Gauthier Dance zündet „Fireworks“ Zehn Tanz-Raketen feiern Theaterhaus-Jubiläum

Andonis Foniadakis lässt „Sharona“ von vier Tänzern zum Gesang von Erika Stucky tanzen. Foto: Gauthier Dance/Jeanette Bak

Gauthier Dance feiert 40 Jahre Theaterhaus. Für „Fireworks“ präsentieren zehn Choreografinnen und Choreografen Uraufführungen, die den Tanz zum Leuchten bringen.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Zehn Uraufführungen von zehn Tanzschaffenden? Das klingt nach einem Format zur Förderung des choreografischen Nachwuchses. Doch es sind keine Neulinge, die auf Einladung von Gauthier Dance zündeln. „Fireworks“ heißt das Programm, mit dem Eric Gauthier dem Theaterhaus zum 40. Geburtstag gratuliert. Für große tänzerische Effekte hat er große Namen der Szene verpflichtet, um ihnen im zweiten Teil ein Best-of aus dem Repertoire von Junioren und Senioren gegenüberzustellen.

 

Big wie Bigonzetti-Inger-Goecke? Das zieht. Die Vorstellungen sind bis auf eine Zusatzshow am Nachmittag ausverkauft. Und das wirkt. Bei der Premiere am Mittwoch sind vom ersten Schritt an Stimmung und Spannung im großen Saal auf dem Höhepunkt und bleiben es drei Stunden lang.

Tanz, das Feuerwerk unter den darstellenden Künsten

Animiert der Titel zu erhöhter Aufmerksamkeit? Ein Feuerwerk wirkt im Augenblick und nur da. Wer es genießen will, muss sich mit allen Sinnen darauf einlassen; Handyfotos oder -videos werden seiner flüchtigen Schönheit nicht gerecht. Das lässt sich auch vom Tanz sagen, vielleicht ist er ja das Feuerwerk unter den darstellenden Künsten.

Szene aus Marco Goeckes „Monstruo Grande“ Foto: GD/Jeanette Bak

Nicht nur Titel, auch der Sound passt zum Anlass. Daran, dass Konzerte und der Jazz von Beginn an zur DNS des Theaterhauses gehörten, durften die „Fireworks“-Macherinnen und -Macher mit ihrer Musikauswahl erinnern. Große Gefühle sind bei Namen wie dem des einstigen Theaterhaus-Stammgasts Mercedes Sosa programmiert. Marco Goecke erinnert in „Monstruo Grande“ an die große, traurige Stimme Argentiniens und lässt Shori Yamamoto mit auffallend weichen, weiten und schlingernden Bewegungen des Oberkörpers sich aus den Zumutungen des Lebens winden. Im Dialog mit Sidney Elizabeth Turtschi greifen Gesten, die unterdrücken und aufbegehren, den Kampf der Sängerin auf.

„Hold me Now“ von Dominique Dumais Foto: GD/Jeanette Bak

Dominique Dumais, Landsmännin Eric Gauthiers und Ballettdirektorin in Würzburg, lässt eine achtköpfige Gruppe zu Laurie Andersons „O Superman“ tanzen. Wie sich der harte, schnelle Rhythmus des Sprechgesangs in feinem Pulsieren wiederfindet, wie die acht in „Hold me Now“ als ein Körper atmen, um sich dann in zwei widerstreitende Gruppen zu teilen, ist unbedingt sehenswert. Das gleiche gilt für das, was Virginie Brunelle aus Philip Glass’ „Les enfants terribles“ machte. „Carousel“ heißt das Stück sinnigerweise, in dem vier Paare umeinanderkreisen und in einer expressiven, sich wiederholenden Eröffnungsszene das Serielle der Musik aufgreifen.

Gauthiers Resident-Choreograf Barak Marshall rahmt den Abend zum Roma-Brass der Fanfare Ciocarlia so temperamentvoll, wie es das Bühnenbild verlangt. Die 16 Tänzer sitzen an den beiden Seiten, die Kostüme des Abends wie ein Versprechen hinter sich. Dann treibt die Bläser-Power in diesem Ballhaus Paare einander in die Arme und erzählt davon, dass neben der Musik auch der Tanz im Theaterhaus seit vielen Jahren Menschen zusammenbringt.

Bigonzetti macht „Fully Blue“

Mauro Bigonzetti schickt Garazi Perez Oloriz und Shawn Wu „Fully Blue“, also mit viel Blues, in den „Fireworks“-Reigen. Mit Händen unterstreichen sie, was Chet Baker über seine Musik sagt. Wie Ertrinkende klammern sich die beiden aneinander, zum Song „I’m Old Fashioned“ bleiben ihre Bewegungen erst synchron, emanzipieren sich, um dann wieder zusammenzufinden.

Die Geschichte einer Liebe, eines Lebens? So erzählerisch intensiv sind viele der Beiträge. Sofia Nappi verbeugt sich in „Charlie“ vor Charles Aznavours „La Bohème“, wie in einem alten Musikfilm begegnen sich sieben Menschen auf der Straße, hier muss noch eine Krawatte dran, dort ist Zeit für Zärtlichkeit. Mit Schiebermütze und Knickerbockerhose hat das Gudrun Schretzmeier – wie den kompletten „Firework“-Reigen – passend eingekleidet und lenkt davon ab, dass der Tanz zu harmlos auftritt.

„Hymn to Freedom“ von Benjamin Millepied Foto: GD/Jeanette Bak

Sehr cool sieht Benjamin Millepieds Quartett in farbenfrohen Trainingskleidern aus, kann sich zu Oscar Pettersons „Hymn to Freedom“ aber leider nicht so von Ballettstandards freitanzen, wie es die lockeren Momente dieser charmanten Begegnung versprechen. Hingucker sind auch die intensiven Farben, die das Trio von Stijn Celis zu Bobby McFerrins „Thinkin‘ About Your Body“ mit drei Sakkos ins Spiel bringt. Fein Tänzelndes und der Körper als Rhythmusinstrument treiben die Raffinessen des Gesangs auf die Spitze.

Johan Inger fährt in „A Thousand Thoughts” Glockengeläut und irisch Klingendes vom Kronos Quartett auf. Dazu zeigt er Barbara Melo Freire und Bruna Andrade als auf sich selbst fixierte Individuen, denen es im Tanz gelingt, sich zu vergessen, um einander zu finden. Als Porträt unserer Zeit ist ihnen kein versöhnliches Ende vergönnt. Das liefert Andonis Foniadakis zu Erika Stuckys schräger Version von „My Sharona“. Mit drei Tänzern gibt er dem Bläsersound sichtbar Volumen und eine kraftvolle Basis, auf der eine Tänzerin als Verkörperung der Stimme virtuos abheben kann.

Der zweite Teil lädt zum Durchatmen ein

Überflutet der erste „Fireworks“-Akt mit Eindrücken, lädt der zweite zum Durchatmen ein. Wie da die sechs Junioren mal mit federleichter und präzise pointierter Komik, mal mit viel Gefühl die intensiven Folksongs von Devendra Banhart kommentieren, die Alejandro Cerrudo für „Lickety-Split“ verarbeitete, ist schon ganz große Kunst. Wo sie hinführen wird, demonstrierten Shori Yamamoto und Bruna Andrade in zwei Soli dann eindrücklich: Der Japaner präsentierte sich in Eric Gauthiers „ABC“ als virtuoser Klassiker, die Brasilianerin machte Goeckes „Infant Spirit“ zur anrührenden Hommage an ein Leben für den Tanz. Der darf zum Schluss noch mal richtig abheben: Auf 14 Trampolinen machen Junioren und Senioren Foniadakis’ gehüpfte „Bolero“-Version zum Tanz-Feuerwerk, das prächtiger denn je zündet.

Gibt es eine Neuauflage?

So viel Aufwand steckt in der an Farben und Kontrasten reichen Show, dass man ihr eine Neuauflage nur wünschen kann. Warum nicht 2027, wenn Gauthier Dance 20. Geburtstag feiert.

Weitere Vorstellungen von „Fireworks“ gibt es im Theaterhaus bis zum 4. Mai. Für die Nachmittagsshow am Sonntag gibt es noch Karten.

Info

Termin
Weitere Vorstellungen von „Fireworks“ gibt es im Theaterhaus bis zum 4. Mai.

Tickets
Für die Nachmittagsshow am Sonntag gibt es noch Karten zum Preis ab 17 Euro. Kartentelefon 0711/4020720; Öffnungszeiten: Mo–Fr 10–21 Uhr, Sa, Sound Feiertags 13–21 Uhr

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