Erst einmal auf Rechnung bestellen: Das ist einfach, schnell und risikoreich. Doch genau diese Eigenschaften sind auch die Ursache für die teilweise fatalen Folgen dieser Zahlungsvariante.
Unter dem Hashtag "Klarnaschulden" finden sich auf TikTok hunderttausende Videos von jungen, meist weiblichen Modeinteressierten, die genau so in die Schuldenfalle geraten sind. Mehrere tausend Euro stehen viele beim Finanzdienstleister Klarna im Minus, die Kontrolle über die Ausgaben und das Shoppinghobby scheint verloren. Doch welche Rolle spielt dabei der Kauf auf Rechnung, wie geraten wir in die Kaufsucht und was hat es mit dem TikTok-Trend auf sich? Dazu haben wir zwei Expert:innen befragt.
Kauf auf Rechnung – alles easy, oder?
Der Kauf auf Rechnung ist an sich oft eine gute Option. Wenn wir beispielsweise eine neue Jeans kaufen wollen, müssen wir fast immer mehrere Modelle in verschiedenen Größen und Längen anprobieren. Da ist es nur allzu verständlich, dass nicht alle zehn Jeans, die man anprobieren möchte, per Sofortüberweisung gekauft werden. Oft wird der Kauf auf Rechnung aber auch aus anderen Gründen gewählt. Vielleicht reicht das monatliche Budget einfach nicht für die neuen Sneakers, aber dank dem Kauf auf Rechnung muss man erst im nächsten Monat bezahlen.
Was hatte ich diesen Monat nochmal gekauft?
Wichtige Faktoren, die den Kauf auf Rechnung so tückisch und gefährlich machen, kennt Cornelia Holler, Bereichsleiterin im Beratungs- und Behandlungszentrum für Suchterkrankungen der eva Stuttgart. Besonders tückisch seien Zahlungen über Zahlungsdienstleister wie Klarna, PayPal oder Amazon Pay, weil man nicht mehr bar bezahlen und auch keine Giro- oder Kreditkarte mehr zur Hand nehmen müsse. Die Abbuchung vom eigenen Konto erfolgt also nicht sofort, was dazu führe, dass der Überblick über die ausstehenden Zahlungen verloren gehe: „Dadurch bedingt sinkt die Hemmschwelle zur Tätigung weiterer Käufe, da die Käufer die Möglichkeit haben, weitere Produkte zu kaufen, ohne dass sie zuerst das Geld dafür haben müssen".
Saftige Mahngebühren
An dieser Stelle verbirgt sich laut Holler die größte Gefahr, denn können Rechnungen nicht mehr rechtzeitig beglichen werden, entstehen weitere Kosten wie Mahngebühren, die zu zusätzlichen finanziellen Belastungen führen.
Der Belohnungseffekt wird ausgehebelt
Außerdem sinkt die Motivation zu überweisen, je weiter die Bezahlung vom Erhalt der Ware entfernt ist. Denn die Sneaker sind ja schon da, die erste Freude ist verflogen und gefühlt sind sie schon in den eigenen Besitz übergegangen. Umso blöder fühlt es sich an, jetzt Geld für etwas zu überweisen, das man schon „hat“. Vielleicht ist dies die größte Tücke des Kaufs auf Rechnung.
Zwischen Shoppinghobby und Kaufsucht
Michael Semeraro, Diplompsychologe aus Düsseldorf, sieht im Kauf auf Rechnung einen Faktor, der zur Entwicklung einer Kaufsucht beitragen kann. Neben dem fehlenden Überblick könne die eigene Impulskontrolle darunter leiden: „Es kann zu einem Kontrollverlust bezüglich der Kaufgewohnheiten kommen“. Aber was ist eigentlich eine Kaufsucht?
„Die Kaufsucht zählt im Rahmen der klinischen Psychologie zu den abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“, so Semeraro. Betroffenen ist es schier unmöglich, Kaufimpulsen zu widerstehen. Deswegen entstehe vor dem Kaufverhalten eine innere Anspannung, die erst nach dem Kauf von einem Gefühl der Erleichterung abgelöst werde, beschreibt der Psychologe.
Anfangs sei der Unterschied nur schwierig zu erkennen, beschreibt Holler, später wird das Ausmaß dann deutlicher ersichtlich, wenn „Kaufen zum zentralen Lebensinhalt wird“. Die Ware wird dabei nebensächlicher, wichtiger ist der Akt des Kaufens der unser Hirn mit Dopamin flutet und das Belohnungszentrum aktiviert. Danach falle die Stimmung jedoch wieder und Frustration oder das schlechte Gewissen stelle sich ein. „Um diese negativen Gefühle nicht aushalten zu müssen, kommt es zur Wiederholung des Kaufvorgangs“, so Holler.
„In meiner Praxis haben sich bis heute nur Frauen vorgestellt!“
Die Videos des TikTok-Trends werden größtenteils von Frauen gemacht, dabei gebe es keine eindeutige Datenlage, was die Geschlechterverteilung der Betroffenen einer Kaufsucht angeht, so Semeraro. Er erklärt: „Einige Forscher konnten eine höhere Kaufsuchtgefährdung bei Frauen nachweisen, während andere Untersuchungen auf keinen Geschlechtsunterschied hindeuten“.
Diese Folgen haben Schuldenberge
Der TikTok Trend mit dem Hashtag "Klarnaschulden" zeigt, wie einfach es ist, ein ungesundes Kaufverhalten zu entwickeln. Gerade junge Menschen ohne Erfahrung mit Finanzen geraten hier schnell in Situationen, die im Extremfall durchaus kritisch werden können. Denn kommen wir unseren Zahlungen nicht nach, führt dies zu negativen Schufaeinträgen. Die ziehen oftmals auch Problemen auf anderen Ebenen nach sich, so Holler, beispielsweise wenn wir Handyverträge abschließen oder eine Wohnung anmieten wollen.
Wichtig: Hilfe holen!
Ist die Steuerungsfähigkeit über das Kaufverhalten verloren gegangen, sei es ratsam, sich professionelle Hilfe zu suchen, so Semeraro. Als geeignete Ansprechpartner nennt er Suchtberatungsstellen oder auch niedergelassene Psychotherapeuten. Er erklärt, dass Therapien an dieser Stelle die ursächlichen, unbewussten Motive und Konflikte behandeln, die sich hinter in der Kaufsucht verbergen.
Damit Betroffene aus Ihrem bisherigen Verhalten ausbrechen können, sei das Verständnis grundlegend, dass sich hinter dem unkontrollierten Kaufen meist tieferliegende, emotionale Probleme oder Schwierigkeiten verbergen würden, so Holler von der eva Stuttgart. Genauso wichtig ist es, „eine klare Bestandsaufnahme der eigenen finanziellen Lage zu machen und sich bewusst zu werden, welche Konsequenzen das Kaufverhalten bereits mit sich gebracht hat“.
Außerdem können finanzielle Pläne und Ziele gute Anhaltspunkte für gesünderes Verhalten schaffen. „Auch das Erstellen eines Budgets und das Vermeiden von elektronischen Zahlungsmitteln können dabei helfen, das Kaufverhalten zu kontrollieren“, rät Holler.
Nie mehr einkaufen?
Anders als beim Alkohol wird wohl kaum jemand darauf verzichten können, einkaufen zu gehen. Wieder ein kontrolliertes und selbstbestimmtes Kaufverhalten zu erlernen, sei deswegen besonders herausfordernd, erklärt Holler. Wer den ersten Schritt in Richtung Besserung machen möchte, kann sich bei der Beratungsstelle der eva zum Thema Kaufsucht melden, die von der zentralen Schuldnerberatung Stuttgart begleitet wird.
Hier gibts Hilfe!
Weitere Adressen von Sucht-Beratungsstellen in Stuttgart:
Suchtmedizinisches Behandlungszentrum (Türlenstraße 22), mehr Infos >>>
Psychosoziale Beratungs-und Behandlungsstelle der Caritas für Suchtkranke/-gefährdete und Angehörige (Katharinenstraße 28), mehr Infos >>>