Für den Leipziger Buchpreis nominiert Ein illegales Leben

Grab auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee: hier sollte die Schwester der Erzählerin ihre letzte Ruhestätte finden. Foto: IMAGO/Rolf Zöllner/IMAGO/Rolf Zöllner

Nur wenige Juden entgingen der Shoah in Verstecken rund um die ehemalige Reichshauptstadt Berlin. Um welchen Preis zeigt Esther Dischereit in ihrem für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman „Ein Haufen Dollarscheine“.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Das würde man sich vielleicht wünschen: eine Geschichte über jüdische Lebenswelten, in der das gute erinnerungskulturelle Gewissen mit einer überschaubaren Erzählung belohnt wird; in der sich die Vergangenheit in der Teilnahme an anrührenden Schicksalen bewältigen lässt, mit der Aussicht, sich dabei gleichzeitig des eigenen Empathievermögens versichern zu können. Aber diesen Gefallen verweigert Esther Dischereit, die in Deutschland zu den wichtigsten literarischen Stimmen unter den Nachkommen der Shoah-Überlebenden zählt.

 
Esther Dischereit Foto: picture alliance/dpa/Peter Ptassek

Sie wirft den Lesenden stattdessen „einen Haufen Dollarscheine“ vor die Füße. Und wenn sich der kleine Augsburger Maro-Verlag des gleichnamigen Romans nicht angenommen hätte, würde er vermutlich dort noch liegen. Denn eine erste Fassung des Manuskripts wurde bereits vor mehr als zehn Jahren mehreren Verlagen angeboten – und immer wieder abgelehnt. Nun ist der daraus hervorgegangene Roman zu Recht einer der heißesten Anwärter für den Leipziger Buchpreis.

Überschaubar ist hier erst einmal gar nichts angesichts der Verbrechen, die diese Familie auseinandergetrieben haben. Zur Form wird die Zeit. Aber die Zeit, um die es geht, ist keine die sich linear entwickelt, die beginnt und vergeht, sondern eine, deren natürliche Ordnung von den sich in ihr ereignenden Dingen in tausend Fetzen zerrissen wurde.

Einige davon sind die Dollarscheine, die die Tante lange Zeit von ihrem in den USA lebenden Großvater zugeschickt bekommen hat. Sie halten eine Verbindung aufrecht, die von dem Dissens in anderen Fragen, Vietnamkrieg, Rassismus, abgerissen wird. Weitere Schnipsel sind die amtlichen Formulare bundesrepublikanischer Behörden, in denen zur „Anmeldung von Ansprüchen gemäß des Gesetzes zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ der Nachweis geführt werden muss, wie durch das Leben in der „Illegalität“ ein „Körperschaden“ entstanden sei.

Ein Reichsbahnarbeiter als Retter

Illegalität – auch heute werden wieder Menschen mit diesem Begriff gezeichnet. Was sich aber hier in der kalten, sparsamen Sprache der Entschädigungsbürokratie bricht, ist ein Ausschnitt des Lebens von Hannelore Bradley und ihrer Mutter, Hella Freundlich, das sich aus unzähligen weiteren solcher Fragmente zusammensetzt. In den USA heiratet Hannelore einen afroamerikanischen Blues-Sänger, dessen Großmutter Native American war. Später lebt das Paar in Rom, während ihr Sohn, der Neffe jener Tante, in Berlin Mitglied einer orthodoxen jüdischen Gemeinschaft wird. „Klären Sie bitte, wer hier mit wem zusammenhängt“, sagt zu Beginn eine Stimme, die klingt wie aus einem jener Ablehnungsschreiben, die Esther Dischereits Roman zunächst zuteil wurden.

Doch wer hier mit wem zusammenhängt, müssen die Lesenden schon selbst klären. Sie sind Teil dieser Geschichte. Vor einigen Jahren hat Esther Dischereit eine Ausstellung über den Reichsbahnarbeiter Fritz Kittel kuratiert, der ihre Schwester und ihre Mutter während der NS-Zeit versteckt und beiden damit das Überleben ermöglicht hat. Hier begegnet man ihm wieder. Die Tante, die einen anderen Vater als Hannelore hat, kam erst nach Kriegsende auf die Welt, vieles hat sie mit der Autorin gemein, zumindest teilt sie sich die Verwandten mit ihr, die Überlebenden wie die Ermordeten.

Schutzlos verborgen

Die Recherche setzt sich im fiktionalen Raum fort. Und was sie zutage fördert, erscheint in der doppelten Optik von Tante und Neffe: Sie eine liberale Repräsentantin der Second Generation, er, ein genalogisches Glied weiter, Schwarz und orthodox. Die verschiedensten Identitäten und Zugehörigkeiten ordnen sich um die traumatische Leerstelle der Auslöschung. Um in der „Illegalität“ zu überleben nahmen Hella Freundlich die Mutter und ihre zu Beginn der lebensbedrohlichen Odyssee durch den Untergrund fünfjährige Tochter die unterschiedlichsten Namen an. Wenn die Familien, die ihnen Unterschlupf boten, sich vor Fliegeralarm im Bunker in Sicherheit bringen konnten, musste Hannelore in ihrem Versteck verharren, schutzlos den Angriffen preisgegeben

Nach dem Krieg wächst sie in Heppenheim an der Bergstraße auf, wo sie darauf dringt zu konvertieren, um wie ihre Mitschüler konfirmiert zu werden. Sie heiratet in den USA einen Mann, dessen Großmutter zum Stamm der Choctaw gehörte und der Lieder zur Befreiung der Palästinenser sang. Beider gemeinsamer Sohn wiederum muss seiner orthodoxen Sekte einen über mehrere Generationen reichenden jüdischen Abstimmungsnachweis erbringen. Was nicht einfach ist, da die Großeltern in einer Zeit, in denen eine jüdische Abstammung ein Todesurteil war, den israelitischen Stammbaum ihrer Eltern nicht bei sich hatten, als sie sich in Kellern verstecken mussten.

Als identitäres Satyrspiel der Shoah kehren Enteignungen und Reinheitsnachweise schließlich auch bei Hannelores Beerdigung wieder. Sie wollte auf dem jüdischen Friedhof in Berlin neben ihrem Vater bestattet werden. Dort haben mittlerweile Rabbiner aus Russland das Sagen, mit anderen Erfahrungen. Weil sie kein Gemeindemitglied ist, bleibt das Familiengrab leer. So ruht sie in Rom.

Doch da ist der Roman. Aus kleinen Steinchen fügt sich ein Bild zu ihrem Gedächtnis. Das Andenken umgibt die Stimmenmontage einer selbstgerechten Mehrheitsgesellschaft, die meint nun langsam doch genug Stolpersteine gelegt zu haben. Gegen diesen Schluss-Chorus der Scheinheiligkeit behauptet sich in seinem Einspruch das unveräußerliche Textgrab, dass Esther Dischereit der Schwester bereitet.

Esther Dischereit: Ein Haufen Dollarscheine. Roman. Maro Verlag. 312 Seiten, 24 Euro.

Info

Autorin
Esther Dischereit lebt in Berlin. Sie schreibt Prosa, Lyrik und Essays und ist Autorin von Theater- und Hörstücken. Mit „Joëmis Tisch. Eine jüdische Geschichte“ und „Übungen jüdisch zu sein“ wurde sie eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Zweiten Generation der Shoa-Überlebenden in Deutschland. 2009 erhielt sie den Erich-Fried-Preis. Als Professorin lehrte sie an der Universität für angewandte Kunst in Wien, 2019 als DAAD Chair in Contemporary Poetics an der New York University.

Termin
Am 27. März wird der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben. Neben Esther Dischereit sind in der Kategorie Belletristik nominiert: Christian Kracht, „Air“; Wolf Haas, „Wackelkontakt“; Kristine Bilkau, „Halbinsel“; Cemile Sahin, „Kommando Ajax“.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Roman