Gefährlich unterwegs Immer mehr schwere Unfälle mit E-Rollern im Kreis Böblingen

Sieht romantisch aus, ist aber hoch riskant: zu zweit auf einem E-Scooter fahren. Foto: Eibner-Pressefoto/Jürgen Binias

Ob auf Straßen, Radwegen, Gehsteigen oder in Fußgängerzonen: E-Roller sind zu einem allgegenwärtigen Phänomen geworden – und zunehmend zu einem großen Problem.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Zwei Teenager flitzen zu zweit auf einem E-Roller im Slalom durch den Passantenstrom in der Bahnhofsunterführung, der junge Mann am Lenker hat Airpods in den Ohren. Eine E-Scooter-Fahrerin wechselt abrupt von der Straße auf den Gehweg und prallt fast gegen einen Radfahrer. Ein Mann im Businessanzug pflügt auf einem Mietroller durch die belebte Bahnhofstraße und schaut dabei auf sein Handy.

 

Diese drei zufälligen Beobachtungen in der Böblinger Unterstadt stehen beispielhaft für ein Verkehrsmittel, das mittlerweile allgegenwärtig ist – und damit auch immer mehr zum Problem wird. Seit 2022 haben sich laut Polizeiangaben im Kreis Böblingen die Unfälle mit E-Rollern jedes Jahr nahezu verdoppelt. Immer häufiger kommt es dabei zu schweren Verletzungen – zuletzt bei einem Unglück an einem Bahnübergang der Schönbuchbahn in Weil im Schönbuch sogar erstmals im Landkreis zu einem Todesfall.

Verkehrswacht fordert Information und praktische Trainings

Verkehrsverbände und Polizei sehen die Elektroflitzer deshalb zunehmend kritisch. Dabei gibt es durchaus klare gesetzliche Vorschriften. „Eine Verschärfung der Strafen ist somit weniger sinnvoll“, findet Gerhard Puscher, der Vorsitzende des Vereins Kreisverkehrswacht Böblingen. Viel wichtiger seien wirkungsvolle und aufklärende Informationen sowie praktische Trainings. Diese würden aber gerade von jungen Menschen leider zu wenig genutzt. Der Böblinger Verkehrswacht-Vorsitzende regt deshalb einen Aktionstag an weiterführenden Schulen an. „Das wäre sehr sinnvoll und würde diese Zielgruppe eher erreichen.“

Bei dem für den Kreis Böblingen zuständigen Polizeipräsidium Ludwigsburg verweist Pressesprecherin Yvonne Schächtele auf eine Kampagne im Rahmen der Präventionsaktion „Gib acht im Verkehr“. Unter dem Motto „#Rideitright – e-scootern, aber richtig!“ machen Land, Polizei und Verkehrsverbänden seit 2020, also ein Jahr nach Inkrafttreten der sogenannten „Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung“, auf das Thema aufmerksam.

Laut der Polizeisprecherin ist eine der Hauptursachen für Unfälle die verbotswidrige Nutzung von Gehwegen. „Das passiert meist beim Rauf- oder Runterfahren von der Bordsteinkante, weil die Räder dafür zu klein sind“, erklärt die Polizeihauptkommissarin. Fahren unter Alkohol- und Drogeneinfluss sei ebenfalls ein großes Thema. „Grundsätzlich kommt es immer da zu einer Häufung von Unfällen mit E-Scootern, wo Leihangebote dafür vorhanden sind“, sagt Yvonne Schächtele.

Mit einiger Skepsis schaut man beim Allgemeinen Fahrrad-Club (ADFC) auf E-Roller. Sie tragen nach Ansicht des ADFC-Landesvorsitzenden Matthias Zimmermann kaum zur Verkehrswende bei. Schließlich gebe es meist gute Alternativen wie Nahverkehr und Leihräder. Problematisch sei vor allem, dass E-Scooter fast durchgängig und ohne Rücksicht auf die Umgebung mit „Vollgas“ gefahren würden. Das führe zu Konflikten – zumal Radfahrer wegen des Gewichtunterschieds bei Zusammenstößen die schlechteren Karten hätten.

Radfahrer wollen nicht in Sippenhaft genommen werden

ADFC-Chef Zimmermann warnt deshalb davor, E-Scooter durch im April in Kraft getretene Änderung der Straßenverkehrsordnung (StVO) auch dort zuzulassen, wo bisher nur Fahrräder erlaubt sind, zum Beispiel auf Gehwegen und in Fußgängerzonen. Sollten E-Scooter vermehrt in Fußgängerzonen für Konflikte sorgen, befürchtet der ADFC, dass Kommunen am Ende sowohl E-Scooter als auch Fahrräder verbieten könnten. „Das wäre nicht im Sinne der Radfahrenden oder einer nachhaltigen Verkehrswende“, so Zimmermann. Der ADFC fordert ein gutes Miteinander aller Verkehrsteilnehmer und warnt davor, dass Radfahrer für das Fehlverhalten von E-Scooter-Nutzern „in Sippenhaft“ genommen werden.

Eine Lanze für die oft jungen E-Scooter-Fahrer bricht Ekaterina Ohngemach. „Jugendliche verhalten sich nicht per se rücksichtslos“, betont die Geschäftsführerin des Kreisjugendrings Böblingen, „vielmehr stehen sie am Übergang zu einem selbstbestimmten Mobilitätsverhalten, das sie erst erlernen und erproben müssen.“ Mit präventiven Angeboten wie den von ihr mitorganisierten „Cycle Days“ wolle man beim Landkreis Wissen vermitteln, Perspektiven öffnen und Verantwortungsgefühl fördern.

„Die Herausforderungen, die wir dabei beobachten, spiegeln sich jedoch nicht nur im Verhalten der Jugend wider, sondern betreffen unsere Gesellschaft insgesamt“, verweist die Erziehungswissenschaftlerin auf generationsübergreifende Phänomene wie Schnelligkeit, digitale Ablenkung oder den Wunsch, mobil zu sein.

Unterwegs mit dem E-Scooter

Tipps von der Verkehrswacht
Fahrzeugcheck vor dem Losfahren; Smartphone und Kopfhörer gehören in Rucksack oder Tasche; Gehwege und Fußgängerzonen sind tabu; Rücksicht auf Fußgänger; zulässige Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern einhalten, zu zweit fahren ist nicht erlaubt; E-Roller korrekt abstellen, damit es keine Behinderung gibt; kein Alkohol und keine Drogen; Helm aufziehen und mit Verstand fahren.

Bußgelder
Genau wie beim Autofahren ist auch auf dem E-Scooter die Handybenutzung verboten und wird mit einem Bußgeld von 100 Euro und einem Punkt in Flensburg geahndet. Wer mit Kopfhörern unterwegs ist und wegen zu hoher Lautstärke Umgebungsgeräusche nicht mehr wahrnimmt, muss laut Polizeiangaben mit einem Verwarngeld von zehn Euro rechnen.

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