Freie Lehrerstellen in Baden-Württemberg Zusätzliche Lehrerstellen wecken Begehrlichkeiten

An welchen Stellen die Lehrer eingesetzt werden, ist noch offen. Foto: dpa/Marijan Murat

Die vom Kultusministerium gefundenen Lehrerstellen schüren bei einigen Schularten Hoffnungen. Manche fürchten aber, dass sich ihre Lage sogar noch verschlimmert.

Entscheider/Institutionen: Annika Grah (ang)

Noch ist das Debakel um die plötzlich aufgetauchten 1440 Lehrerstellen in Baden-Württemberg nicht gänzlich verdaut, da keimen bei manchen Verbänden und Gewerkschaften schon die Hoffnungen. Die zusätzlichen Stellen so die Forderung, müssten genutzt werden, um an manchen Schularten akute Probleme zu mildern. „Aus diesem Skandal muss sofort das Beste gemacht werden und die gute Nachricht für die Schulen muss sofort spürbar werden“, sagte die Vorsitzende Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Monika Stein.

 

Datenpanne vor 20 Jahren

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass in den Systemen in der Kultusverwaltung 1440 Lehrerstellen fälschlicherweise als belegt ausgewiesen worden waren, obwohl sie frei sind. Das Kultusministerium macht einen Datenfehler aus dem 2005 dafür verantwortlich. Die Zahl der falsch ausgewiesenen Stellen sei über 20 Jahre kontinuierlich gestiegen. Die Stellen sollen nun laut Kultusministerium möglichst umgehend besetzt werden. Geplant ist, sie auf Grundschulen, Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), beruflichen Schulen und in der Sekundarstufe 1 – abseits von Gymnasien – zu verteilen. Außerdem soll die Krankheitsreserve aufgestockt werden.

Vor allem in den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren hofft man, dass sich die Situation dadurch maßgeblich bessern könnte. Laut GEW sind dort bereits jetzt landesweit 1300 Stellen nicht besetzt. Das Problem droht sich im kommenden Schuljahr noch zu verschärfen. Die Schulverwaltung habe viele Schulen informiert, dass die Vergabe von befristeten Verträgen für das kommende Schuljahr gestoppt werde. Damit, so fürchtet die GEW, zeichne sich die womöglich schlechteste Unterrichtsversorgung seit Jahren ab. Nach den Worten des stellvertretenden GEW-Vorsitzenden Michael Hirn, der gleichzeitig Geschäftsführender Schulleiter der SBBZ in Stuttgart ist, wird schon Vier-Tage-Wochen oder Wechselunterricht nachgedacht.

Kultusministerin Theresa Schopper ( Grüne) will das Debakel aufklären. Foto: Marijan Murat/dpa

In einem Brief appellierte die GEW deswegen Anfang Juli an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), für Abhilfe zu sorgen. Die befristeten Vertretungslehrer, die nach den Ferien nicht weiterbeschäftigt würden, so die Befürchtung, könnten sich komplett aus dem Schuldienst verabschieden. Nun ist die Hoffnung, dass sich das Problem über die zusätzlich im Kultusministerium entdeckten Stellen abmildern lässt. Denn die neuen Studienplätze, die das Kultusministerium in dem Bereich geschaffen hat, so Michael Hirn, würden nicht vor 2030 wirken. Aus dem Kultusministerium heißt es nun zuversichtlich: „Diese Thematik ist damit gelöst.“

Die neu entdeckten Stellen könnten auch für die Gymnasiallehrer bereit stehen, von denen das Kultusministerium bereits angekündigt hat, dass sie – zumindest übergangsweise – an anderen Schularten eingesetzt werden müssen. Wegen des Wechsels zu G9 werden an den Gymnasien zunächst weniger Lehrerinnen und Lehrer benötigt, weil der Lehrplan in den unteren Klassen entzerrt wird. Das stößt vor allem bei jungen Lehrern nicht auf Gegenliebe. Die Jungen Philologen (JuPhis) Baden-Württemberg fürchten, dass sich immer mehr Lehrkräfte umorientieren und dem System den Rücken kehren. „Unsere Nachwuchslehrkräfte haben jahrelang alles gegeben und stehen jetzt vor einer ungewissen Zukunft, obwohl an allen Ecken und Enden Lehrkräfte gebraucht werden“, sagte Stefanie Schrutz, Landesvorsitzende der JuPhis, am Donnerstag.

Schulen freier Träger haben große Sorgen

An den Schulen in freier Trägerschaft gibt es indessen eine ganz andere Sorge. Dort sind gerade erst die Verträge mit den Lehrkräften für das kommende Jahr unter Dach und Fach gebracht worden. Lehrerinnen und Lehrer, die keinen Platz im staatlichen Schuldienst finden, kommen an Privatschulen unter. „Wir fürchten, dass Lehrkräfte vom Land mit der Verbeamtung weggelockt werden“, sagt Christina Metke, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen in Baden-Württemberg. Das wäre nach ihren Worten kurz vor den Sommerferien ein Super-GAU für die Schulen in freier Trägerschaft.

Im politischen Raum wird indessen der Ruf nach Aufarbeitung laut. SPD und FDP beantragten eine Sondersitzung des Bildungsausschusses schon kommende Woche. „Die grün-geführte Landesregierung steht in der Pflicht, dem Parlament unverzüglich Rede und Antwort zu stehen“, sagte FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. „Sollte sich der Verdacht auf strukturelles Versagen erhärten, schließen wir die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses nicht aus.“ Auch der bildungspolitische Sprecher der SPD, Stefan Fulst-Blei, sieht Aufklärungsbedarf: „Offensichtlich hat auch niemand bemerkt, dass jedes Jahr rund 120 Millionen Euro nicht für die veranschlagten Stellen abgeflossen sind“, sagte er. „Es hat an ausreichend wirksamen Kontrollmechanismen gemangelt – das muss sich in Zukunft ändern.“

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