Die Gänse von Thomas Rott vergnügen sich auf der Weide. Der Landwirt hofft, dass der „Seuchenkelch“ an ihm vorbeigeht. Foto: Dudenhöffer
Der Kreis Böblingen ist noch Vogelgrippe-frei. Deshalb dürfen die Gänse des Aidlinger Landwirts Thomas Rott auf der Weide watscheln. Was wäre, wenn die Geflügelpest käme?
Die Weiden sind grün, die Sonne strahlt. Auch den Gänsen scheint das milde Herbstwetter zu gefallen, schnattern und watscheln sie doch munter über die Wiesen des Landwirtschaftsbetriebs von Thomas Rott und fressen Gras. So beschaulich, wie es in Aidlingen zugeht, geht es in Deutschland aktuell nicht überall zu. Immer mehr Behörden ordnen Stallhaltung an, ein Hof im Alb-Donau-Kreis hat nach einem Nachweis der Vogelgrippe 15 000 Tiere töten müssen. Am Donnerstag ist im Kreis Reutlingen ein verendeter Kranich gefunden worden, der wie viele seiner Artgenossen am Virus starb.
Noch ist im Kreis Böblingen kein Fall eines mit H5N1 infizierten Tieres bekannt. Sorgenfrei sind Landwirte wie Thomas Rott deshalb aber nicht: „Wir alle, die Geflügel züchten, sind natürlich beunruhigt.“ Rund 300 Gänse, genauso viele Hühner und 100 Puten hält Rott auf seinem Kirchtalhof. Auch jetzt, wo die Gefahr der Geflügelpest lauert, dürfen die Tiere die Vorzüge einer Weidehaltung genießen, wie der Aidlinger Bauer erklärt: „Bis zu den Abendstunden halten sich unsere Tiere hauptsächlich im Freien auf. Dort haben sie Bewegung, fressen Gras und sind an der frischen Luft. Das ist unsere Philosophie.“ Das betreffe insbesondere die Gänse, die sowohl in Bezug auf das Virus als auch Wetter und Witterung als deutlich robuster gelten als Hühner oder Puten.
Seit 1998 führt er den landwirtschaftlichen Betrieb am Rande Aidlingens. Foto: Thomas Bischof/Archiv
Auch wenn die Vogelgrippe die Medien beherrscht, stehen bei den Rotts aktuell keine Verschärfungen bevor. „Solange wir die Tiere nicht in Ställe sperren, haben wir bis auf die strikte Einhaltung von Haltungs- und Hygienebedingungen nicht viel in der Hand. Ich gebe aber natürlich schon Acht darauf, wer Zutritt zu den Tieren bekommt“, sagt Rott. Außerdem, betont der CDU-Kreisrat Rott, werde in solchen Zeiten nochmals größerer Wert darauf gelegt, was für Viehhalter eine Selbstverständlichkeit sei: „Das A und O sind Hygiene, sauberes Wasser und gutes Futter. Das hat auch etwas mit Respekt für das Lebewesen zu tun.“ Erst wenn es vom zuständigen Veterinäramt des Landkreises Anordnungen gäbe, das Geflügel nur noch in Innenräumen zu halten, würde der Aidlinger zu der einschränkenden Maßnahme greifen.
Wichtige Zeit für Geflügelzüchter
Ein Geflügelpestausbruch, wie es ein Branchenkollege kürzlich im Alb-Donau-Kreis erlebt hat, wäre für den Aidlinger ein schwerer Schlag. Derzeit befindet sich der Gänsezüchter in der wichtigsten Zeit des Jahres: Mit „Martini“ am 11. November und dem Weihnachtsfest stehen gleich zwei Anlässe an, an denen Gänse kulinarisch eine zentrale Rolle spielen. Obwohl Rott die Gedankenspiele „Was wäre wenn“ meist von sich zu schieben versucht, ganz verdrängen lasse sich das Worst-Case-Szenario nicht: „Wenn das Virus bei uns nachgewiesen werden würde, wäre von den Tieren vermutlich nicht mehr viel übrig.“ Eine Versicherung gegen die Konsequenzen einer Vogelgrippeinfektion gebe es keine, erläutert Rott. Für getötete Tiere könne man als betroffener Landwirt aber einen Betrag aus der Tierseuchenkasse erhalten.
Nutztiere zu halten, berge immer gewisse Risiken – gerade im Hinblick auf Tierkrankheiten. Mit Gänsen, Hühnern, Puten, Kühen, Kälbern, Bullen und Schafen beherbergt Rott eine Reihe an Bauernhoftieren. Seit 1998, seitdem Rott den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb am Rande der Heckengäugemeinde übernommen hat, hat er einige Tierseuchen kommen und gehen sehen: Ob BSE, Maul- und Klauenseuche oder die Vogelgrippewellen 2020, 2021 und 2022 – keine dieser für die Tiere tödlichen und für die Halter wirtschaftlich fatalen Erkrankungen hat seinen Hof heimgesucht. „Wir hoffen, dass der Seuchenkelch wieder an uns vorbeigeht“, drückt Thomas Rott die Hoffnung wohl aller Nutztier- und im Moment vor allem Geflügelhalter auch im Kreis Böblingen aus.
Derzeit keine Gefahr für Menschen
Trotz der ansteigenden Infektionsfälle – Kunden, die beim Aidlinger auf Bestellung neben Gänsefleisch auch Fleisch von vor Ort geschlachteten Hühnern und Puten oder auch frische Eier erhalten, müssen sich keine Sorgen machen. Nach Einschätzung von Fachleuten besteht für Menschen derzeit keine Gefahr. Gerade deshalb ist Rott wichtig zu sagen: „Ich hoffe natürlich, dass sich die Menschen nicht verunsichern lassen und auch dieses Jahr wieder Gänse bestellen.“
Wie jedes Jahr wird der Aidlinger Landwirt selbst nicht nur Züchter, sondern auch Konsument sein und mit „gutem Vorbild“ vorangehen: „Auch bei uns wird es in den kommenden beiden Monaten Gänsebraten geben“, kündigt er an. Solange dürfen die Federtiere ihr Leben auf der Aidlinger Weide genießen.
Ein bedrohliches Virus für Tiere
Vogelgrippe Seit rund 100 Jahren ist das Vogelgrippevirus H5N1, oder auch Aviäre Influenza genannt, bekannt. Gelegentlich wird es auch Geflügelpest genannt. Es befällt vor allem Wild- und Nutzvögel, kann aber auch Säugetiere wie Bären, Katzen oder Robben infizieren.
Infektionsgschehen In Baden-Württemberg ist bisher nur ein Geflügelbetrieb in Öllingen (Alb-Donau-Kreis) mit einem Fall betroffen gewesen. Damit das hochansteckende Virus nicht weiter um sich greift, sind daraufhin 15 000 Tiere getötet worden. Im Radius von zehn Kilometern herrscht eine Stallpflicht.