In der Firma in St. Johann wurden die beiden toten Söhne gefunden. Foto: Michael Bosch
In Reutlingen, Pfullingen und dem kleinen Ort St. Johann auf der Schwäbischen Alb hat ein Vater mutmaßlich seine Familie ausgelöscht – und Suizid begangen. Eindrücke am Tag danach.
Die Tür zu dem Haus mit den rot gerahmten Fenstern ist mit zwei Holzkeilen und zwei großen Latten vernagelt. Die Polizei hat den Eingang versiegelt. Am Dienstagabend hat ein 63-Jähriger in seiner Firma im kleinen Ort St. Johann auf der Schwäbischen Alb mutmaßlich seine beiden 27 und 29 Jahre alten Söhne getötet. Sie wurden erschossen. Auch der Familienvater ist tot, ebenso seine 60 Jahre alte Schwester und seine 57-jährige Ehefrau.
Über dem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb liegt am Mittwochmittag dichter Nebel, Nieselregen mischt sich mit wenigen Schneeflocken. Der mutmaßliche Tatort liegt gleich am Ortseingang in einem kleinen Industriegebiet, die Rollläden sind teils heruntergelassen. Vor dem Haus parken ein Klein- und ein Geländewagen. In den umliegenden Betrieben wird normal gearbeitet.
„Hier oben war das? Gestern?“
„Ja, ich hab’s gehört“, sagt ein Mann, der direkt gegenüber beschäftigt ist. Ein Kollege aus der Nachtschicht habe die Polizei gesehen, da sei es noch dunkel gewesen. Wem die Firma gehört habe oder wer die Toten seien – „keine Ahnung“, sagt er. „Die hat man nie gesehen. Ich war überrascht, dass da überhaupt noch wer arbeitet.“ Auch ein Mann, der im Gebäude direkt unterhalb seiner Arbeit nachgeht, kann keine Auskunft über die Männer machen, die ums Leben gekommen sind. „Hier oben war das? Gestern?“, fragt er ungläubig.
Andere, die den Täter offenbar kannten, beschreiben ihn als sympathischen Mann. „Das hätte man ihm nicht zugetraut“, sagt etwa ein Nachbar aus dem Gewerbegebiet. Er habe das Auto des Täters hin und wieder vor dem Haus gesehen, auch die Söhne kenne er seit Jahren.
Eine versiegelte Tür am Haus der Familie in Pfullingen. Foto: Michael Bosch
Die Firma auf der Schwäbischen Alb ist nicht der einzige Tatort, den die Ermittler am Mittwoch untersuchen – die Leichen des Familienvaters und seiner 57-jährigen Frau, die nicht die leibliche Mutter der beiden Söhne ist, wurden im Wohnhaus in Pfullingen gefunden. Das Haus liegt in einer Wohngegend im Westen der Stadt. Es ist ein stattliches Gebäude am Hang, mit mehreren Zufahrtsmöglichkeiten und einem kleinen Turm.
Die Familie legte offenbar Wert auf Sicherheit, davon zeugen mehrere Alarmanlagen an der Fassade und Überwachungskameras, außerdem ein großes schmiedeeisernes Tor. Ein kleineres Gebäude hinter dem Haupthaus hat die Polizei am Mittwoch ebenfalls versiegelt. In der Garage wurden offenbar Löcher mit Brettern provisorisch vernagelt. Ob diese im Rahmen eines Spezialkommando-Einsatzes am Dienstagabend entstanden sind, ist unklar.
Dass das SEK da war, bestätigt die Polizei auf Nachfrage unserer Zeitung. „Wir mussten davon ausgehen, dass eine Schusswaffe im Spiel ist“, sagte ein Sprecher. Die mutmaßliche Tatwaffe fanden die Beamten neben dem toten Familienvater, auch seine Frau wies Schussverletzungen auf. Der 63-Jährige war Jäger, ob er die Waffe legal besaß, ist Teil der Ermittlungen.
SEK-Einsatz im Wohnhaus in Pfullingen
Die Nachbarin, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnt, hat den SEK-Einsatz mitbekommen. „Ja“, sagt sie, „jede Menge Polizei war da.“ Am Mittwoch führt sie ihren Hund im strömenden Regen an der Hecke vorbei, die das Haus abschirmt. Zu der Familie könne sie wenig sagen. „Die hat man selten gesehen, aber eigentlich haben die einen normalen Eindruck gemacht“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Dass die Familie nun tot sei, das habe sie „schockiert“. „Ich bin echt baff“, sagt die Frau, bevor sie ins Haus geht.
Man habe von dem Fall mitbekommen und sei über die Ausmaße und die Brutalität der Ereignisse tief betroffen, ließ Pfullingens Bürgermeister Stefan Wörner (parteilos) am Mittwoch mitteilen. Auch Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) zeigte sich bestürzt über die Geschehnisse. Der dritte Tatort liegt mutmaßlich im Reutlinger Stadtteil Betzingen, wo Keck Bezirksbürgermeister war, bevor er zum OB gewählt wurde. „Die Ereignisse von heute haben mich tief erschüttert. In unserer Stadt wurde ein Mensch Opfer dieser schrecklichen Tragödie, die im gesamten Landkreis fünf Leben gefordert hat“, sagte Keck gegenüber unserer Zeitung. Er sei „in Gedanken bei den Angehörigen und Freunden der Getöteten“. Was jetzt wichtig sei: „Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger darum, die Privatsphäre der betroffenen Familien zu respektieren und ihnen Raum für ihre Trauer zu lassen.“
Der mutmaßliche Tatort in Reutlingen. Foto: Thomas Kiehl
Die fünfte tote Person, die 60-jährige Schwester, wurde in einem Wohngebiet in dem Reutlinger Stadtteil gefunden. Ihre Todesursache gibt der Polizei bislang Rätsel auf. Anders als die anderen Opfer sei sie nicht durch Schüsse getötet worden. Eine Pflegekraft hatte die leblose Frau in deren Wohnung entdeckt und den Notruf gewählt – danach liefen die Ermittlungen an, und das ganze Ausmaß der Tat wurde nach und nach offenkundig. Auch der Verdacht gegen den Bruder der 60-Jährigen habe schnell im Raum gestanden, teilte die Polizei mit. In welcher zeitlichen Abfolge die Taten begangen wurden, ist bislang unklar. Wie die Leichen gefunden wurden, „spiegelt nicht unbedingt den Tathergang wider“, so eine Polizeisprecherin.
Schocknachricht verbreitet sich schnell
In der Straße in Reutlingen-Betzingen hat offenbar niemand etwas davon mitbekommen, was sich tags zuvor abgespielt hat. „Wo soll das gewesen sein? Hier bei uns in der Straße?“, sagt eine Frau, die sich gerade am Kofferraum ihres Autos zu schaffen macht. „Das ist ja schrecklich. Sowas kennt man ja nur aus dem Fernsehen“, sagt sie.
Die Schocknachricht verbreitet sich am Mittwoch relativ schnell – der direkt gewählte CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Donth für den Wahlkreis Reutlingen erreichte sie beim Mittagessen in Berlin. „Als ich die Nachricht gesehen habe, blieb mir die Luft weg“, sagte er unserer Zeitung. Er könne sich kaum vorstellen, was dahinter stecke, wenn jemand seine eigene Familie töte. Donth, der in Reutlingen verschiedene Ämter bekleidet hatte und eng mit der Region verwurzelt ist, wollte noch am Mittwoch mit der Reutlinger Stadtverwaltung telefonieren. Am Freitag kehrt er nach Reutlingen zurück, will aber keine öffentlichen Termine im Zusammenhang mit der Tat wahrnehmen, da so ein „Katastrophentourismus nicht seine Art“ sei. „Mein Mitgefühl gilt den Betroffenen“, sagt er.
Viele Fragen zu den fünf toten Personen sind noch offen. Die Staatsanwaltschaft Tübingen und die Kriminalpolizeidirektion Esslingen ermitteln wegen des Verdachts eines „innerfamiliären Tötungsdelikts“, es sei davon auszugehen, dass der Vater sich anschließend das Leben genommen hat. Hinweise auf einen Fremdtäter lagen laut Polizei nicht vor. Die Ermittlungen zum genauen Ablauf sowie zu den Hintergründen dauern an.
Sie haben suizidale Gedanken? Hier wird Ihnen geholfen
Wenn Sie selbst unter Depressionen leiden oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Es ist wichtig, dass Eltern, Verwandte und Freunde besonders aufmerksam sind, wenn bei Kindern oder Jugendlichen Anzeichen von Depressionen oder Suizidgefahr auftreten. Im Jahr 2023 war Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Menschen im Alter von 10 bis 25 Jahren.