Freie Tanz- und Theaterszene Im Wasserspeicher wird eine rauschende Flut herbeigetanzt
Zum Abschluss des Current-Festivals taucht die Freie Tanz- und Theaterszene Stuttgart mit Performances im historischen Wasserspeicher ab.
Zum Abschluss des Current-Festivals taucht die Freie Tanz- und Theaterszene Stuttgart mit Performances im historischen Wasserspeicher ab.
Tot? Schlafend? Die rund 20 Menschen, die vorsichtig die schmale Treppe zum denkmalgeschützten Wasserspeicher im Stuttgarter Osten hinabsteigen, blicken ins Stockwerk tiefer. Auf dem Stahlgitter zwischen dem Riesenrohrwerk liegt rücklings eine Frau im weißen Wickelgewand. Die Knie, eines mit silbernem Schutz, zur Seite gedreht, den Kopf zur anderen; die Arme vom Körper gestreckt, in einer Hand ein Megafon.
Während noch gestaunt wird, platzieren sich die Schauspielerinnen Maite Román und Vittoria Mensah vor einem grünen Schaltschrank, steigen in Taucheranzüge und klären auf, in Deutsch, Spanisch, mit Fotos. Románs guter Freund und Landsmann, Fernando Garfella Palmer, lebt nicht mehr. Der mallorquinische Taucher, Dokumentarfilmer und Umweltaktivist tat am 9. August 2020 seinen letzten Atemzug; an einem Ort, den er liebte und für dessen Schutz er kämpfte: im Mittelmeer, vor der Westküste seiner Heimatinsel in etwa 70 Metern Tiefe. „Wir haben ihn in einer Zeremonie mit weißen Blüten verabschiedet“, so Román.
„El último respiro“ heißt denn auch ihr Stück, das sie nun mit dem Citizen.Kane.Kollektiv zum Abschluss des Current-Festivals im historischen Wasserspeicher zeigen. In den unterirdischen Hallen erforschen zwei Gruppen der Freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart (FTTS) drei Tage lang das Thema „Luft“. Es ist zugleich Motto des transdisziplinären Festivals „Current – Kunst und urbaner Raum“, mit dem die FTTS kooperiert.
Und der Tauchgang durch das Säulenmeer des Reservoirs, auf den Regisseur Christian Müller und das Citizen.Kane.Kollektiv mitnehmen, vereint als Collage aus Erzählung, Bewegung, Klang und Installation mehrere Zeitebenen. Da treffen Palmers Unterwasseraufnahmen auf ein Mallorca-Handtuch, bezirzende Sirenen auf Männer, die sich klopfend aus einem Zellophangefängnis zu befreien suchen. Dort projiziert die Frau mit dem Megafon – Ida Liliom entpuppt sich als griechische Göttin Athena – Sätze aus der Odyssee über die kathedralartige Decke, lockt mit Klangtrommel zum Trauergang über goldene Rettungsdecken zur Riesenklangschale voll weißer Blüten. Dahinter laden Performer Maximilian Sprenger und Sounddesigner Nikita Gorbunov mit Gitarre zum spanisch-melancholischen Abgesang.
Angesichts der Postkarten, die zwischen anderen Säulen in Folien klemmen, kein Wunder. Darauf „euer Hans“, der 1932 seinen Eltern freudig von einer NSDAP-Außengründung schrieb; und „David“, der 1938 schildert, wie unter dem spanischen Diktator Franco Menschen verschwinden. Der letzte Atemzug bewegt nicht nur als Hommage an Fernando Garfella Palmer, er ist auch aufrührend aktuell. Die Unterwassertour von den Mythen der Antike bis heute zeigt, wie die Dinge verwoben sind und als Echo wiederkehren.
Ebenso emotional und poetisch präsentiert sich danach „Expiration“. Lyriker Bobby Sayyar spürt mit den Tanzschaffenden Donya Ahmadifar, Jens Kuhlmann und Nam Nguyen The der Luft als Lebensquelle und Spiegel des Inneren nach – das Dunkel einer tieferen Kaverne raffiniert nutzend. Lautes Ausatmen und Lichtkegel geistern durch Rundbögen und Gänge, rauben die Orientierung. Bis sich Sayyar aus dem Schwarz löst, über die Quelle des Lebens skandiert, zum Folgen des „Flusses“ auffordert. Worte, die quer durch den Raum widerhallen.
Sie erwecken die drei Tanzenden, in starkem Gegenlicht vereinzelt harrend. Als Gruppe tasten und zucken sie sich in Street Dance-Bewegungen, springen, drehen, klopfen hart auf ihre Torsi, bis rhythmisches Atmen und Körperklopfen in der Kaverne zum undefinierbaren Rauschen einer heranrasende Flut anschwellen. Zeit zum Runterkommen –Sayyar rezitiert über Vereinnahmen und Festhalten, Loslassen und Abgeben – bis alle ihren Platz finden, Ruhe eintritt. Applaus? Zu laut in diesem faszinierenden, auch beängstigenden Ort unter der Erde. Man steigt so verzaubert wie nachdenklich nach oben. Current – das bedeutet nicht nur Strom, sondern auch gegenwärtig. Mit solchen Festivals im Jetzt aufzurütteln, um vom Vergangenen für das Künftige zu lernen, das ist nötiger denn je.
Termin
Weitere Vorstellungen am Samstag, 26. Juli, um 16, 18.30 und 20.15 Uhr. Am Sonntag, 27. Juli, um 15, 17.30 und 19.15 Uhr. Sie dauern jeweils eine Stunde und finden in geführten Gruppen statt. Bei freien Plätzen ist der Verkauf von Restkarten an der Abendkasse (nur Barzahlung) möglich.
Ort
Der Zugang zum Wasserspeicher ist im Daniel-Stocker-Weg 15a; die Führungen sind nicht barrierefrei, erfordern Trittsicherheit, Stehvermögen und wärmende Kleidung.