Futuromundo in Stuttgart Wie sieht die Schule der Zukunft aus?
Schon heute gibt es in Baden-Württemberg Schulen, die andere Wege beschreiten. Achim Beule vom Kultusministerium nennt Beispiele und wirbt für das Festival Futuromundo.
Schon heute gibt es in Baden-Württemberg Schulen, die andere Wege beschreiten. Achim Beule vom Kultusministerium nennt Beispiele und wirbt für das Festival Futuromundo.
Vom 3. bis 5. Juli feiert das Festival Futuromundo seine Premiere in Stuttgart – mit vier Zukunftskonferenzen und dem Kessel Festival auf dem Wasen. Auch das Thema Bildung rückt dabei in den Vordergrund. Die Zukunft des Lernens wird bei Vorträgen und in Workshops diskutiert. Internationale Referenten sind dabei, aber auch Schulleiterinnen und Schulleiter aus Baden-Württemberg, die über „Schulwandel konkret: Strategien und Hürden aus der Praxis“ sprechen.
Herr Beule, vom 3. bis 5. Juli findet in Stuttgart zum ersten Mal das Festival Futuromundo statt. Das Kultusministerium unterstützt die Veranstaltung, und Sie werden ein Panel mit Schulleitungen moderieren. Warum sind Sie dabei?
Futuromundo steht für eine intensive Auseinandersetzung mit Zukunft und Wandel. Ziel ist es, Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen, um gemeinsam Zukunft aktiv zu gestalten und den Wandel als Chance zu begreifen. Und wenn es um unsere Zukunft geht, spielt Bildung eine zentrale Rolle. Nach den ersten Gesprächen mit den Veranstaltern Leonard und Gordon Sommer war klar: Das Kultusministerium muss bei diesem Event mit im Boot sein.
Bei Futuromundo wird es auch um die Schule von morgen gehen. Haben Sie eine konkrete Vorstellung, wie sie aussehen sollte?
Ich glaube, es braucht keine Vision, sondern vielmehr Offenheit, um Veränderungen zuzulassen. In Baden-Württemberg gibt es eine Reihe von guten Ansätzen, wie die Schule in Zukunft aussehen kann. Wir müssen nur genau hinschauen, was dort anders gemacht wird und vor allem hinhören, was die Schulen brauchen. In den Gesprächen mit Schulleitungen und Lehrkräften geht es immer wieder um Zeit und Freiräume. Daher ist es wichtig, dass wir den Schulen mehr Möglichkeiten eröffnen beziehungsweise aufzeigen, welche Optionen sie bereits heute haben. Die Vielzahl der Beispiele im Land macht deutlich, was möglich ist. Wichtig erscheint mir, dass wir diese Beispiele sichtbar machen und dass wir darüber reden müssen. Und das werde ich im Rahmen meines Panels zum Thema „Schulwandel konkret: Strategien und Hürden aus der Praxis“ auch mit Schulleiterinnen und Schulleitern am 3. Juli tun.
Wer wird da dabei sein?
Micha Pallesche, der Schulleiter der Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe; Petra Ferrari, die Gründerin und Leiterin des Galileo Bildungshauses in Stuttgart; Stefan Ruppaner, der ehemalige Schulleiter der Alemannen-Gemeinschaftsschule in Wutöschingen; Nicole Stockmann, Schulleiterin vom Ellental-Gymnasium in Bietigheim-Bissingen und Marlon Lamour von der Freihof-Realschule in Kirchheim. Das sind alles Schulleitungen, die sich schon auf den Weg gemacht haben und Veränderung konkret gestalten.
Wie sehen die Wege dieser Schulen aus?
Die Realschule in Kirchheim arbeitet zum Beispiel im Modellprojekt „Zukunftsdays – Freiräume für Zukunftsgestaltung“ mit. In diesem Projekt werden mit den Schulen Wege entwickelt, wie das innovative Lernformat des „Frei Days“ an die individuellen Bedürfnisse und Ressourcen der Schule angepasst werden kann. Die Projektaktivitäten an den Schulen sollen sich am Bildungs-plan und den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen orientieren und dabei die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler direkt einbeziehen. Unser Ziel ist es, mit dem Projekt Schulen im Veränderungsprozess zu ermutigen und zu stärken. Im Rahmen des Projektes kooperieren wir mit der Initiative „Schule im Aufbruch“.
Gibt es weitere positive Beispiele?
Aus meiner Sicht ist das Projektfach „L.E.B.E.N.“, das an der Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe umgesetzt wird, beinahe schon ein Klassiker. Es soll den Schülerinnen und Schülern helfen, sich in der Gesellschaft zu engagieren, Selbstwirksamkeit wahrzunehmen und verantwortlich zu handeln. Und zu Stefan Ruppaner muss man eigentlich nicht mehr viel sagen, sein Buch „Das könnte Schule machen – Wie ein engagierter Pädagoge unser Bildungssystem revolutioniert“ ist aktuell in aller Munde. Er hat in den zurückliegenden Jahren eine Schule von Grund auf umgekrempelt.
Sind diese Beispiele auf alle Schulen übertragbar?
Erfahrungen von einzelnen Schule eins zu eins auf andere Schulen zu übertragen, wird vermut-lich kaum funktionieren und ist meines Erachtens auch nicht sinnvoll, da die Bedingungen vor Ort zum Teil doch sehr unterschiedlich sind. Was es braucht ist Veränderungsbereitschaft und Veränderungswille. Es braucht aber auch eine gemeinsame Vorstellung von Schule und Bildung, und damit ist eine kritische Auseinandersetzung vor Ort notwendig, wie Veränderung konkret gestaltet werden soll. Ich muss an eine Aussage eines Schulleiters denken, der im Rahmen einer Schulentwicklungstagung sagte: „Wir sind eine klassische Schule, aber die Zeit ist irgendwie reif, dass wir angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen Veränderungen vornehmen müssen!“
Wenn diese Erkenntnis gereift ist, wie geht es dann weiter?
Wichtig ist, dass man versucht alle Akteure in der Schulgemeinschaft einzubinden – Schulleitung, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, aber auch die Eltern sowie weitere schulrelevante Akteure. Es wird Beteiligte geben, die Feuer und Flamme sind, andere, die sich zurückhalten und erst einmal zuschauen. Und es wird auch Skeptiker geben, die die Veränderung kritisch wahrnehmen werden. Die Schule zu verändern wird nicht von heute auf morgen gelingen. Insgesamt muss man behutsam und in kleinen Schritten vorgehen – man muss die Betroffenen mitnehmen und einen gemeinsamen Weg finden. Veränderung zu gestalten ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint und bedarf Raum und Zeit.
Wo liegen Ihrer Meinung nach aktuell die Schwächen im Bildungssystem?
Lassen Sie mich einen Aspekt in den Blick nehmen. Wir brauchen mehr Freiräume in den Schulen und sollten dazu ermutigen, die bestehenden Handlungsräume aktiv zu nutzen. Schülerinnen und Schüler sollen fächerübergreifend und projektorientiert arbeiten können, um sich mit gesellschaftlichen relevanten Fragestellungen auseinanderzusetzen, die an der Lebenswirklichkeit anknüpfen. Dabei erhalten sie die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und Engagement zu zeigen. Letztlich müssen unsere Schülerinnen und Schüler konkret erleben, dass sie ihr Lebensumfeld verändern können. Mit dem Modellprojekt „Zukunftsdays – Freiräume für Zukunftsgestalten“ versuchen wir beispielsweise diesen Weg zu gehen. Aktuell engagieren sich hier 20 allgemein bildende Schulen. Im Rahmen der Projektumsetzung entstehen derzeit vielfältige neue Initiativen und konkrete Projektideen von Schülerinnen und Schülern.
Welche zum Beispiel?
Beim Besuch des Friedrich-List-Gymnasiums in Asperg wurden von den Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 9 ihre Planungen präsentiert – mit beeindruckender Themenvielfalt und gesellschaftlicher Relevanz. Dazu zählten unter anderem die Auseinandersetzung mit Rassismus im Schulalltag, die Kooperationen mit der Tafel Ludwigsburg, einem Seniorenheim im Umfeld der Schule und einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe sowie die Reaktivierung des Schulgartens.
Das ist eine ganze Menge.
In der Tat. Und was diese Projekte besonders macht, ist ihre Entstehung: Sie sind aus der Initiative der Schülerinnen und Schüler selbst hervorgegangen. In Gesprächen wurde deutlich, was sie motiviert: „Es sind unsere Projekte, unsere Themen – das motiviert uns. Wir können selbst etwas bewirken, etwas machen. Es geht um uns – wir handeln, statt fremdbestimmt zu sein.“ Dieses Engagement ist spürbar und zeigt, wie stark der Wille zur Mitgestaltung ist, wenn echte Freiräume vorhanden sind.
Das hört sich spannend an. Wie schaffen Sie es, dass beim Festival möglichst viele Menschen zusammenkommen, die Schule verändern wollen?
Wir wollen den Schulen, den Seminaren für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte und den Schulsprechern ermöglichen, an der Futuromundo-Konferenz „Die Zukunft des Lernens“ teilzunehmen. Das Kultusministerium bietet gemeinsam mit Futuromundo ein sogenanntes „Schul- beziehungsweise Seminardelegationsticket“ an. Eine Karte muss gekauft werden, und insgesamt bekommt man dafür drei Tickets. Im Idealfall können die Schulen dann mit einem Schulentwicklungsteam bestehend aus der Schulleitung, einer Lehrkraft und einer Schülerin oder einem Schüler teilnehmen. Dies ist allerdings keine Vorgabe.
Was versprechen Sie sich von Futuromundo?
Ich erwarte Tage voller Inspiration und Motivation. Ein Feuerwerk aus vielen Ideen. Es ist beeindruckend, was die Veranstalter auf die Beine gestellt haben. Futuromundo und insbesondere das Zukunftsfestival des Lernens ist etwas Besonderes für Stuttgart und ganz Baden-Württemberg und wird bereits jetzt über die Landesgrenzen hinaus aufmerksam wahrgenommen. Und wenn die Teilnehmenden ein bisschen von dieser Inspiration mit nach Hause nehmen, Anregungen aufgreifen und motiviert werden, an der eigenen Schule Veränderungen anzustoßen, dann denke ich, dass ein zentrales Ziel des Festivals erreicht wurde.
Achim Beule
ist stellvertretender Referatsleiter für „Schulartübergreifende Bildungsaufgaben, Beratungsgremien“ des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg. Er engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für das Bildungskonzept „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) in Baden-Württemberg.
Sein Aufgabengebiet
umfasst die Förderung von Projekten, den Aufbau von Kooperationen und Netzwerkstrukturen in Kindertagesstätten, Schulen, der Lehrkräftebildung und Hochschulen sowie die Förderung einer nachhaltigkeitsorientierten Schulentwicklung. Er versteht sich auch gerne als Türöffner, um Menschen zusammenzubringen, die Veränderungen im schulischen Kontext herbeiführen wollen. „Man kann die Welt nicht alleine retten“, sagt er. Deshalb bietet er Räume an, wo sich Mitstreiter austauschen, Gedanken weiterspinnen und Ideen entwickeln können, die dann in der Praxis umgesetzt werden sollen.