Als „sehr entspannt“ beschreibt Marietta Ehret im Jahr 2022 die Geburt ihrer Tochter im Kreißsaal im Krankenhaus Leonberg, den damals die Hebamme Cornelia Kraus (links) leitete. Foto: Jürgen Bach
Marietta Ehret hat als erste Schwangere im damals neu eingeführten Hebammenkreißsaal in Leonberg entbunden. Sie bedauert die Schließung – und findet deutliche Worte.
Marietta Ehret kann nicht glauben, was da gerade im Leonberger Krankenhaus passiert. Seit 1. April ist die Geburtshilfe dicht. Im zweiten Stock der Klinik kommt seit wenigen Tagen kein Baby mehr zur Welt. An dem Ort, an dem Marietta Ehret ihr erstes Kind entbunden hat. Und noch mehr: Die 35-Jährige hat bei der Geburt ihrer Tochter als erste Schwangere das Angebot des hebammengeführten Kreißsaals genutzt. Dieses bei Gebärenden beliebte Betreuungsmodell führte Leonberg Anfang August 2022 ein. Die dazugehörende Sprechstunde startete im Mai – auch dieses zu dem Zeitpunkt neue Angebot nahm Marietta Ehret als erste Schwangere in Anspruch.
Heute wie damals spricht Marietta Ehret nur positiv über ihre Geburt. Alles sei noch präsent, sagt sie. „Eine Geburt vergisst man nie. Ich habe nur schöne Erinnerungen.“ Umso mehr bedauert sie die Schließung der Geburtsstation samt Hebammenkreißsaal.
„Alles war gut, wie es war. Ich habe darauf vertraut, dass alle um mich herum wussten, was sie tun.“
Marietta Ehret, Mutter
Obwohl das Angebot bei der Geburt ihrer Tochter neu war, habe sie sich stets wohl und sicher gefühlt. „Alles war gut, wie es war. Ich habe darauf vertraut, dass alle um mich herum wussten, was sie tun“, erzählt Marietta Ehret. Die Gespräche zuvor in der Sprechstunde zum hebammengeführten Kreißsaal seien ebenfalls gut gewesen.
Als sich Marietta Ehret in der Schwangerschaft mit der Frage beschäftigte, wo sie entbindet, hat sie sich ausschließlich das Leonberger Krankenhaus angeschaut. „Nach der Besichtigung war für mich klar, dass ich dorthin gehe.“ Marietta Ehret war es wichtig, möglichst natürlich zu entbinden und auf ärztliche oder sonstige medizinische Eingriffe und Medikamente zu verzichten – wie das in hebammengeführten Kreißsälen der Fall ist. Auch die kurze Entfernung zwischen Renningen und Leonberg sprach aus Marietta Ehrets Sicht für die Klinik.
Die Geburtshilfe gehört der Vergangenheit an: Im Krankenhaus in Leonberg können werdende Mütter seit 1. April nicht mehr gebären. Foto: Simon Granville
Mittlerweile lebt Marietta Ehret nicht mehr in Renningen, sondern in Leutkirch im Allgäu. Trotzdem verfolgt sie das Geschehen in Leonberg aufmerksam, zumal sie noch Kontakte in ihre alte Heimat pflegt. Die 35-Jährige ärgert sich darüber, wie die Verantwortlichen die vorzeitige Schließung der Geburtshilfe begründen. Sie findet deutliche Worte. „Ich frage mich schon, was man sich dabei gedacht hat, solche Aussagen zu tätigen“, sagt Marietta Ehret. „Ein schönes Projekt wird mit Füßen getreten.“
Die gesamte Gynäkologie inklusive des Kreißsaals sollte eigentlich erst im Jahr 2028 an die derzeit entstehende Flugfeldklinik verlagert werden. Ende Februar hatte der Aufsichtsrat des Klinikverbundes Südwest allerdings das Aus der Geburtsstation zum 31. März beschlossen. Tags darauf verkündeten der Landkreis und die Geschäftsführung die Pläne.
Hebammengeführter Kreißsaal war bekannt für eine hohe Qualität
Als Gründe nannten sie einmal sinkende Geburtenzahlen: Im vergangenen Jahr zählte Leonberg 457 Geburten. Laut Fachexperten sollten Geburtsstation jährlich auf mindestens 500 Geburten kommen, um Routine und Sicherheit zu gewährleisten. Außerdem argumentierten die Verantwortlichen mit der Kündigung des Chefarztes der Gynäkologie zum Ende März. Ohne Chefarzt könne die medizinische Qualität nicht mehr gesichert werden. Der hebammengeführte Kreißsaal war bekannt für eine hohe Qualität. Massive Kritik aus der Bevölkerung und aus der Kommunalpolitik folgten auf dem Fuß.
In Böblingen soll ein neuer Anlauf genommen werden
Sie finde die Aussagen der Verantwortlichen problematisch, sagt Marietta Ehret. Zu wenige Geburten pro Jahr, um die Qualität aufrechtzuerhalten? Die 35-Jährige schüttelt verständnislos den Kopf. Es klinge nun so, als hätte man Angst haben müssen, in Leonberg zu entbinden, wenn die Schließung des Kreißsaals mit einer qualitativ mangelhaften Arbeit der Hebammen begründet werde. Auch das Argument der fehlenden Routine könne sie nicht nachvollziehen. Den nicht wiederbesetzten Chefarztposten auf die Hebammen abzuschieben, sei „unfair“, sagt Marietta Ehret.
Die Aussagen der Entscheider bezeichnet sie als „irritierend“: Einerseits werde für die Verlagerung der Leonberger Geburtshilfe mangelnde Qualität angeführt, andererseits solle in Böblingen ein hebammengeführter Kreißsaal eingerichtet werden – mit Hebammen auch aus Leonberg. Sowohl dem medizinischen Personal der Geburtshilfe als auch den Hebammen wurde angeboten, künftig in Böblingen oder im Krankenhaus Nagold zu arbeiten. „Es ist schön zu hören, dass ein Hebammenkreißsaal aufgebaut wird“, sagt Marietta Ehret. Das sei ein doch „sehr positives Signal für die Arbeit der Hebammen“.
Marietta Ehret hat inzwischen ein zweites Kind bekommen. Ihr zehn Monate alter Sohn erblickte im rund 25 Minuten entfernten Krankenhaus in Kempten das Licht der Welt. Gäbe es dort oder in einer anderen Klinik in der Nähe ihres Wohnortes einen Hebammenkreißsaal – sie hätte ihn genutzt. Die 35-Jährige ist froh, dass es Hebammen gibt. „Mit der Hebamme steht und fällt jede Geburt.“