Frust über Rechnungen Neue Stromregeln nerven Mieter und Vermieter in Stuttgart

Wer die neuen Stromregeln beim Umzug nicht auf dem Schirm hat, riskiert zusätzliche Rechnungen. Foto: IMAGO/MiS

Neue Regeln beim Stromanbieterwechsel bringen Mieter und Vermieter in Stuttgart auf die Palme. Der Energieversorger EnBW räumt ein, dass nicht alles reibungslos läuft.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

15,22 Euro. Dann noch einmal 20,42 Euro. Keine großen Beträge – und doch der Beginn eines monatelangen Ärgers. Ulrike Benz aus Stuttgart versteht zunächst nicht, warum sie plötzlich mehrere Stromrechnungen für eine Wohnung bezahlen soll, die längst neu vermietet ist. Erst ein Anruf bei der EnBW bringt Klarheit – und eine Erkenntnis, die viele Mieter und Vermieter offenbar noch nicht kennen.

 

Denn seit Juni 2025 gelten neue bundesweite Vorgaben der Bundesnetzagentur. Strom kann nicht mehr rückwirkend angemeldet werden. Früher konnten Mieter bis zu sechs Wochen nach dem Einzug einen Vertrag abschließen, der rechtlich so behandelt wurde, als hätte er am Tag des Einzugs begonnen.

Die teure Grundversorgung ließ sich so komplett umgehen. Seit dem 6. Juni 2025 ist das nicht mehr möglich. Wer den Vertrag nicht taggleich abschließt, rutscht automatisch in die Grundversorgung – und die Rechnung fällt an.

Ein Mieterwechsel, drei Rechnungen

Ulrike Benz und ihr Mann, beide Anfang 60, vermieten ein Appartement in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg). Die Vormieterin zog Ende März aus, die Wohnung blieb wegen Reparaturen bis 1. Juni leer. „Wie wir es gewohnt sind, waren wir in der mieterlosen Zeit die Ansprechpartner der EnBW als Kunde. Es wurden Abschlagszahlungen vereinbart, die wir auch geleistet haben“, sagt Benz.

Mit dem Einzug des neuen Mieters begann die Verwirrung. Zunächst kam eine Korrekturrechnung für die leer stehende Zeit. Kurz darauf folgte eine weitere Abrechnung für Anfang Juni. Benz zahlte – in der Annahme, der neue Mieter habe schlicht ein falsches Datum angegeben. Im November dann die nächste Rechnung: wieder Stromkosten, wieder für einen Zeitraum nach dem Einzug.

EnBW-Rechnungen sorgen für Unmut

Erst beim Anruf im EnBW-Kundencenter wird klar: Der neue Mieter hatte seinen Vertrag erst Ende Juni abgeschlossen. Die Tage dazwischen fielen in die Grundversorgung – und weil kein neuer Vertrag gemeldet war, liefen die Kosten zunächst über die Vermieterin, die sie nun auf den Mieter umlegen kann – zusätzlicher Aufwand.

„Ich hatte sofort eine kompetente Dame am Telefon“, berichtet Benz. Auf ihre Frage, woher man das wissen solle, habe die Mitarbeiterin geantwortet, „dass es gefühlt niemand weiß und dass sie im Kundencenter der EnBW andauernd mit Menschen telefonieren müssen, die deshalb verärgert sind. Es wäre auch für sie ein riesiges Ärgernis.“

Wer beim Einzug nicht taggleich einen Stromvertrag abschließt, fällt automatisch in die teure Grundversorgung. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie

Ohne auf den konkreten Fall einzugehen, erklärt die EnBW ganz grundsätzlich: Bei einem Mieterwechsel sei der Vermieter in der Pflicht, den Aus- oder Einzug zu melden. Üblicherweise werden bei der Schlüsselübergabe Zählerstände abgelesen und gemeldet. Erst dann kann der Strom eindeutig dem neuen Nutzer zugeordnet werden.

In Kornwestheim ist die EnBW Grund- und Ersatzversorgerin. Wäre der neue Mieter zum 1. Juni angemeldet worden, hätte die Grundversorgung direkt auf ihn übergehen können. Bis zum 5. Juni wäre sogar noch ein rückwirkender Anbieterwechsel möglich gewesen – danach nicht mehr.

Frust kommt im EnBW-Kundencenter an

Der Ärger betrifft nicht nur Kunden. Die EnBW räumt ein, dass die Umstellung enorme Ressourcen bindet. „Seit der sogenannten Formatumstellung treten bei der EnBW vermehrt Fälle auf, die manuell geklärt werden müssen“, heißt es. Zwar habe man Schulungen durchgeführt und den Kundenservice aufgestockt, doch der erhoffte Automatismus greift noch nicht überall.

Hintergrund ist die sogenannte Marktkommunikation – der standardisierte Datenaustausch zwischen Marktteilnehmern wie Stromlieferanten, Netzbetreibern und Messstellenbetreibern. Läuft dieser Austausch nicht sauber, bleiben An- und Abmeldungen hängen. „In wenigen Einzelfällen ist eine Klärung mit anderen Marktteilnehmern so zeitaufwendig, dass es zu spürbaren Verzögerungen bei Kundenwechseln kommt“, so die EnBW.

Stuttgarter Vermieterin: Ärger über bürokratischen Aufwand

Das Unternehmen spricht offen von „erheblichen Mehraufwänden“. Gleichzeitig betont es, die Reform grundsätzlich zu begrüßen: Sie solle Prozesse langfristig beschleunigen und die Energiewelt digitaler machen. Kurzfristig zeigt sich jedoch ein anderes Bild – mehr Rückfragen, mehr Rechnungen, mehr Frust.

Für Ulrike Benz bleibt vor allem Unverständnis. „Welcher Mensch, der gerade umzieht, denkt daran, den Strom einige Tage vorher anzumelden?“, fragt sie. Zumal man den Zählerstand oft erst bei der Übergabe kennt.

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