Futuromundo in Stuttgart MyMachine: Kinder erfinden Traummaschinen

So sieht eine Traum-Massage-Maschine aus. Foto: MyMachine/z

Kreativität soll gefördert werden: Grundschüler, Studierende und die Sekundarstufe arbeiten zusammen, um funktionierende Prototypen herzustellen – jetzt auch in Stuttgart.

Eine Maschine, die Langeweile bekämpft? Oder eine, die Komplimente macht? Vielleicht sollte es eine Maschine geben, die Pommes abfeuert? Ja, warum nicht? Was sich für viele im ersten Moment verrückt anhört oder vielleicht den Anschein erweckt, als sei es unmöglich, so eine Maschine zu bauen, der kennt das Projekt „MyMachine“ noch nicht. Hier ist alles erlaubt!

 

2007 wurde MyMachine in Belgien ins Leben gerufen – unter anderem von Piet Grymonprez. „Das Projekt beginnt dort, wo wir das größte, normbrechende, kreative Potenzial erwarten können: in den Grundschulen.“ Dort werden Kinder eingeladen, ihre Traummaschine zu erfinden. „Eine Traummaschine kann alles Mögliche sein. Wir betrachten zum Beispiel einen Stuhl auch als eine Maschine, die einem hilft, sich hinzusetzen“, erklärt der Ingenieur- und Kommunikationswissenschaftler. „In Schritt 2 helfen Universitätsstudenten dabei, ein Konzept für die Ideen der Kinder zu entwerfen; in Schritt 3 helfen Sekundarschüler aus technischen oder beruflichen Schulen dabei, die Maschine herzustellen.“ So sind bislang Zehntausende Traummaschinen in 13 Ländern und auf drei Kontinenten auf Papier gezeichnet und 625 funktionierende Prototypen gebaut worden. „Eine Maschine wurde zu einem kommerzialisierten Produkt, dessen Verkäufe unsere Mission unterstützen.“ MyBoo heißt der leuchtende, fröhliche Geist, der Kinder in der Nacht beschützt und böse Geister verschwinden lässt.

Mehr Kreativität im Bildungssystem gefordert

Egal, was aus der Traummaschine eines jeden einzelnen Kindes passiert, ob der Entwurf ernst gemeint oder albern ist: Es geht um den Prozess, den Weg und das Lernen. „Wir fördern brillante Köpfe, die es immer noch wagen, anders und kreativ zu denken. Dies ist für den Fortschritt unerlässlich, denn alte Gewohnheiten öffnen keine neuen Türen“, heißt es auf der Internetseite von MyMachine. „Wenn wir wirklich bahnbrechende Lösungen unter anderem für Armut, Krebsbehandlung, Weltraumforschung, Mobilität, Energie, gesunde Lebensmittelversorgung wollen, müssen wir diejenigen fördern, die es wagen, anders zu denken.“ Diese – oft zunächst als verrückt wahrgenommenen – Ideen kämen von Menschen, die den Mut haben, sie auszudrücken und zu testen. „Wir haben MyMachine gegründet, weil wir mehr Kreativität im Bildungssystem wollen“, betont Grymonprez.

Das Projekt ist nun auch in Deutschland angekommen – genauer gesagt in Stuttgart. Zu verdanken ist das den Brüdern Leonard und Gordon Sommer sowie ihrer Initiative Classroom Thinktank. Der Verein hat sich der Förderung von Kreativität im schulischen Lernen verschrieben. „Durch innovative Prinzipien und Methoden wollen wir eine Lernkultur schaffen, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die Kreativität der Schüler entwickelt und sie auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet“ , sagt Leonard Sommer.

Es gibt keine Grenzen

Im ersten Jahr von „MyMachine“ in der schwäbischen Landeshauptstadt soll das gemeinsam mit der Universität Stuttgart, dem Galileo Bildungshaus und der Max-Eyth-Schule gelingen. Seit Januar läuft das Projekt. Alle rund 180 Grundschüler aus dem Galileo Bildungshaus waren zunächst aufgefordert, ihre Traummaschine zu entwerfen. „In einer Welt, die immer komplexer wird, ist es wichtig, dass Schüler nicht nur die Grundlagen der Mathematik oder Physik verstehen, sondern auch lernen, kreativ zu denken und zu handeln“, sagt Petra Ferrari, Gründerin und Schulleiterin des Galileo Bildungshauses. Grenzen gibt es dabei keine. Das war auch den 16 Studierenden der Uni Stuttgart bewusst, als sie in den Prozess eingestiegen sind und die Grundschüler besucht haben. Die Maschinenbauer, Ingenieure, Luft- und Raumfahrttechniker, Architekten und Co. staunten nicht schlecht, auf was für Ideen die Mädchen und Buben kamen. „Es war ein toller generationenübergreifender Austausch“, bilanziert Nana Moutafidou aus der Abteilung Innovationen und Projekte in Studium und Lehre der Uni Stuttgart.

Aus allen rund 180 Entwürfen galt es dann aus jeder Klassenstufe drei Traummaschinen auszuwählen. Das durften die Kinder selbst übernehmen. Die Fragestellung bei der geheimen Abstimmung lautete: „Welche Maschine würdest Du gerne selbst ausprobieren?“ Anschließend prüften die Studierenden die zwölf Entwürfe auf Herz, Nieren und Umsetzbarkeit, ehe sie pro Klassenstufe eine Traummaschine bestimmten, die gebaut werden soll. Ausgewählt wurden ein Schloss, aus dem man verwandelt heraustritt, eine Plastik-aus-dem-Meer-fisch-Maschine, ein Freund fürs Leben und ein Schatz-vom-Meerboden-Sammler-Boot. Alle Grundschüler bekamen nach der Wahl noch einmal die Chance, an diesen vier Entwürfen zu arbeiten, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Aktuell erstellen die Studierenden Baupläne, Skizzen und kleine Modelle, ehe die Max-Eyth-Schule übernimmt, um die Prototypen zu bauen.

Es geht um eine gemeinsame Vision

Der Prozess, von der ersten Idee zur fertigen Traummaschine, ist langwierig und anspruchsvoll – er dauert mehrere Monate. In dieser Zeit lernen die Teilnehmer, was es bedeutet, im Team zu arbeiten, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Das Ergebnis ist mehr als nur ein funktionierender Prototyp: Es ist eine wertvolle Lebenserfahrung, die das kreative Selbstvertrauen der Schüler stärkt. „Das Besondere an MyMachine ist, dass der Wettbewerb ausgeschaltet wird“, erklärt Anne Gsell, Schulleiterin der Max-Eyth-Schule. „Es geht nicht darum, zu gewinnen, sondern gemeinsam eine Vision zu entwickeln und zu realisieren. Diese Haltung fördert eine Kultur des Lernens, in der Teamarbeit und gegenseitiger Respekt im Vordergrund stehen.“

Das Konzept von „MyMachine“ hat auch Oberbürgermeister Frank Nopper begeistert, der die Schirmherrschaft des Projekts übernommen hat. In den nächsten Jahren soll mit Hilfe von Förderern auch weiteren Schulen in Baden-Württemberg die Teilnahme ermöglicht werden.

Die Premiere von MyMachine in Deutschland wird auch im Rahmen des Zukunftsfestivals Futuromundo gefeiert. Die Präsentation der fertigen Prototypen findet am 3. Juli, 15 Uhr, statt. Weitere Informationen gibt es unter www.futuromundo.com.

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