Gastarbeiter in Deutschland Cem Özdemir, anatolischer Schwabe und wohl bald MP

Der Wahlsieger Cem Özdemir Foto: dpa/Marijan Murat

Cem Özdemir wird wohl der erste Landeschef, der aus einer Gastarbeiterfamilie stammt. Das ist erfreulich, findet unsere Kolumnistin, aber kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen.

Man nannte sie Gastarbeiter. Vermutlich kam Mitte der 50er Jahre, als die Bundesrepublik Arbeitskräfte aus Italien, Griechenland, Spanien und der Türkei nach Deutschland anwarb, niemand auf die Idee, dass da zwei Wörter zusammengespannt werden, die eigentlich nicht zusammengehen. Einen Gast stellt man schließlich normalerweise nicht zum Arbeiten an, sondern erweist ihm Gastfreundschaft. Man kocht etwas Feines, richtet ein schönes Zimmer her und denkt sich ein interessantes Besuchsprogramm aus, um ihn zu erfreuen.

 

Um Integration scherte sich niemand

Die Gastarbeiter, die nach Baden-Württemberg kamen, erzählen eine andere Geschichte. Es ist eine Geschichte von harter Arbeit und Ausbeutung, von Einsamkeit und Heimweh, von kulturellen und sprachlichen Problemen. Es erinnert an moderne Sklaverei, wenn Betriebe Arbeitskräfte in „Stück“ anforderten. Niemand scherte sich um Integration oder Sprachkenntnisse. Schließlich sollte das Rotationsprinzip gelten und die Gastarbeiter nach zwei Jahren abgelöst werden. Doch weil sich das als zu teuer erwies, blieben sie, und nicht nur das, sie heirateten und bekamen Kinder oder holten ihre Familien nach.

Ein Wermutstropfen ist dabei

Wurzeln schlagen in Deutschland, das war eigentlich nicht vorgesehen. „Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an“, sang der türkische Musiker Cem Karacan im Jahre 1984. Ein anderer Cem wird nun der erste Ministerpräsident in Deutschland, der aus einer Gastarbeiterfamilie stammt. Man mag zu den Grünen stehen, wie man will, das ist in diesen Tagen eine großartige Nachricht. Der Wermutstropfen ist dabei, dass die Partei, die mit suggestiven Wahlsprüchen wie „Es sind zu viele“, „Du siehst es doch auch“ oder „Unser Stadtbild soll schöner werden“ auf ihre Weise an das Thema angedockt hat, bei der Landtagswahl so viele Wählerinnen und Wähler mobilisieren konnte.

Noch bis zum 21. März zeigt das Hauptstaatsarchiv Stuttgart die sehenswerte Ausstellung „Ankommen und bleiben?“ anlässlich des 70-Jahr-Jubiläums des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens. Während italienische Gastarbeiter bei uns schufteten, entdeckten wir Bella Italia als Urlaubsland. Das ist schon ein wenig bitter. Der Migrationsexperte Karl-Heinz Meier-Braun schrieb dazu in unserer Zeitung, er wünsche sich ein landesweites Projekt zur Erinnerungskultur der Migration und Integration in Baden-Württemberg.

Ja, es wäre wichtig, die Leistung der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter dauerhaft zu dokumentieren und zu würdigen, auch, um verständlich zu machen, wo die Ursprünge unser multikulturellen Gesellschaft liegen. Wir riefen sie, um unseren Wohlstand zu ermöglichen, aber sie waren Menschen zweiter Klasse.

Ein anatolischer Schwabe wird Ministerpräsident, doch noch immer werden Bewerber mit arabisch oder türkisch klingenden Namen bei der Lehrstellensuche diskriminiert. Es gibt noch viel zu tun.

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