Freigängerheim Ludwigsburg Wie lebt es sich zwischen Gefangenschaft und Freiheit?

Rolf Wagner verbringt die letzten Monate vor seiner Entlassung im Freigängerheim in Ludwigsburg. Ein markantes Detail: In den oberen Stockwerken sind die Fenster nicht mehr vergittert. Foto: Kathrin Klette

Ein Gefangener berichtet von seinen Erfahrungen im Freigängerheim Ludwigsburg. Hier erhält er die Chance, sich auf das Leben in Freiheit vorzubereiten.

Bald geht es nach Hause für Rolf Wagner (Name von der Redaktion geändert). Aller Voraussicht nach zum 1. Mai. Danach kann er wieder gehen, wohin immer er möchte. In seiner Zeit im Gefängnis hat der rund 50-Jährige gelernt, dass das nicht selbstverständlich ist.

 

Dort ist er zwar schon seit einiger Zeit nicht mehr. Ein freier Mann ist er deshalb noch lange nicht. Seit Mai 2025 ist er im Freigängerheim in Ludwigsburg untergebracht.

Verspätungen und Alkohol sind tabu

Das Freigängerheim ist eine Außenstelle der Justizvollzugsanstalt in Heimsheim und befindet sich direkt an der B27. Von hier aus fährt Rolf Wagner jeden Morgen zur Arbeit, muss seine Unterkunft und sein Essen wie jeder andere auch von seinem eigenen Geld bezahlen. Am Wochenende besucht er seine Familie.

Was sein Leben von dem anderer unterscheidet: Pünktlich jeden Abend muss er wieder in der Einrichtung in Ludwigsburg sein. Verspätungen sind absolut tabu, sofern sie keinen unabwendbaren Grund haben. Auch Alkohol ist streng verboten, getestet wird regelmäßig. Wer sich daran nicht hält, landet direkt wieder im Knast. Von einem Leben an der Grenze zwischen Gefangenschaft und Freiheit.

„Es fing erst harmlos an, ein Kollege musste aus seiner Wohnung und fragte, ob er ein paar Sachen bei mir unterstellen kann“, erinnert sich der Vater, der damals schon von seiner Familie getrennt lebte. Diese „Sachen“ bestanden allerdings nicht nur aus Möbeln und harmlosem Inventar, „sondern es waren auch Drogen und eine Waffe dabei“.

Statt die Polizei zu rufen, bat er seinen Bekannten zunächst nur, die Dinge aus seiner Wohnung zu schaffen. „Kurze Zeit später stand die Polizei vor der Tür. Und dann kam das böse Erwachen.“ Rolf Wagner wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt wegen Beihilfe zum bewaffneten Drogenhandel.

Die Zeit im Gefängnis vergeht schleichend langsam. Trotzdem kommt Rolf Wagner gut zurecht, wie er erzählt, arbeitet zum Beispiel in der JVA-eigenen Schlosserei. In Gesprächen mit Mitarbeitenden arbeitet er seine Tat auf.

Seinem Verhalten und der guten Prognose ist es zu verdanken, dass er nach nicht ganz zweieinhalb Jahren eine vorzeitige Entlassung in Aussicht gestellt bekommt. Die Zeit bis dahin soll er im Freigängerheim verbringen, wo er sich zugleich bewähren und den normalen Alltag wieder neu „lernen“ kann.

„Darum geht es beim Strafvollzug, die Menschen nicht nur zu verwahren, sondern dafür zu sorgen, dass sie nach ihrer Entlassung nicht mehr straffällig werden und ihren Weg zurück in die Gesellschaft finden“, erklärt Heiko Beßler, Pressesprecher der JVA Heimsheim. Das sei immer der beste Opferschutz.

Die Weichen dafür würden bereits im Gefängnis gestellt – für alle, die bereit sind, sie anzunehmen. Das Freigängerheim ist ein weiterer Baustein der Resozialisierung. Dort hinzukommen ist aber kein Automatismus, nur weil man bald entlassen wird. Es ist ein Privileg, das man sich als Gefangener verdienen muss, und gleichzeitig eine große Herausforderung, der sich nicht jeder gewachsen fühlt.

„Es gibt durchaus Gefangene, die das nicht möchten und ihre Zeit lieber im Gefängnis absitzen möchten“, so Beßler. „Diese kurzen Momente der Freiheit, einkaufen, ein Wochenende bei der Familie, ständig diese ,Karotte‘ vor der Nase zu haben und dann abends doch wieder ins Heim zurückzumüssen – es gibt Menschen, die kommen damit nicht klar.“ Wer sich aber dafür entscheidet, erhält mit der Zeit im Freigängerheim eine wichtige „Starthilfe“.

Im Gefängnis funktioniert alles automatisch

„Im Gefängnis wird fast alles für einen erledigt, waschen, kochen, Geld einteilen. Das funktioniert alles automatisch“, erklärt Heiko Beßler. Gleichzeitig handle es sich bei vielen Gefangenen um Menschen, die bereits vor ihrer Inhaftierung keinen geregelten Alltag hatten und einen falschen Weg eingeschlagen haben.

Eine sinnvolle Freizeitgestaltung, Behördengänge, selbst ganz profane Bezahlvorgänge, all das könne zur Hürde werden. „Und je länger jemand im Gefängnis ist, desto schwieriger wird es, in einen geregelten Alltag zurückzufinden. Wenn man sich vorstellt: Jemand kommt ins Gefängnis als Besitzer eines Nokia-Handys und befindet sich plötzlich im Zeitalter der Smartphones.“

Auch für Angehörige sei die Rückkehr der Männer eine Umstellung. Wenn jemand nach Jahren, manchmal nach Jahrzehnten plötzlich wieder Teil des Familienalltags wird, könne das sehr schwer werden für alle Beteiligten. Die Zeit im Freigängerheim biete hier schrittweise einen Übergang.

So lange war Rolf Wagner zwar nicht von zu Hause weg, seine Chance durch das Freigängerheim weiß er dennoch zu schätzen. „Das wäre schon ein großer Unterschied gewesen, wenn ich nach dem Gefängnis einfach so vor der Tür gestanden wäre nach dem Motto: Schau, wie du zurechtkommst. Klar gibt es hier strenge Regeln und Grenzen, aber nach dem Gefängnis ist das für mich ein guter Übergang.“

Dass er seine Familie von hier aus deutlich öfter sehen kann, ist für Rolf Wagner ein großer Gewinn. Seine neue Lebensgefährtin wohnt in der Gegend, ebenso seine Eltern, zu denen er ein enges Verhältnis hat. Auch für sie war die Zeit nicht leicht. „Vor allem meine Mutter war gar nicht ,amüsiert‘“, formuliert er es vorsichtig. „Da kamen natürlich oft die Vorwürfe: Warum hast du das gemacht? Aber zum Glück haben wir es überwunden und wieder zusammengefunden.“

„Ich weiß, dass ich selber schuld bin“

Rückblickend würde Rolf Wagner vieles anders machen. „Ich weiß, dass ich daran selber schuld bin, was passiert ist, den Schuh muss ich mir anziehen“, resümiert er. „Ich habe mir damals zu wenige Gedanken gemacht. Heute wäre ich nicht mehr so blauäugig.“

Für den Moment möchte er aber lieber nach vorne schauen. Vor Kurzem hat er wegen Betriebsaufgabe den Arbeitgeber gewechselt und arbeitet jetzt in einer Tankstelle, die näher an der Wohnung seiner Freundin liegt. „Da werde ich erst mal weitermachen“, sagt er und ergänzt zufrieden: „Das erste aber, was ansteht, sobald ich draußen bin, ist Urlaub.“

Im Freigängerheim habe man nur geringe Ausgaben, so habe er etwas zur Seite legen können. Und wohin geht’s? „Auf die Kanarischen Inseln.“ Die Vorfreude darauf ist ihm mit jedem Wort deutlich anzumerken. Im Gefängnis sei die Familie natürlich das, was einem am meisten fehlt, sagt er. „Aber abgesehen davon ist es das, was für andere Menschen ganz alltäglich ist: Frei zu sein und sich frei bewegen zu können.“

Freigängerheim in Ludwigsburg

Was ist das?
Das Freigängerheim in Ludwigsburg existiert seit Mitte der 1980er Jahre und bietet Platz für bis zu 42 Gefangene beziehungsweise Freigänger, oft sind aber nicht alle Plätze besetzt. Sieben Vollzugsbedienstete arbeiten dort. Die Einrichtung dient der Resozialisierung und soll ausgewählten Gefangenen vor der Entlassung den Übergang in ein Leben in Freiheit erleichtern – immer mit dem Ziel, dass die Betreffenden nicht mehr rückfällig werden.

Wer lebt dort?
Wer sich für das Freigängerheim eignet, wird vorher genau geprüft. Voraussetzungen sind unter anderem eine gute Prognose – also keine schwer Drogenabhängigen zum Beispiel –, eine familiäre Anbindung und ein Job. Wer noch keinen gefunden hat, bevor er dort einzieht, hat dafür eine Woche Zeit, ansonsten geht es zurück in die JVA. Sexualstraftäter dürfen grundsätzlich nicht in die Ludwigsburger Einrichtung.

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