Den letzten Auftritt in der Öffentlichkeit hatte Mike Glemser im Februar 2024. Zusammen mit seiner Freundin Lara Lindmayer besuchte der frühere Eishockeyprofi ein Spiel seines Ex-Clubs SB Rosenheim, die Fans begrüßten den Mann, den das Schicksal so hart getroffen hat, mit großem Beifall und lauten Gesängen. Nun, sieben Monate später, ist Mike Glemser, der seit eineinhalb Jahren vom Hals abwärts gelähmt im Rollstuhl sitzt, wieder in den Schlagzeilen. Weil der gebürtige Stuttgarter Klage eingereicht hat – gegen den Akteur des SC Riessersee, von dem er in der Partie, die sein Leben verändert hat, gefoult worden war. Gegenüber unserer Zeitung sprach Mike Glemser nun erstmals über die Hintergründe der Klage.
Rückblende. Am Abend des 3. Februar 2023 findet das Oberliga-Derby zwischen dem SC Riessersee und den Starbulls Rosenheim statt. Es läuft die neunte Minute, als Mike Glemser nach einem Check von Jan-Niklas Pietsch mit dem Kopf rückwärts gegen die Bande prallt. Es sieht nicht nach einem brutalen Foul aus, eher nach einem tragischen Unfall, weil der Rosenheimer Stürmer mit einem Pfiff der Schiedsrichter gerechnet und nicht unter voller Anspannung gestanden hat. Mike Glemser bleibt regungslos liegen, wird noch auf dem Eis beatmet, danach vom Spielfeld getragen. Er hat kein Gefühl in Armen und Beinen, wird in die nahe gelegene Klinik nach Murnau transportiert. Dort liegt der Eishockeyprofi, der sich den vierten und fünften Halswirbel gebrochen hat, zehn Tage im künstlichen Koma, muss zweimal operiert werden. Doch er bleibt querschnittsgelähmt, ist seither auf den Rollstuhl angewiesen. Sein Zustand hat sich zwar leicht verbessert, der Weg zu wenigstens ein bisschen Selbstständigkeit und Normalität aber ist hart und weit, auch wenn er immer noch den Kampfgeist des Leistungssportlers in sich trägt.
Der Streitwert der Klage beläuft sich auf 822 000 Euro
Nach dem Unfall gab es von Mike Glemser (26), der mittlerweile mit seiner Freundin Lara Lindmayer (25), die sich rund um die Uhr um ihn kümmert, in einer Wohnung in Pforzheim lebt, öffentlich nie Vorwürfe gegen Jan-Niklas Pietsch (33). In einem „Bild“-Interview im April 2023 sprach Mike Glemser den Verteidiger des SC Riessersee, der nach dem Foul lediglich mit einer Zeitstrafe belegt worden war, gar von jeglicher Schuld frei: „Er muss sich selbst überhaupt keine Vorwürfe machen. So ein Check gehört zum Sport dazu. Es ist einfach passiert, und wir müssen das Beste daraus machen.“
Heute würde sich Mike Glemser so nicht mehr äußern. Denn am 24. Juli 2024 hat sein Anwalt beim Landgericht München II eine Klage gegen Jan-Niklas Pietsch eingereicht, sie wird dort unter dem Aktenzeichen 12 O 2811/24 geführt. Laut Andrea Kürten, Richterin und Pressesprecherin am Landgericht München II, fordert Mike Glemser ein „angemessenes Schmerzensgeld“ nicht unter 650 000 Euro und dazu eine Erstattung des entstandenen Schadens, soweit dieser nicht durch die Berufsgenossenschaft oder andere Sozialversicherungsträger abgedeckt worden ist. Dazu zählen nach Auskunft der Juristin zum Beispiel der Verdienstausfall des Ex-Eishockeyprofis, die Kosten für ein behindertengerechtes Fahrzeug oder notwendige Umbaumaßnahmen, um barrierefrei leben zu können. Insgesamt beläuft sich der Streitwert auf 822 000 Euro.
Viel Hass im Netz
Eigentlich wollte sich Mike Glemser in der Öffentlichkeit nicht zu den Motiven der Klage äußern, hat dies gegenüber unserer Zeitung nun aber doch getan. „Meine Freundin Lara hat sich nach der Veröffentlichung meines Zustands im vergangenen Jahr bei Jan-Niklas Pietsch gemeldet, da viele gegen ihn geschossen haben und sie sich Sorgen um ihn gemacht hat. Im Netz wurde damals viel Hass verbreitet“, erklärte Mike Glemser, „aus diesem Grund habe ich beschlossen, in Interviews entweder kein Statement zu ihm abzugeben oder kurz und knapp zu sagen, dass er sich keine Vorwürfe machen soll. Diese Aussagen habe ich getroffen, um nicht noch mehr Hass zu schüren, ihn vor der Öffentlichkeit zu schützen und ihm ein besseres Gefühl zu geben, da ich nicht wollte, dass noch ein weiteres Leben zerstört wird.“ Trotzdem habe sich Jan-Niklas Pietsch seit dem Unfall „kein einziges Mal bei mir gemeldet oder gefragt wie es mir geht“.
Weiter erklärte Mike Glemser, dass ihm schon kurz nach dem Unglück geraten worden sei, die Haftpflichtversicherung seines Gegenspielers einzuschalten, um die sehr hohen Kosten, die durch den Unfall entstanden sind und noch sein ganzes Leben lang entstehen werden, zu minimieren. „Ich haben mich informiert und mir wurde versichert, dass es keine Nachteile oder Auswirkungen für ihn gibt, den Vorfall bei der Haftpflichtversicherung zu melden“, sagte der Ex-Eishockeyprofi. Alle Versuche, von dem Verteidiger des SC Riessersee Angaben über den Versicherer zu bekommen, seien jedoch ins Leere gelaufen: „Es gab bisher kein Entgegenkommen.“ Angeblich liege eine Haftpflichtversicherung vor, aus juristischen Gründen könne die Versicherung allerdings nicht direkt verklagt werden: „Deshalb muss ich den Weg über die private Klage gehen. Wobei davon auszugehen ist, dass die Haftpflicht im Falle eines Urteils den Schaden übernimmt. Ich möchte niemandem privat schaden! Mir war immer wichtig, dass es keine negativen Auswirkungen für ihn hat, sonst hätte ich von Anfang an gesagt, dass es (das Foul/Anm. d. Red.) böswillig war.“
Der Gerichtstermin ist noch offen
Derzeit gibt es noch keinen Termin für die Verhandlung vor dem Landgericht München II, da die Frist für die Klageerwiderung erst in der letzten September-Woche abläuft. Der Anwalt von Jan-Niklas Pietsch war am Dienstag nicht zu sprechen, trotz der mehrfachen Zusicherung, sich zurückzumelden. Wenn es zu einer Verhandlung kommt, wird es um viel Geld gehen. Und zugleich um ein Urteil, das Folgen für viele Sportarten haben könnte, in denen harte Zweikämpfe stattfinden.
Sollte Mike Glemser mit seiner Klage Erfolg haben, könnte es in Zukunft nach jedem Foul, das zu einer schwerwiegenden Verletzung führt, ein Nachspiel vor Gericht geben, in dem es um Ansprüche auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld geht. Auch darüber hat er sich Gedanken gemacht. „Meine Intention ist sicher nicht, den Kontaktsport zu beeinflussen“, erklärte er, „jedoch werde ich mein Leben lang sehr große Einschränkungen haben, die sich – bei allem Respekt – keiner, der nicht in einer ähnlichen Lage ist, vorstellen kann. Die alltäglichen Dinge und alles, woran ich früher Spaß hatte, sind für mich nicht mehr möglich, auch nicht der Kontaktsport, den ich ein Leben lang geliebt habe.“
Und abschließend fügte Mike Glemser noch hinzu: „Ich hoffe, dieses Statement hat einige Fragen geklärt sowie Hintergrundinformationen geliefert und ich kann mich nun wieder auf meine mentale Gesundheit und meine Therapie konzentrieren. Ich möchte alle bitten, insbesondere wegen meiner Freundin von Hassnachrichten und Hetze abzusehen und respektvoll zu sein.“