Die beruflichen Schulen haben ihren festen Platz im baden-württembergischen Bildungssystem. Foto: dpa/Marijan Murat
Bekommen die beruflichen Gymnasien mit der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium Konkurrenz? Und welche Auswirkungen hat die Schulreform auf die duale Ausbildung? Was Eltern jetzt wissen müssen.
Das neunjährige Gymnasium soll wieder die Regel werden. Dabei war es über die beruflichen Gymnasien auch schon in der Vergangenheit möglich, erst nach neun Jahren das Abitur zu machen. Führt das neue G9 nun zu einer Schwächung der beruflichen Gymnasien? Felix Winkler, der geschäftsführende Rektor der beruflichen Schulen, rechnet mit „keinen größeren negativen Auswirkungen“. Die entscheidende Frage sei allerdings, wie konsequent Kompass 4 gehandhabt werde. Die Kompetenztests sind Teil der neuen Grundschulempfehlung. Hinzu kommen die Einschätzung der Lehrkräfte und der Wille der Eltern. Nur wenn mindestens zwei Komponenten für den direkten Weg zum Abitur sprechen, gibt es eine Gymnasialempfehlung.
Weniger Gymnasiasten, mehr Realschüler
„Ich habe die Hoffnung, dass mit Kompass 4 die Grundschulempfehlung wieder verbindlicher wird, dadurch mehr passgenaue Schüler an den Gymnasien ankommen und die Zahl der Schüler, die aufs Gymnasium gehen, insgesamt reduziert wird“, sagt Felix Winkler. Das wäre aus seiner Sicht eine „positive Entwicklung“. Vor allem, weil dem ein oder anderem ein oft frustrierender Misserfolg am Gymnasium und ein „Abschulen“ auf die Realschule erspart bleiben würde.
In Stuttgart wechselten in den vergangenen Jahren durchschnittlich 63 Prozent der Viertklässler ans Gymnasium. „Künftig sind es vielleicht noch 50 Prozent“, so Winklers Einschätzung. Damit würde es mehr Realschüler geben, welche die klassische Klientel für eine duale Ausbildung, ein Berufskolleg oder eben auch ein berufliches Gymnasium seien. Letztere zeichnen sich durch ihre besonderen Profile aus, zum Beispiel im naturwissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen oder kaufmännischen Bereich. Sie kommen Jugendlichen mit Stärken in bestimmten Bereichen entgegen. „Das wird weiterhin gebraucht, da bin ich mir ganz sicher“, sagt Winkler.
So sieht es auch das Kultusministerium: Das berufliche Gymnasium richte sich vor allem an Schülerinnen und Schüler mit einem mittlerem Bildungsabschluss. Diese Rolle habe es bereits erfolgreich ausgefüllt, als G9 noch die Regel gewesen sei. Derzeit machten jährlich etwa 15 000 junge Menschen an den beruflichen Gymnasien ihr Abi. „Aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit der Integration von Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Schularten sind die beruflichen Gymnasien auch nach der Umstellung auf G9 ein unverzichtbarer Baustein im Bildungsangebot des Landes“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.
Mehr Realschüler, die den Abschluss nicht schaffen?
Durch die mit der Bildungsreform geplante Abschaffung des Werkrealschulabschlusses könnte die Zahl der Jugendlichen an den Realschulen noch weiter steigen. Doch darin sieht Felix Winkler auch eine Gefahr. „Ich glaube, das führt bei den ganz Schwachen zu Verlierern, weil das Bildungsangebot für die Förderbedürftigen verloren geht. Für diese Klientel waren die Werkrealschulen immer hervorragend, weil sie dort sehr individuell gefördert und fit für eine Ausbildung gemacht werden konnten.“ Wenn dieser Bereich wegbreche, könnte es künftig mehr Realschüler geben, die den Abschluss dann aber nicht schaffen und so auch nicht in eine Ausbildung kommen. „Diese Jugendlichen werden wir dann in unseren berufsvorbereitenden Bildungsgängen auffangen müssen. Da haben wir aber heute schon deutliche Kapazitätsprobleme“, sagt Winkler.
Kooperationen erhöhen Durchlässigkeit des Bildungssystems
Eine Chance für die beruflichen Schulen sieht der geschäftsführende Rektor in den Kooperationen der verschiedenen Schularten, die künftig noch intensiviert werden sollen. So könne die bewährte Durchlässigkeit des Bildungssystems in Baden-Württemberg vielleicht sogar noch gestärkt werden. Auch das Kultusministerium hebt diesen Mehrwert hervor.
Felix Winkler, der geschäftsführende Rektor der beruflichen Schulen, ist ein Verfechter der dualen Ausbildung. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Felix Winkler betont, dass dank der beruflichen Schulen Haupt- und Realschülern grundsätzlich alle Möglichkeiten offen stehen. So können zum Beispiel Hauptschüler im Rahmen einer dualen Ausbildung oder an einer Berufsfachschule einen mittleren Bildungsabschluss erwerben. Der Grundsatz „kein Abschluss ohne Anschluss“ sei nicht nur ein Slogan.
Felix Winkler macht keinen Hehl daraus, dass er ein „Verfechter der dualen Ausbildung“ sei. „Ich sehe darin großes Potenzial für junge Menschen“, sagt er. Die Wirtschaft brauche dieses Fachkräfte. Und für sie gebe es zahlreiche Weiterbildungsmaßnahmen. „Sie können ihren Techniker oder Meister machen und haben dann auf dem Arbeitsmarkt beste Chancen. Gleichzeitig erlangen sie damit auch die Fachhochschulreife und können, wenn sie wollen, studieren“, sagt Winkler.