Fußball in der Jugoliga Als Dinamo Stuttgart den Pokal holte
1971 geht in Württemberg ein eigener Spielbetrieb für Gastarbeiter aus Jugoslawien an den Start: Die Jugoliga. Doch der hiesige Fußballverband gibt dabei keine gute Figur ab.
1971 geht in Württemberg ein eigener Spielbetrieb für Gastarbeiter aus Jugoslawien an den Start: Die Jugoliga. Doch der hiesige Fußballverband gibt dabei keine gute Figur ab.
Gojko Cizmic erinnert sich noch genau daran, wie er im Oktober 1969 nach Stuttgart kam. „Den Bahnhof hatten damals die Italiener in ihrer Hand“, sagt er und lacht. „Aber Anfang der 70er Jahre übernahmen wir Jugoslawen.“
Es war der Lauf der Zeit: Das erste Anwerbe-Abkommen für Gastarbeiter hatte Deutschland 1955 mit den Italienern abgeschlossen. 1968 kam mit Jugoslawien das letzte Abkommen zustande: Erstmals durften Gastarbeiter aus einem kommunistischen Land offiziell in die Bundesrepublik einreisen. Und die Jugoslawen kamen in großer Zahl. 1973 sind es allein in Baden-Württemberg rund 200 000 Gastarbeiter vom Balkan.
Fußball spielen war ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Das ist bei Cizmic nicht anders. Er wohnt in Stuttgart-West. Eines Tages kommt er an der Schickhardt-Schule vorbei und sieht ein paar Männer dort kicken. „Ich hörte ein paar jugoslawische Schimpfwörter und durfte gleich mitspielen“, erzählt er.
So war das damals: Man trifft sich auf dem Bolzplatz. Es entstehen Freundschaften. Aus den losen Treffen werden Mannschaften und Vereine. Der erste Club formiert sich in Tuttlingen und nennt sich Adria. In Stuttgart, Schwenningen, Reutlingen und vielen anderen Städten gründen sich weitere Teams.
Sie heißen Metalac (Metallarbeiter) Stuttgart-Zuffenhausen, Radnik (Arbeiter) Sindelfingen, Mladost (Jugend) Wangen im Allgäu, Polet (Aufschwung) Ravensburg oder Bratstvo (Brüderlichkeit) Schwenningen.
Doch während in allen anderen westdeutschen Regionalverbänden die jugoslawischen Vereine im normalen Spielbetrieb antreten dürfen, sagt der Württembergische Fußballverband (WFV): Ne! Ausgerechnet dort, wo die meisten Gastarbeiter vom Balkan angekommen sind, geht das nicht.
Sein Nein begründet der WFV „mit Verweis auf internationale Regeln“, klärt der Stuttgarter Fußball-Autor Bernd Sautter auf. Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sich für eine Teilnahme der jugoslawischen Vereine am regulären Spielbetrieb ausspricht, stellt der WFV hintenan.
Gojko Cizmic findet dafür klare Worte: „Wir waren eine Getto-Liga.“ Der heute 77-Jährige sagt mit dem ihm eigenen Humor: „Bei der Kehrwoche durfte ich mit den Schwaben gemeinsame Sache machen, im Fußball wurden wir ausgegrenzt.“ In 22 Jahren habe er „kein einziges Mal gegen eine deutsche Mannschaft gespielt“.
Auch in der Berichterstattung der Zeitungen spiegelt sich das wider. Die „Schwäbische Zeitung“ beispielsweise bringt erstmals 1985 eine Kurzmeldung über die seit 1972 bestehende Mannschaft von Polet Ravensburg, als sich Polet fürs Pokalfinale qualifiziert hatte.
Recherchiert hat das Luka Babic, Historiker an der Universität Tübingen. Sein Vater trug einst das Trikot von Polet. Naheliegend also, dass Luka Babic nachzuforschen begann und schließlich die „Jugos im Abseits“ zum Thema seiner wissenschaftlichen Abschlussarbeit machte. Auch Cizmic hat die Jugoliga in einem 400 Seiten starken Wälzer aufgearbeitet. Darin findet sich nahezu alles über Ergebnisse, Spieler und Saisonbilanzen.
Die Jugoliga nimmt nach ihrer Gründung im Jahr 1971 rasch Fahrt auf. Startschuss war ein Turnier im Juni 1970 in Stuttgart-Degerloch. Der DFB genehmigte dem jugoslawischen Verband schriftlich, dass er einen Pokal stiften durfte. Dieses Schreiben, so berichtet der für Metalac Stuttgart-Zuffenhausen auflaufende Cizmic, war der Dosenöffner für eine einzigartige Konstellation.
Der jugoslawische Fußballverband und das Konsulat der Sozialistischen Föderativen Republik (SFRJ) unterstützten die Gastarbeitervereine dabei, einen eigenen Spielbetrieb aufzubauen. Am 21. Februar 1971 wurde schließlich die Jugoliga aus der Taufe gehoben. „Es begann als sogenannte experimentelle Liga mit 13 Vereinen“, so beschreibt Sautter das einzigartige Konstrukt.
Schon in der zweiten Saison waren es 27 Teams. Der Höhepunkt war 1981 erreicht, als 108 Mannschaften am Pokalwettbewerb teilnahmen. Im Neckarstadion wurde im Finale vor mehreren Zehntausend Zuschauern der Sieger ermittelt.
Bis 1973 wurde nach der Spielordnung des jugoslawischen Verbands gespielt. Dann kam es – auch durch den immer größer werdenden Druck des DFB – zu einer Verständigung mit dem WFV. Es wurde beschlossen, dass die jugoslawischen Vereine dem WFV beitreten.
Die Jugoliga aber blieb dennoch als separate Spielklasse bestehen. Der WFV stellte fortan allerdings die Schiedsrichter und bot auch Schulungen für Schiris und Trainer an. Cizmic erinnert sich: „Das Erste, was wir vom WFV bekamen, war der Bußgeldkatalog für Regelverstöße!“ Vieles blieb trotzdem an den Gastarbeitervereinen hängen. Vorneweg „die schwierige Aufgabe, mit den deutschen Kommunen und örtlichen Vereinen die Platzfrage zu klären“, so Sautter.
Doch obwohl sich der WFV laut Historiker Babic „damals in der Integrationsfrage komisch angestellt hat“, gab es auch einen positiven Effekt. Die Jugoliga wurde „das Fundament für ein großes Netzwerk der Jugoslawen in ganz Württemberg“, so der 31-Jährige. Sportpionier Cizmic ergänzt: „Ich habe bei den langen Reisen zu den Auswärtsspielen gelernt, wie schön Baden-Württemberg ist.“
Und der jugoslawische Verband war auch zufrieden. Die Führung unter Präsident Tito konnte so den nationalen Zusammenhalt der Ausgewanderten stärken. „Nation Building in der Fremde“, nennt das Babic. Sprache und Kultur der Heimat blieben erhalten. Zu dieser Zeit lebten sechs südslawische Völker und zahlreiche Minderheiten in Jugoslawien. In Deutschland kickten sie vereint.
Dennoch ist die Jugoliga zum Scheitern verurteilt. In Jugoslawien brechen die Spannungen zwischen den Volksgruppen auf. „In der Heimat herrschte ab 1991 Krieg, und hier sollten die Jugoslawen zusammen Fußball spielen. Das ging nicht mehr“, sagt Babic. Zudem hatten die Balkan-Vereine in Deutschland keine Jugendmannschaften.
Den jungen Jugoslawen ist die harte Gangart ihrer Väter zu heftig. Babic: „Der Nachwuchs war ein massives Problem. Die jungen Leute hatten keinen Bock auf die Jugoliga.“ So kam es, wie es kommen musste: Allein nach der Saison 1990/91 meldeten sich 30 Vereine vom Spielbetrieb ab. 1992 schließlich wurde die Jugoliga aufgelöst – Vorbote für das Ende Jugoslawiens.