst einmal werden die Jugendlichen an diesem Tag von Brombeerranken überwucherte Ginkgobäumchen freilegen. Die Sonne brennt unerbittlich vom Himmel. Heute ist der traditionelle Gartenprojekttag. Ohne die Mithilfe der Schüler ließe sich das riesige Areal nicht in den Griff bekommen. Statt über Nachhaltigkeit zu reden, wird jetzt erst mal in der Natur geschafft.
Der 16-jährige Wassim Foto: Hilke Lorenz
Vivi, 17, aus Oslo und Wassim, 16, stehen mit ein paar anderen am Waldrand. Ihre Gesichter sind gerötet von der Anstrengung, die hinter ihnen liegt. Aber sie strahlen übers ganze Gesicht. „Wir haben zusammen Holzstämme aus dem Dickicht geräumt, das war toll“, sagt Wassim auf Englisch. Das ist im Moment noch die gemeinsame Sprache. In ein paar Wochen wird das bei allen schon anders sein. Die es noch nicht können, müssen neben vielem anderen auch Deutsch lernen.
Es ist Wassims erste Woche auf dem College. Mühelos schaltet er vom Englischen in perfektes Deutsch. Seine Augen leuchten vor Begeisterung. „Wow“, sagt er, „ ich habe gerade mit einem Kollegen aus Japan zusammengearbeitet, das kenne ich gar nicht.“ Wassim kommt aus Sachsen, hat die deutsche Staatsangehörigkeit, gehört also zu den 25 Prozent deutscher Schüler am United World College. Aber wie die meisten anderen, hat er einen in jeder Hinsicht weiten Weg zurückgelegt.
Er hat seine Eltern in einer sächsischen Kleinstadt erst einmal zurückgelassen und teilt sich hier mit drei anderen ein Zimmer mit Gemeinschaftsbad. Vor beinah acht Jahren kam er im Rahmen des Familiennachzugs von Syrien zu seinem Vater nach Deutschland – mit seiner Mutter und dem zwei Jahre älteren Bruder, der ebenfalls UWC-Absolvent ist und inzwischen in den USA studiert. In den Wochen, bevor für seine Söhne die Schule in Deutschland begann, paukte ihr Vater mit ihnen jeden Tag konsequent 50 neue deutsche Vokabeln. Wassim wollte auch unbedingt lernen – und kann es noch immer nicht so richtig glauben, dass er nun ein UWC-Schüler geworden ist.
Die Internatsleiterin Cassandra Poyiadjis-Osler Foto: Hilke Lorenz
Er hatte auch schon andere, weniger weltoffene Erlebnisse. „Eigentlich alle haben Rassismuserfahrung“, sagt die Internatsleiterin Cassandra Poyiadjis-Osler. Darüber reden sie in Workshops. Wassim könnte berichten, dass ihm die anderen auf dem Fußballplatz sagten, das sei eine Mannschaft nur für Deutsche. Er dürfe nicht mitspielen. Damals war er zehn. Er erzählt das fast nebenbei. „Jetzt, die Community aus 91 Nationen, das ist doch der Wahnsinn. Ich begreife es immer noch nicht“, sagt er. Die Menschen als Menschen zu beurteilen und nicht nach ihrer Herkunft – „das hab ich mir immer gewünscht“.
Die 17-jährige Vivi Foto: Hilke Lorenz
Vivi hat Wassim aufmerksam zugehört. Sie kennen sich gerade ein paar Tage. Auch die junge Norwegerin sieht das UWC als einen Ort, wo in kondensierter Form die ganze Welt repräsentiert sei. Sie streicht die rotblonden Haare aus dem Gesicht. Auch sie ist trotz der Hitze euphorisch. „Wir lernen so viele unterschiedliche Blicke auf die Welt kennen, wie es an keinem anderen Ort möglich wäre.“ So viel könne man gar nicht reisen. „Das hier ist der einzige Platz in der Welt, an dem ich morgens aufwache und gespannt darauf warte, welche Möglichkeiten mir der Tag bringt.“
Sie ist in einer Nachhaltigkeitsgruppe. Da geht es auch darum, wie man das erlernte Wissen und die eingeübten Fertigkeiten später draußen weitergibt. „Wir bekommen so viele Werkzeuge in die Hand“, sagt Vivi. Ihr Herz schlägt für internationales Recht, für Menschenrechte – und die konsequente Strafverfolgung bei Menschenrechtsverletzungen. Auch hier gelte: Allein die Idee macht die Welt nicht besser. Man muss sie auch umsetzen. Vivi will nach der Zeit im College dazu beitragen, etwas zu verändern.
Ein großes Experimentierfeld ist das hier für alle. Auch das gemeinsame Anpacken und das Erlebnis, dass sich Baumstämme mit vereinter Kraft bewegen lassen. Außerdem sei die körperliche Arbeit einfach gut, sagt Vivi. Ein willkommener Ausgleich zum vielen Nachdenken und Wälzen von Weltproblemen. Dass sie sich in einer privilegierten Blase, einer Bubble, befinden, ist allen klar. Den Schülern wie den Lehrern. Die Realität beginnt eigentlich erst, wenn sie ihr Fahrrad nehmen und nach Freiburg radeln.