Wachsende Lieferengpässe: Im Sortiment der Apotheken gibt es immer häufiger Lücken. Foto: picture alliance/dpa
Auch in Stuttgarter Apotheken wächst der Ärger: Das E-Rezept-System ist häufig von Ausfällen geprägt. Lieferengpässe bei Medikamenten haben wieder zugenommen.
Die Abläufe in den Apotheken waren auch schon mal einfacher. Dass der Kunde wie früher das Papierrezept über die Theke reicht oder heute sein Versichertenkärtchen und kurz darauf sein Medikament ausgehändigt bekommt, das ist zwar zu allermeist auch heute noch so. Aber die Zahl der Fälle, bei denen es nicht so komplikationslos vonstatten geht, die wächst.
Das hat zum einen mit der großen Zahl von zumindest zeitweise nicht lieferbaren Medikamenten zutun. Beispiel Europa Apotheke an der Königstraße. „Seit drei Wochen versuche ich, ein Rheumamittel herzukriegen“, sagt Inhaberin Martina Graeff, bisher vergeblich. Das Präparat enthalte einen für die Patienten „lebenswichtigen Wirkstoff“, erklärt die Apothekerin die Dringlichkeit ihrer Suche nach Alternativen. Die sollte man eigentlich finden können, schließlich gibt es das Medikament von sieben Herstellern. Aber: Fehlanzeige.
Das gilt nicht nur für eine kleine Zahl von Arzneimitteln. „Viele Medikamente sind nicht lieferbar, das geht quer durch die Bank“, sagt Ann-Kathrin Schmidt von der Passagen-Apotheke im Stuttgarter Osten. Zwar finde man für viele dann doch eine Alternative, aber das sei keineswegs immer der Fall. Das ist für Patienten, die auf Präparate eingestellt und angewiesen sind, schwierig. So sei etwa ein Psychopharmakon gegen Depressionen und Schizophrenie mit einer langen Wirkungszeit seit Längerem einfach „nicht zu bekommen“.
Bei Vanessa Ehsani ist das nicht anders. So genannte „Defekte“, wie die nicht lieferbaren Medikament genannt werden, habe man „jeden Tag mehrere“, erzählt die Inhaberin der Alten Apotheke in Untertürkheim. Das bedeutet, dass die Beschäftigten in den Apotheken deutlich mehr Arbeit haben. Zunächst muss man klären, ob es den Wirkstoff vielleicht in einer anderen Darreichungsform gibt. Oder von einem anderen Hersteller. Aber schon diese Suche kann schwierig werden. Hat die Kasse des Kunden mit einem Hersteller einen Rabattvertrag, ist der Wechsel nicht so einfach. Und der schwierigste und aufwendigste Fall: Kann und muss man auf einen anderen Wirkstoff umsteigen? Rücksprachen mit den Arztpraxen, die bekanntlich nicht immer so einfach telefonisch erreichbar sind, werden nötig. „Patienten, die eine Dauertherapie erhalten und die eingestellt sind, kann man nicht einfach umstellen“, sagt Vanessa Ehsani.
Dieses Hin und Her birgt für die Apotheken auch Risiken. Immer wieder monieren Krankenkassen solche Umstiege und bezahlen die Medikamente dann nicht. Im Schnitt bleibe sie im Monat auf etwa 400 Euro sitzen wegen solcher Vorgänge, sagt Apothekerin Martina Graeff. Vanessa Ehsani schätzt, dass „jede Apotheke mit einigen hundert Euro im Monat“ von Abzügen betroffen ist, wenn sie „von der Normbelieferung abweicht“.
Dass eine solche aufgrund von Lieferengpässen bei Medikamenten immer häufiger vorkommen, zeigen Zahlen. Nach Angaben des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg wurden Ende 2022 noch 280 Lieferengpässe gemeldet, im Frühjahr 2023 waren es 470, Anfang dieser Woche lag der Wert dann schon bei 533. „Das ist ein stetiger Anstieg, es werden immer mehr“, erklärte eine Sprecherin des Landesverbands.
Und das ist nicht der einzige Grund, warum der Frust von Patienten und Apothekern wächst. Auch eineinhalb Jahre nach der verbindlichen Einführung des E-Rezepts funktioniert das System noch immer nicht störungsfrei. Die Apothekerverbände beklagen, dass die Technik nach wie vor „öfter ausfällt oder instabil läuft“, kritisiert Thomas Preis, der Chef der Bundesvereinigung der Apotheker. Das habe gravierende Folgen für viele Patienten wie für die Apotheken.
Allein in den vergangenen beiden Wochen sei es „an fünf Tagen zu Komplettausfällen oder erheblichen Beeinträchtigungen im E-Rezept-System gekommen“, so Preis. „Jedes Mal sind Zehntausende Patienten betroffen. Diese Unzuverlässigkeit ist nicht hinnehmbar“. In einem Schreiben an das Bundesgesundheitsministerium hat der Bundesapothekerverband kürzlich „auffällige“ Verschlechterung moniert. Daten wiesen „für Apotheken lediglich 56 Prozent stabil laufende Anwendungen“ aus. Neben den Problemen, die für Patienten dadurch entstehen, führe dies in Apotheken auch zu teils „erheblichen finanziellen Schäden“.
Stundenweise ist das E-Rezept-System gestört
„Das kommt immer wieder stundenweise vor“, erklärt Apothekerin Vanessa Ehsani. Die betrieblichen Abläufe seien dadurch „sehr gestört“. Für die Patienten sei das sehr ärgerlich, für die Apotheke bedeute es immer wieder erhebliche Umsatzverluste. Die Lieferfahrten nähmen stark zu. Wobei es auch „recht häufig“ vorkommt, wie Ann-Kathrin Schmidt erzählt, dass der Kunde mit seiner Versichertenkarte in der Apotheke steht und man feststellt, dass das Rezept vom Arzt noch nicht auf die Karte gebucht wurde. „Es wäre gut, wenn das immer gleich freigegeben werden würde“, findet die Apothekerin.
Derweil nimmt die Zahl der Apotheken in Baden-Württemberg weiter ab, wie die Sprecherin des Landesverbandes erklärt. Ende 2024 gab es noch 2152, Ende Juni waren es noch 2101 Apotheken im Land, das sind rund zweieinhalb Prozent weniger.