Fünf Jahre Raupe Immersatt In diesem Stuttgarter Café entscheiden Gäste selbst über Preise

Erfreut sich großer Beliebtheit: Am Hölderlinplatz in Stuttgart ist seit fünf Jahren Deutschlands erstes Foodsharing-Café. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Es war das erste Foodsharing-Café in Deutschland. Nun wird die Raupe Immersatt im Stuttgarter Westen fünf Jahre alt. Es dient als Vorbild in anderen Städten.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Die häufigste Frage, die das Barpersonal in der Raupe Immersatt gestellt bekommt, lautet: „Ist das jetzt okay so?“ Denn in dem Café im Stuttgarter Westen entscheiden die Gäste selbst, wie viel sie für ein Getränk bezahlen. Manche geben 50 Cent für einen Cappuccino, manche 50 Euro, berichtet Maximilian Kraft, eines der Gründungs- und Vorstandsmitglieder.

 

Mitarbeitende wollen gegebene Beträge nicht bewerten

Weil die Frage so oft kommt, ob der gegebene Betrag „okay“ sei, hat das Team zwei Dinge gemacht: Einerseits haben sie Richtpreise ermittelt. Auf Nachfrage teilen sie den Gästen mit, wie viel sie für einen Cappuccino oder ein Glas Wein im Schnitt einnehmen müssen, damit sie sich finanzieren können.

Andererseits haben sie entschieden, dass sie die Frage nicht beantworten, ob ein Betrag okay sei. „Wir wollen das nicht bewerten“, erklärt Katrin Scherer, ein weiteres Vorstandsmitglied. Jeder solle so viel geben, wie es ihm wert sei: „Wer mehr zahlen kann, ermöglicht anderen die Teilhabe“, so Scherer. Eigentlich sei es schade, dass die meisten Gäste sich an den üblichen Gastronomiepreisen orientierten, findet sie.

Fünf Jahre Raupe Immersatt: Das Team feiert. Die Frau im blauen Top ist Katrin Scherer, der Mann hinten in der Mitte mit weißem T-Shirt ist Gründungsmitglied Maximilian Kraft. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Als die „Raupe“ vor fünf Jahren in das ehemalige Café Heilignüchtern am Stuttgarter Hölderlinplatz zog, hätten sie nicht darüber nachgedacht, dass das „mal solche Ausmaße annimmt“, sagt Maximilian Kraft. Am Anfang hätten sie im Team sieben Tage pro Woche gearbeitet: Sechs Tage lang hatten sie geöffnet, am siebten Tag hielten sie Besprechungen ab. Dann kam Corona und es gab Zeit, zu reflektieren. Sie erstellten Leitlinien für den Service, professionalisierten sich, bildeten sich weiter. „Wir sind erwachsen geworden“, sagt Maximilian Kraft.

Andere Städte haben sich aus Stuttgart etwas abgeschaut

Auch bieten sie inzwischen regelmäßig Workshops für Schüler und FSJ’ler sowie FÖJ’ler an. Und sie haben ein Netzwerk für Foodsharing-Cafés, also ähnliche Projekte, in ganz Deutschland gegründet und beraten andere Initiativen: Es gibt inzwischen Foodsharing-Cafés nach Stuttgarter Vorbild in unter anderem Freiburg, Karlsruhe, Freising (bei München) und seit Kurzem auch in Tübingen.

Das Café als „gesellschaftliches Experiment“

„Wir haben jedes Jahr Geburtstag gefeiert. Das lag auch daran, dass wir nie wussten, wie lange das hier noch gut geht“, sagt Maximilian Kraft. Und auch zum fünfjährigen Bestehen könne er keinen Plan für die kommenden fünf Jahre präsentieren. Klar sei aber: „Sobald wir am Preiskonzept etwas verändern wollen, beenden wir lieber das Projekt.“ Feste Preise würden nicht zu ihrem Konzept passen. Letztlich sei die „Raupe“ ein gesellschaftliches Experiment, „und wir sind nur der Austragungsort“.

Anlässlich des fünfjährigen Bestehens finden am Wochenende mehrere Veranstaltungen in der Raupe Immersatt statt, darunter Fermentier-Workshops, Konzerte und eine Wildkräutertour. Alle Infos stehen online unter www.raupeimmersatt.de.

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