Fund in Cannstatter Stadtkirche Was steht im ältesten Dokument aus der Zeitkapsel von 1661?
Kurz vor Ende der Sanierung des Cannstatter Gotteshauses wurden acht Zeitkapseln in der Turmkugel entdeckt. Was stand in den Dokumenten? Erste Erkenntnisse.
Kurz vor Ende der Sanierung des Cannstatter Gotteshauses wurden acht Zeitkapseln in der Turmkugel entdeckt. Was stand in den Dokumenten? Erste Erkenntnisse.
Die Überraschung war groß, als Anfang Juni die Zeitkapseln in der Turmspitze der Cannstatter Stadtkirche entdeckt wurden. Noch ist die Gesamtkirchengemeinde an der Auswertung der darin enthaltenen Dokumente, wie Dekan Eckart Schultz-Berg berichtet. Ihn bewege dies sehr, seien sie doch eine unverfälschte Momentaufnahme eines ganz bestimmten Moments der Geschichte. Beispielsweise ein Brief aus dem Jahr 1904. „In dem wird uns gewünscht, dass wir diese Zeilen in Frieden lesen mögen.“ Wenn man wisse, dass zehn Jahre später der Erste Weltkrieg ausgebrochen sei, dann bestürze das. „Es macht uns auch nachdenklich, denn der Friede ist derzeit wackelig“, so Schultz-Berg. Die Zeitkapseln sind mittlerweile alle wieder in der Kugel. Wenn sie eines Tages wieder geöffnet werden, finden sich einige neue Dokumente darin.
So wurde nun aktuell ein gemeinsames Schreiben von Pfarrer Alexander Stölzle und Schultz-Berg eingelegt und ein Tagesschreiben vom 2. Juni 2025 von Oswald Dübgen, Vorsitzender der Gesamtkirchengemeinde und dem Dekan. „In unserem Schreiben haben wir der nachfolgenden Generation das Cannstatter Friedenslied „Gib uns Frieden jeden Tag“ (EKG 425) hinterlassen, verbunden mit Wünschen des Friedens für die nachfolgende Generation“, so der Dekan. Das Lied „Gib uns Frieden jeden Tag“ wurde im Freizeitheim in Erlach von dem Cannstatter Rüdiger Lüders und Kurt Rommel gedichtet. „Auch haben wir Hoffnungsworte, die uns in der Coronazeit sehr gestützt haben, in der Kapsel hinterlegt: Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2.Timotheus 1,7).“
In die aktuelle Kapsel wurde ferner laut Dekan eine Broschüre über die Stolpersteine in Bad Cannstatt platziert. Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler habe auch einen Bericht eingelegt, Broschüren über Bad Cannstatt, eine Cannstatter Zeitung vom 2. Juni 2025, den Lokalteil der Stuttgarter Zeitung vom 3. Juni 2025 und eine aktuelle Ausgabe des Kicker über den Pokalsieg des VfB.
Dübgen transkribiert derzeit Kopien der Dokumente aus den alten Kapseln. Eine aufwendige Arbeit. So liest er sich Stück für Stück durch die Zeitgeschichte der Stadtkirche. Auch der landeskirchliche Archivar Andreas Butz stand bei der Eröffnung zur Seite und entziffert nun das älteste Dokument der Zeitkapsel von 1661. Es beschreibt einen großen Sturmwind, den es gab und der dafür sorgte, dass der Knopf und der Hahn auf dem Turm herabgeworfen wurden und kaputt gegangen sind, wie Butz mitteilte.
Am Dienstag, 17. September 1661, sei er von Goldschmid Johann Schlotterbeck aus Vaihingen/Enz im Rathaus repariert und drei Tage später von Werkmeister Jakob Schnecken wieder auf den Turm hochgebracht worden. Dies dokumentieren Unterschriften von Dekan Friedrich Rieß, Diakon Johann Kucriell bis hin zum Vogt Valentin Andreas Schragmüller. Auch der damalige Bürgermeister Johann Spittler und David Speidel werden erwähnt, ebenso wie der Stadtschreiber Johann Jakob Wintzenburger, Gerichtspersonen und Ratsverwandte. Letzteres waren die Gemeinderäte. Dübgen sagte, dass auch in den anderen Dokumenten meistens erklärt werde, was saniert worden sei, wer es genehmigt und bezahlt habe. 1791 sei der Hahn abmontiert worden und erst 1874 wieder aufs Dach gekommen. In der Zwischenzeit sei ein Blitzableiter am Turm montiert worden.
Zu den ältesten Zeitungen in den Zeitkapseln gehört die Cannstatter Zeitung, die in diesem Jahr 201 Jahre alt ist. So fand sich darin eine Ausgabe vom 27. August 1904. Dort wird in der 16-seitigen Ausgabe für Stadt und Oberamt Cannstatt zugleich Untertürkheimer und Fellbacher Anzeiger im Politik-Bereich des Titelblatts etwa über die Wirksamkeit der Brüsseler Zuckerkonvention berichtet, die seit einem Jahr in Kraft und „ersprießlich“ sei. Die Konvention habe weder den Zuckerverbrauch vermindert noch sei der Rübenanbau zurückgegangen. Das Gegenteil sei der Fall. Die Herabsetzung der Steuer habe für eine Zunahme des Bedarfs in den mittleren und kleineren deutschen Haushalten gesorgt. Der inländische Verbrauch habe die Ausfuhr überstiegen.
Die Zeitreise in den Dokumenten führt weiter zur Stuttgarter Zeitung von 1963 mit 72 Seiten. Dort wird thematisiert, dass frühere NS-Richter in der Bundesrepublik entfernt werden sollten. Dafür solle das Grundgesetz geändert werden, wie der Bundesrat fordert. Auch auf dem Titelblatt wird über die Vorbereitung der Verhandlungen über einen Stopp der Atomversuche, die in Moskau beginnen, berichtet.
Gefunden wurden in den Zeitkapseln Dokumente vom September 1661, Juli 1719, September 1753, April 1791, 1874, August 1904, Juli 1963 und nun neu eingebracht von Juni 2025. Auch der Handwerker Peter Bielohlawek hat nun eine Kapsel eingelegt mit einer Dokumentation der aktuellen Arbeiten am Turmdach. Zuletzt wurden die Turmgeländer wieder montiert. Der Hahn soll laut Dekan Mitte Juli wieder nach oben kommen und die Uhren, deren Zeiger schon montiert werden, erst wieder zum Laufen gebracht werden, wenn alle Bauarbeiten zu Ende sind.